Freitag, 16. Februar 2007

"Archiv-Beitrag Star-Pianist "Alfred Brendel in der Oetkerhalle in Bielefeld

Bielefeld, 16.02.2007



Der Star-Pianist Alfred Brendel in der Oetkerhalle, Bielefeld am 16.02.2007

Eine ausverkaufte Konzerthalle begleitete den 76-järigen Welt- und Altstar-Pianisten Alfred Brendel in sein großartiges Klavierkonzert-Programm.




Foto: Alfred Brendel in der Oetkerhalle in Bielefeld
(Foto: Copyright. V.Hege)


Programm

Joseph Haydn (1732-1809) Klaviersonate Nr.20 c-Moll Hob. XVI

Ludwig van Beethoven (1770-1827) Klaviersonate Nr. 31 As-Dur op. 110

Franz Schubert (1797-1828) Impromptu Nr. 1 f-Moll D 935 und Impromptu Nr. 3 B-Dur D 935

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 -1791) Klaviersonate c-Moll KV 457

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Was dieser Ausnahme-Pianist von der Jungpianisten-Garde unterscheidet ist seine Langlebigkeit auf den Konzertpodien in aller Welt und seinem immensen Besucher-Zuspruch. Sein Spiel ist hinreißend er versteht es vorzüglich, der Musik den gewissen Atem zu verleihen gepaart mit einer vorzüglichen Anschlagstechnik und Virtuosität, professionell sein Handwerk spielte er das ganze Programm ohne Noten, als Hilfsmittel lagen vorn auf dem Flügel kleine Anmerkungen ansonsten geschah die gesamte Wiedergabe aus dem Kopf. Mitbrummend und summend mit heftigen Kinnbewegungen und einer deutenden Körpersprache lässt er das Werk an seinem Steinway-Flügelverinnerlicht mitfühlend vortragen. Berauscht und Ergriffen lauscht der Hörer zwei Stunden einem Spiel, dass in ihrer vollendeten Klarheit, Entschlossenheit und rhythmischen Bewegtheit nicht zu überbieten ist. Ein in den Jahren gekommener Ausnahme-Pianist hat nichts von seiner großartigen Kunstfertigkeit eingebüßt.

Das Programm begann mit Haydns Klaviersonate 20 c-Moll. Dieses lange Werk lebt von seinen überraschenden Wendungen und Wiederholungen. Brendel weiß es Gestalterisch und in der Struktur schlank überzeugend vorzutragen. Haydn war kein Pianist. Die Spielformen sind daher einfacher und weniger entwickelt als bei Mozart, der als konzertierender Virtuose seinen Klavierwerken jede technische Brillanz geben konnte. Erst später entwickelte Haydn in seinen Klavierstücken eine reichere Ausgestaltung und pianistischen Glanz. Über den Reichtum an Einfällen und mancher kühnen Wendung, zu sprunghaftem Wechsel zwischen hoher und tiefer Lage findet man auch in dem Spätwerk Haydns der Klaviersonate 20 c-Moll entsprechend wieder.

Elektrisierende Spannung erfolgte in den ersten Takten in Beethovens vorletzte Sonate op. 110. Die Anfangssätze weisen auf das zurückliegende Barock und vorausweisend auf die Romantik. Mit großem Gespür und Elan bewältigt Brendel furios den Auftakt. Das anschließende Arioso und Fuge pendelt Brendel gekonnt in einer aufwühlenden Derbheit und Wucht aus, um den Ausdrucksgehalt dieser Sätze die mögliche Dramaturgie - Glücksgefühl und Resignation - mitzugeben.

Während Schuberts Sonaten vielen Musikfreunden noch immer weitgehend unbekannt geblieben sind, nimmt sich Brendel ihrer an und verhilft ihnen zu einer weiteren Bekanntheit und genießen seitdem eine hohe Popularität. Die vier Impromptus entstanden innerhalb einer Gruppe im Dezember 1827, ein knappes Jahr vor Schuberts Tod. Ein fantastisches Werk ist das Impromptu Nummer 1 in f-Moll, D 935 „Allegro moderato.“ Die sinfonisch der Romantik eines anhaftenden Zuschnittes sind in lyrische dunkle harmonische Abläufe komponiert. Hier verleiht Brendel dem Werk die angemessene Spannung und Virtuosität mit einer beseelenden Wiedergabe, dass dem Besucher der Atem stockt.

Ebenbürtig erklingt Impromptu Nr. 3 B-Dur, D 935 das Andante in 5 Variationen. Dieser Variationssatz bezieht das Thema aus der Musik zu „Rosamunde“, das Schubert in seinem Streichquartett a-Moll verwendet hat. Tänzerisch spielend ein polterndes Forte und die leidenschaftliche Moll-Variation in Triolen eingebettet gelingt Brendel in seiner unnachahmlichen Art, perfekt, sinniger und leidenschaftlicher kann dieser Vortrag des Pianisten nicht erklingen, die Herzen wurden weit geöffnet und staunend lauschten andächtig die Besucher einem fast überirdischen Spiel.

Der krönende Abschluss fand mit der Sonate c-Moll KV 457 von Wolfgang Amadeus Mozart statt. Dieses Spät-Werk aus seiner Wiener Zeit zeugt von einer ungemein hohen Ausdrucksstärke, eine Komposition der Trostlosigkeit und Verzweiflung. Das Werk ist vorausschauend in das folgende Jahrhundert mit romantischen Leiden und Leidenschaften behaftet. Eine tragische Tonart, sein stürmisches Temperament, sein sinnender Ernst und kämpferische Bejahung des Schmerzes verleiht dieser Komposition eine außergewöhnliches Format mit Kompositionstechniken, die Hinweise besitzen auf Beethovens zukünftige Werke.

All diesen Nuancen wurde Brendel mehr als gerecht. Angefeindet wurde er in grauer Vorzeit wegen seiner Mozart-Interpretation, die er auch selber als schrecklich empfand und seine Aussage bestand hatte: Ich werde noch viel übern müssen, um Mozart richtig spielen zu können. In die Jahre gekommen erzielt er nunmehr eine traumwandlerische Perfektion in seinem Vortrag, so ist mir Mozart in der musikalischen Interpretation und pianistisch noch nicht begegnet, hier offenbarte sich ein Pianist von „Gottes Gnaden!“ Herz und Schmerz verstand er genial zu erzeugen. Sein Gefühls-Spiel erzeugte bei den Hörern einen Schmerzzustand, dass die persönliche Seelenlage zum zerreißend gespannt war. Sie entwich erst in langsamen Schritten nach dem erfolgten Schlussakkord. Er versteht es meisterhaft, als Vortragender seine Hörerschaft als eine lebendige Einheit und Gemeinschaft zu bilden, aus dem ein Entrinnen nicht möglich ist. Dass ist die unwiederbringliche Größe von Brendel, die man bei den jungen Zeitgenossen sehr oft vermisst.

Nur mit einer Zugabe aus dem „Impromtu“ von Schubert konnte Brendel nach einem unglaublichen Begeisterungssturm und einem staunendem und beglückten Besucherschar vom Podium gelassen werden. Ein großer Alt-Pianist verabschiedete sich von seinem Publikum, der wahrscheinlich so schnell nicht wieder zu hören sein wird, es war eine Sternstunde der Klaviermusik, die man als Zeitzeuge miterleben durfte, einfach grandios!

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