Mittwoch, 21. März 2007

Archiv Beitrag: Tonhalle Zürich, Trevor Pinnock führte sämtliche Brandenburgischen Konzerte auf

Im Januar 2007 konnte ich in Zürich ein Extrakonzert der Tonhalle besuchen. Trevor Pinnock war mit seinem neuen Ensemble “European Brandenburg Ensemble” zu Besuch. Er feierte seinen 60. Geburtstag (geb. 16. Dez. 1946) und veranstaltete darum eine Tour durch die ganze Welt. Konzertthema: sämtliche Brandenburgische Konzerte. Das heisst, etwa 140 Min. Musik mit 20 Min. Pause.

Die Tonhalle war fast bis zum letzten Platz besetzt. Da ich ein halbes Jahr im Voraus buchte, sass ich in der 5. Reihe direkt vis à vis von Pinnock. Sein Ensemble besteht aus vielen jungen Leuten, etwa die Hälfte davon Frauen. Nur wenige sind vom English Concert bei ihm geblieben, was ich sehr bedaure. Meines Erachtens machte Pinnock mit dem neuen Ensemble einen Rückschritt. Sie spielen deutlich weniger gut, was aber ganz und gar nicht der Fehler des Dirigenten ist.

Ich besitze Pinnocks Aufnahme der Brandenburgischen aus den Jahren 1979, 1980, 1982. Nun will er alles neu aufnehmen und es wird demnächst sogar eine DVD von seiner Tour erscheinen! Zu meinem Erstaunen war die Interpretation genau gleich wie die frühen Aufnahmen. Ich erwartete schon gewisse Unterschiede, da er eine neue CD aufnimmt. Wie dem auch sei, Trevor Pinnock ist eine Garantie für ausgezeichnete Interpretation, Virtuosität und brillante Qualität. Das Konzert war in jeder Hinsicht ein Genuss.

Das Concerto No.5 BWV 1050 beinhaltet im ersten Satz ein risiges und fast unspielbares Cembalosolo. Dadurch wird dieses Concerto von vielen Musikern gemieden. Doch Trevor spielte dieses Solo mit einer Leichtigkeit und dem wahren Können eines Meisters. Ich hatte das Gefühl, als würde ich in einen grossen Teppich voller Musik und höchster Kunst hinab tauchen! Pinnock war dermassen konzentriert, dass er immer wieder zackig mit dem Kopf bewegte und sein Gesicht war sehr angespannt. Ein unglaublich beeindruckendes Erlebnis, dieses Solo live zu hören, gespielt von einem Starcembalisten.

Da jedes Brandenburgische eine andere Instrumentalisierung hat, musste viel Aufwand um die Notenständer und Besetzung getrieben werden. Nach jedem Concerto gingen die Musiker hinter die Bühne, die Orchesterwarte machten ihre Arbeit und im Publikum wurde geflüstert und gehustet. Dies fand ich sehr gut, denn so konnte man das Gehörte besser verarbeiten.

Noch ein paar Worte zu seinem Musikern. Die Geigen enttäuschten mich sehr, da sie einen ziemlichen kratzigen Klang hatten, der mit der Zeit störte. Zudem machten sie viele Fehler. Die Cellisten und Bläser waren ausgezeichnet, da eben auch Musiker aus dem English Concert anwesend waren. Ich fand es hart, dass die Musiker (ausser den Celli und dem Cembalo) alle sechs Concerti stehend vorführten.

Nach dem Konzert stellte sich Pinnock für Autogramme zur Verfügung. Er sass an einem Tischchen, während eine risige Menschenmenge um ihn herumstand. Ich liess zwei CDs signieren: Die Krönungsmesse von Mozart und die Nelson-Messe von Haydn. Fast mechanisch nahm er die Gegenstände entgegen, unterschrieb und gab sie wieder zurück. Darum konnte ich fast nicht glauben was ich dann erlebte. Als er mich sah, legte er seinen Stift zur Seite und umhüllte meine Hand mit beiden Händen! Schüchtern fragte ich ihn, ob er mich erkenne. “Natürlich erkenne ich dich, du warst an dem Konzert in Freiburg, dort hatten wir uns kennen gelernt”, antwortete er mir. Dabei strahlte er mich an und ein Murmeln des Erstaunens kam von den Leuten. Das Konzert in Freiburg liegt mehr als ein Jahr zurück. Seit dem hatte er eine Tour hinter sich. Und trotzdem wusste er noch, wer ich bin. Dies war noch das köstlichste Dessert dieses wundervollen Anlasses.

Liebe Grüsse an alle

Severine

Kommentare:

Volker hat gesagt…

1. Volker /admin sagt:
21.3.2007 bei 18:00

Hallo Severine,

für den Ersteinstieg hast Du einen fantastischen Bericht hier kredenzt, ganz herzlichen Dank, anschaulich und kritisch hast Du das Konzerterlebnis wiedergegeben.

Ich finde es fantastisch, dass außerhalb des Barockorchesters von Gardiner auch seine englischen Interpreten-Mitstreiter einmal begutachtet und kritisch unter die Lupe genommen werden. Trevor Pinnock entspringt in etwa der Gardiner-Generation und weiss sich in der Klassikwelt als eine absolute Grösse darzustellen und zu behaupten.

Schade, dass er sein Orchester mit Nachwuchs-Streichern besetzt hat und die Qualität darunter leidet. Aber wann sollen junge Nachwuchskräfte einmal ihr Können unter Beweis stellen, wenn sie von den grossen Maestros nicht gefördert würden. Es ist interessant, an dieser Stelle einen Vergleich zu Gardiners Verhalten zu offenbaren, die Engländer scheinen keine Scheu davor zu haben, jungen Künstlern eine Change zu geben, sich in den Klangkörpern, ob
Chor oder Orchester oder als Gesangs-Solist mit einzubringen.

Gibt es so etwas in unseren in Deutschland “Gross-Ochestern” oder “Chören”, ich meine “Nein”, hier haben die Engländer in der Förderung von Nachwuchs-Künstlern absolut die Nase vorn, der deutsche Klangapparat scheut hier wohl ein Subtanzverlust nicht hinnehmen zu wollen??!! (Grosses Fragezeichen).

Dass das Orchester stehend das Konzert gibt, halte ich für eine aussergewöhnliche Massnahme, ist das bei Trevor P. immer so üblich? ich meine, dass so eine Praxis stöhrend auf den Besucher wirken kann oder täusche ich mich da, weil man es anders gewohnt ist, für die Streicher muss es eine zusätzliche Belastung sein, nicht sitzend zu konzertieren.

Du sprichst von einem kratzigen Klang der Geigen, sind die Instrumente von moderner Bauart oder besitzen sie “Historische Instrumente” mit normalen Saiten?

Im Gegensatz dazu sind in Gardiners Barockorchester die Streicher mit Historischen Instrumenten und Saiten aussgestattet und erzeugen dadurch einen fantastischen barocken Klang, den ich so über alles liebe.

Hieraus ergeben sich für mich ungeklärte Fragen über Fragen, die im Forum einmal ausdiskutiert werden sollten.

Hier ergeben sich doch fantastische Paralellen in der Betrachtungsweise für die Aufführungspraxis eines Trevor Pinnocks zu Gardiner.

@ Severine, für diesen tollen Einstiegsbeitrag herzlichen Dank, eine E-Mail-Benachrichtigung für deinen selbstverfassten Beitrag lässt sich leider nicht ausschalten, wenn hierzu Kommentare verfasst werden, aber das sollte auch möglichst nicht der Fall ein, da Du sicherlich an den Kommentaren zu deinem Beitrag grosses Interesse hast und wir auch darüber diskutieren möchten.

Schönen Abend und herzliche Grüsse in die Schweiz,

Volker

P.S. Ich habe deinen Beitrag in die richtige Kategorie verschoben,(ist nicht schlimm!!), wenn Du Bilder zum Einfügen des Beitrages besitzt, z.B. Tonhalle von außen und innen, dann kannst Du sie mir per Mail zusenden, ich würde sie mit einbinden.
2. Cembalo sagt:
21.3.2007 bei 18:00

Lieber Volker

Danke für deine rasche Antwort. Das Stehen beim Musizieren ist sicher nicht von Pinnock so gewollt. Beim Konzert in Freiburg sass das ganze Orchestr.

Pinnock führt die Werke nur mit historischen Instrumenten genau wie Gardiner auf. Doch der kratzige Klang bei diesem Ensemble hat nichts mit den barocken Geigen zu tun. Es lag an der Spieltechnik der Geiger.

Ich weiss nicht, ob man die jungen Leute in seinem Orchester als Nachwuchskünstler bezeichnen kann. So jung sind sie auch wieder nicht…

Aber ich bin mit dir einig, dass die Engländer einenSchritt voraus sind. Da muss man auch nur an ihre brillanten Knabenchöre, die oft mit Simon Preston arbeiten, denken. Dieses Land ist eben hochkulturell!

So, jetzt muss ich gehen, denn ich besuche wieder ein Konzert heute Abend mit unserem Symphonieorchester.

Liebe Grüsse
Severine
3. Ritus sagt:
22.3.2007 bei 13:00

Hallo Severine,

ich weis nicht, ob ich Dich schon willkommen geheißen habe.
Ich möchte es dann hier nachholen und wünsche Dir schöne Stunden im Blog.

Deinen Konzertbericht finde ich schön, da er von einem anderen
Aufführenden ausgeht. Deine persönlichen Beziehungen und das Wiedererkennen von Trevor Pinnock ist für dich sicher ganz angenehm und erfreulich, dieser hochrangige Künstler ist sich wohl nicht zu Erhaben, auch Nichtkünstlern (Besuchern)
zu begrüssen, prima, das macht nicht jeder.

Weiterhin viel Spass

Gruß

Ritus
4. Zaubermark sagt:
22.5.2007 bei 20:00

Hallo zusammen,

ich finde den Bericht über das Konzert mit Trevor Pinnock und dem European Brandenburg Ensemble sehr gelungen informativ. Besonders, weil Pinnock und das Orchester im Juli bei den Ansbacher Bachwochen gastieren und dort das Eröffnungskonzert geben. Und ich habe dafür bereits Karten.
Ich habe mit Trevor Pinnock fast schon 25 Live-Konzerte erleben dürfen und jedes war wirklich ein aussergewöhnliches Ereignis.
Zu der Frage von Volker, ob die Musiker bei Trevor immer stehend konzertieren kann ich sagen, dass es beim English Concert nie üblich war.
Von den Brandenburgischen Konzerten habe ich live nur die Nr. 1 gehört. Es war 1991 im Stadttheater in Kempten im Allgäu. Hier kann ich Severine voll und ganz zustimmen, dass sich der Interpretationsansatz im Vergleich mit der 1982 entstandenen Gesamtaufnahme nahezu nicht verändert hat. Dass die Solokadenz im 5. Konzert sicherlich ein absoluter Höhepunkt war, kann ich glauben. Trevor ist meiner Meinung nach einer der absoluten Spitzenvirtuosen auf dem Cembalo. Überigens hat er das 5. Konzert bereits zweimal aufgenommen. Die erste Aufnahme entstand 1979, war aber nur wenige Jahre auf einer LP zusammen mit der 4. Orchestersuite lieferbar und ist auf CD nie mehr aufgelegt worden.
Was mich wundert, dass Trevor nun anscheinend eher auf einen
ruppigeren, “kratzigeren” Streicherklang setzt. Gerade bei den letzten Aufnahmen, die mit The English Concert entstanden, klingen die Streicher, im Gegensatz zu früheren (wie der Gesamtaufnahme der Haydn-Sturm und Drang-Symphonien) sehr kultiviert und verglichen mit anderen Ensembles eher mild und gemässigt. Ein ähnliches Phänomen kann man auch bei Christopher Hogwood und der Academy of Ancient Music beobachten. Auch dort habe ich das Gefühl, dass der ürsprünglich sehr ruppige Streicherklang in den letzten Jahren sehr zurückgenommen wurde.
Auch ich habe mit Trevor schon persönlich gesprochen und kann nur bestätigen, dass er ein äusserst freundlicher, warmherziger Mensch ohne jegliche Starallüren ist. Auch durch diese Tatsache ist er sicherlich eine der grössten, lebenden Musikerpersönlichkeiten.

Herzliche Grüsse von Zaubermark
5. Volker /admin sagt:
23.5.2007 bei 23:00

Hallo Zaubermark,

danke für deinen Zusatz-Kommentar zu Trevor Pinnock, den ich mit Interesse gelesen habe. Wundern kann man sich über das ruppige Violinspiel, will er damit interpretatorisch etwas mit aussagen, wenn es dann so gewollt sein sollte?

Gruß
Volker

muriel hat gesagt…

Hallo, Severine, Trever Pinnock ist wirklich ein bedeutender Musiker, ich hörte ihn vor zwei Jahren in Köthen mit einem Cembaloabend.
Ich freue mich, dass Du hier mitmischst und Du wirst sicher hier Freude haben an qualifizierten und begeisterten Beiträgen.
Ein Frage, der Kommentar kam mir bekannt vor, gerade die Wiedererkennungsszene ist mir schon sehr präsent. Kannst Du mir helfen, wie es dazu kommt. Mich würde Pinnock bestimmt nicht wiedererkennen - schade.

muriel

muriel hat gesagt…

Verfl.. jetzt bin ich reingefallen. Wie kommt denn ein so alter Beitrag plötzlich bei mir in den Mailkasten. Entschuldigt

muriel

Volker hat gesagt…

Liebe muriel,

ich bin dabei, unsere alten Beiträge aus dem alten Forum nach hier zu transportieren, dabei erhälst Du alle Kommentare automatisch als "ARCHIV" ist doch auch ganz interessant, was so in der Vergangenheit besprochen wurde...!!!

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wird am 31. März 2008 geschlossen.

Lieben Gruß
Volker