Samstag, 25. August 2007

Archiv-Beitrag: Eine Renaissance für Altus-Sänger ? Einsätze bei Sir J.E. Gardiner, M. Suzuki, etc.

Hallo !

“Wie der Teufel das Weihwasser scheut”, so ergibt sich die Situation beim Einsatz eines Altus (Counter-Tenor) in der heutigen historischen Aufführungspraxis. Oft gescholten als Kastraten werden sie von vielen Besuchern - Hörern vehement abgelehnt.

Etwas zur Historie: (Auszüge von Wikipedia)

Als Countertenor (v. lat.: contratenor), auch: Altus (von lat. altus = „hoch, hell“) wird ein männlicher Sänger bezeichnet, der mit Hilfe einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimmen- bzw. Falsett-Technik in Alt- oder sogar Sopran-Lage singt.

Es gibt Versuche, zwischen Countertenor und Altus zu unterscheiden (z. B. nach den eingesetzten Anteilen von Brust- und Kopfresonanz), aber die vorhandenen Sänger weisen eine derart hohe Individualität auf, dass eine solche Differenzierung fragwürdig erscheint. Die Bezeichnung „Altus“ bezieht sich eher auf die Lage, der Begriff „Countertenor“ auf die verwendete Technik.

Ehemaliger belgischer Countertenor-Altus “Rene Jacobs”

Ein sehr bekannter belgischer Countertenor, heute ein hervorragender Dirigent: “Rene Jacobs” erläuterte in einem Interwiv mit “Arte” zu der Fragestellung eines Altus-Countertenors wie folgt:

- Mal heißt es, Sie seien ein Countertenor, mal ein Altus. Können Sie uns den genauen Unterschied erklären? -

Es gibt eigentlich keinen Unterschied nur Verwirrung. Countertenor gibt es als deutschen Begriff gar nicht. Die Mehrstimmigkeit entstand im Mittelalter so: die Hauptstimme, der Tenor, wurde zunächst von einer, dann von zwei Stimmen umspielt. Die eine sang höher, man nannte sie Contratenor altus, die andere tiefer also Contratenor bassus.

Dann kam noch eine Vierte, die höher war, dazu, die hieß Cantus. So entstanden die Begriffe Alt und Bass. Insofern hat es keinen Sinn das Wort Contratenor zu verwenden. Rein theoretisch können erwachsene Männer Alt singen; dann singen sie im Falsett-Register und da gibt es zwei verschiedene Techniken. Diejenigen, die alles im Falsettregister singen und diejenigen, die das Falsettregister mit der Bruststimme verbinden. Ich habe immer die zweite Technik verwendet.

Alle renomierten Interpreten in der “Historischen Aufführungspraxis” setzen Counter-Tenöre” mittlerweile ein wie: Sir John Eliot Gardiner, Philippe Herreweghe, Christopher Hogwood, René Jacobs, Ton Koopman, Gustav Leonhardt, Paul McCreesh, Trevor Pinnock und Masaaki Suzuki.

Der letztgenannte setzt häufig den bekannten und beliebten englischen Counter-Tenor “Robin Blaze” in seinen Konzerten und seinen Bach-Einspielungen ein.

Engl. Counter-Tenor “Robin Blaze”

Heißt es nunmehr von althergebrachten Gewohnheiten abzurücken - Einsatz einer Altistin entfällt- und sich mit diesem heutigen Phänomen anzufreunden, mir fällt es teilweise sehr schwer, da sehr blasse Counter-Tenöre (Altus) auf der Bühne antreten und ich die Kopfstimme nur bedingt mag.

Wie geht Ihr mit der Situation um, lieber wieder eine Altistin als Gesangs-Solistin, oder hört ihr auch gerne in diesem Part einen Counter-Tenor, Altus……?

Die Diskussion ist eröffent und bitte um anregende Stellungnahmen!

Ein schönes Wochenende und Grüße

Volker

Kommentare:

Volker hat gesagt…

8 Antworten auf “Eine Renaissance für Altus-Sänger ? Einsätze bei Sir J.E. Gardiner, M. Suzuki, etc.”

1. Alexander Behrens sagt:
25.8.2007 bei 23:00

Was mich auch mal interessieren würde, warum manchmal ein und derselbe Dirigent hier Frauen-Alt, da Countertenöre verwendet. Hängt das vom Stück ab? Mir persönlich ist eigentlich egal, wer da vorne steht, wichtig für mich ist der Ausdruck und die Hörfähigkeit, und da gefallen mir Counter oft besser. Ich bin auch deswegen ein Fan der King’s Singers. Ich habe mich schon oft gefragt, warum mit Frauenstimmen so ein Klang (gerade im Ensemblegesang) nicht hinzubekommen ist.

Viele Grüße! Alex

2. muriel sagt:
27.8.2007 bei 12:00

Darüber dachte ich schon ab und an nach. War es nicht auch
eine Modeerscheinung? Jedenfalls war ich zeitweilig sehr be-
geistert von den Altus (langes uuuuuuuuuuuu, bitte). Die Begeisterung hat sich nach und nach gegeben. Jetzt neige ich wieder mehr den Altistinnen zu. Aber wenn dann einer singt wie Towers und auch so aussieht, dann kann ich gern auf Altistinnen verzichten. R.Blaze hörte ich in Ansbach - Matthäuspassion -, er sang sehr musikalisch, hatte jede Höhe aber in seiner Stimme gibt es eine gewisse Schärfe, die mich auf Abstand hält.

Liebe Grüße
muriel

3. Alexander Behrens sagt:
30.8.2007 bei 22:00

Da muss ich aber mal für Robin Blaze eine Lanze brechen, einen extrem musikalischen Sänger mit für sein Fach ungewöhnlich flexibler Stimme. Dann habe ich auch nicht ganz verstanden, was du meinst mit “wenn dann einer singt wie Towers und auch so aussieht” - meinst du, er sieht aus wie Towers?

Ich meine, das kann schon sein, aber wo ist der Gesang? So viel Ahnungslosigkeit gegenüber Schmerz und Elend wie in BWV 48 Nr. 2 eine Dramatik von wagnerianischem Ausmaß, und dann das! Alex

4. Alexander Behrens sagt:
30.8.2007 bei 22:00

Habe noch eine schon ältere Aufnahme mit Jacobs als Altus gefunden:

5. Volker /admin sagt:
6.9.2007 bei 23:00

Hallo zusammen,

nach Rückkehr aus dem Urlaub höre ich diese interessante Aufnahme mit Rene Jacobs.
@Alex, mit welchem Kantatenwerk ist er hier zu hören und aus welchem Jahr ist die Aufnahme. Zu deiner gestellten Anfrage, wann ein Altus und eine Altistin zum Einsatz kommt weiß ich auch nicht zu beantworten, dieses Thema werde ich im Blog einmal öffentlich als einen eingenständigen Diskussionsbeitrag neu eröffnen.

Grüße an alle

Volker

6. Alexander Behrens sagt:
7.9.2007 bei 19:00

Hallo Volker: ich habe die mp3s nach einiger Zeit wieder entfernt - hast du sie noch rechtzeitig downgeloadet? Es war was aus der Matthäuspassion, erste Aufnahme mit Herreweghe.

7. Volker /admin sagt:
7.9.2007 bei 19:00

Hallo Alex,

ja, ich habe sie mir runtergeladen und Dank für deine Rückantwort.

Grüße
Volker

P.S. Den Cantatafinder habe ich als Reiter in der ersten Reihe mittig gesetzt, sieht besser aus zum Auffinden!!!

8. Volker /admin sagt:
26.12.2007 bei 15:00

Hallo,

Über dieses Thema: “Counter-Tenöre - Altus” wird auf Diskussions-Seiten im Internet neuerdings häufig eingegangen. Eine ergiebige und fruchtbare Diskussion
ergab sich auch auf dieser Internet-Site:

http://www.amazon.de/gp/forum/cd/discussion.html/ref=cm_cd_et_up_redir?ie=UTF8&cdForum=Fx3W3EKOZL50NYH&cdPage=1&cdItems=25&cdThread=Tx2AAPM13Y8H00L&newContentID=MxQP4KHDDSYJ97#MxEPIRXP3Y3W7Z

Allgemein kann zu diesem Thema ausgesagt werden, dass es eine Modeerscheinung unserer heutigen Zeit bedeutet, anstatt einer Altistin einen Counter in Bachs-Kantaten-Werken oder Oratorien zum Zuge kommen zu lassen, eine historische Notwendigkeit läßt sich in dieser Form nicht herleiten.

Viele mir bekannten Bach-Interpreten der historischen Aufführungspraxis - (Suzuki, Jacobs, Gardiner, etc. und neuerdings auch die Kantoren) - bedienen sich dieser Modeerscheinung zum Nachteil der guten “Altistin”, und dieser Trend scheint nicht mehr zu stoppen zu sein, leider.

In einem von mir vor Kurzem besuchten Weihnachtskonzert der Detmolder Barockakademie, setzte der Leiter, Prof. Gerhard Weinberger ebenfalls einen Altus in dem BWV 63 “Christen, ätzet diesen Tag”, ein, was dieser junge Sänger (Benno Schachtner); an Potential besitzt, ließ mich erstaunen, eine Altistin habe ich nicht vermisst, so grandios bewältigte er die Alt-Partie…..!!

Viele Vorurteile zum Counter meinerseits musste ich nach diesem Konzerterlebnis revidieren, wenn es sehr gut ausgebildete Sänger sind und Potential besitzen, sind sie durchaus hörenswert.

Grüße

Volker

Anonym hat gesagt…

Mein Liebinssänger in dem Genre ist Andreas Scholl. Er singt einfach engelsgleich.
Benno Schachtner singt am Karfreitag in Augustdorf die Altuspartie in Stabat Mater von Pergolesi.
Also einfach mal vorbeikommen!!