Donnerstag, 24. Januar 2008

Bach-Cantata Pilgrimage Konzert Leipzig 22.10.2000

Hallo,

mit dieser Rezension möchte ich mich einem weiteren Höhepunkt der Pilgrimage widmen, dem Konzert in der Leipziger Thomaskirche am 22.10.2000 (18. Sonntag nach Trinitatis). An diesem Abend kamen die Kantaten “Du Friedefürst, Herr Jesu Christ” BWV 116, “Gott soll allein mein Herze haben” BWV 169 für Alt-Solo, “Herr Christ, der ein’ge Gottessohn” BWV 96, die Motette “Der Gerechte kommt um” sowie der Choral “Vor deinen Thron tret ich hiermit” BWV 668a zur Aufführung.



Foto: Thomaskirche in Leipzig

Bei diesem Konzert hatte ich die Möglichkeit, bereits am Samstag anzureisen und das ganze Wochenende in der Nähe des Meisters zu verbringen und Bach’s Musik an “ihrem Ort” zu hören. Schon in den Proben spürte man Bach’s Geist am Ort und die Musiker waren merklich von Beginn an damit erfüllt und infiziert.

Das Konzert selbst geriet zu einer emotionalen Sternstunde. Allerdings machten sich auch Spuren der Leipziger Geistlichkeit bemerkbar, mit denen Bach sicherlich auch zu kämpfen hatte. Zunächst einmal gab es große Auseinandersetzungen und Diskussionen über die Probenzeit, in denen die Kirche geschlossen blieb. Im Konzert erschien dann zu Beginn der örtliche Pfarrer und mahnte, daß man bitteschön nicht klatschen dürfte, es sei schließlich geistliche Musik. Die treuen Gardinerfans, die sich flugs als des deutschen nicht mächtige Engländer ausgaben, ignorierten dies standhaft:). Allerdings gab es auch ein paar Sturköpfe, die sich strikt an den Befehl der angestaubten Geistlichkeit hielten…

Gardiner hatte das Programm so zusammengestellt, daß es schwungvoll begann und andächtig und anrührend enden sollte. Wiederum war die Kirche zum bersten gefüllt, als Chor und Orchester die Bühne betraten. Der Meister trat auf und es begann die hinreißende Orchestereinleitung zur Kantate 116. Wie immer bestach der Chor durch Kraft und unglaubliche Prägnanz in Sprache und Gesangskunst. Die Solisten waren Katherine Fuge, Natalie Stutzman, Christoph Genz und Gotthold Schwarz. Bis auf Nathalie Stutzman ließen auch diese keine Wünsche offen. Nathalie Stutzman jedoch war für meine Ohren zu opernhaft mit großem Vibrato, daß einfach nicht zu Bachs Musik paßt. Die Kantate endete mit dem schlichten Choral “Erleucht auch unser Sinn und Herz”.

Es folgte die Kantate 169 mit einer großangelegten Sinfonia, die eine Umbearbeitung des 1. Satzes vom E-Dur Cembalokonzert BWV 1053 darstellt. Hier gelang Organist Silas Standage eine Meisterleistung. Gekonnt und schwungvoll spielte er den z. T. haarsträubend schweren Orgelpart. Auch in dieser Kantate konnte Nathalie Stutzman nicht überzeugen, sie erwies sich leider auch hier als vibratoreiche Opernsängerin und wußte nicht zu überzeugen. Der Schlußchoral “Du süße Liebe, schenk uns deine Gunst” wurde andächtig un voller Überzeugungskraft vom Monteverdi Choir gesungen.

Die nun folgende Kantate 96 war für mich die schönste des Abends. Der Eingangschor beginnt hier mit einem großangelegten Orchesterpart über dem als Krönung eine Sopranino-Blockflöte in himmlischen Sphären spielt. Außerdem liegt der cantus firmus nicht, wie sonst eher üblich, im Sopran, sondern wird monumental vom Alt vorgetragen. Diese ganze Choralfantasie birgt so eine himmlische Ruhe aber auch einen solch wunderbaren Fluß, wie sie Christus als “Morgenstern” beschreibt. Mir gegenüber saß im ganzen Konzert ein älterer Herr aus England, der sich zuvor als guter Freund von John Eliot vorgestellt hatte und gerade bei dieser Kantate hatte ich den Eindruck er stand einem Zusammenbruch nah. Es war aber auch wirklich hart: Diese fantastische Musik an Bachs Arbeitsstätte… ich glaube, jeder hatte da ein bißchen mit seiner Fassung zu kämpfen. Besonders schlimm wurde dies dann bei den beiden letzten Werken des Konzertes “Der Gerechte kommt um” und Bach’s eigenem Sterbechoral “Vor deinen Thron tret ich hiermit” BWV 668a. “Der Gerechte kommt um” ist eine Bearbeitung der Kuhnau’schen Motette “Tristis est anima mea”. Es scheiden sich hier zwar die Geister, ob die Bearbeitung wirklich von Bach ist, aber die Motette ist auf so zauberhafte Weise instrumentiert, daß dies eigentlich nur aus der Hand Bach’s kommen kann.

Nach dieser Motette trat das Orchester ab und der Chor ging mit Gardiner hinter das Podium und versammelte sich um Bach’s Grab. Bei dem Gedanken daran wird mir jetzt beim Schreiben noch anders. Als Abschluß erklang dann von diesem Ort der Choral “Vor deinen Thron tret ich hiermit”. Es kann sich glaube ich niemand vorstellen, wie unser aller Gefühlswelt in diesem Augenblick aussah. Nach dem Choral stand Gardiner allein minutenlang an Bach’s Grab und betete und auch wir Zuschauer waren zum Großteil völlig fertig. Ich glaube ich habe noch nie so viele heulende Gäste und v.a. auch Musiker gesehen. Es war so unglaublich, was an dem Abend natürlich unter Einfluß der sehr anrührenden Musik passierte. Hinterher spielten sich sehr schöne menschliche Szenen ab, bei denen man Gardiner als “Patriarch” und Vater für seine Musiker erleben konnte.

Wiederum war ein unvergeßlich schönes Konzert zu Ende gegangen.

Viele Grüße,

Alex

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Bereits abgegebene Kommentare:

  • 1 Kommentar:

    volker hat gesagt…

    1. Barbara sagt:
    5.2.2007 bei 15:00

    Hallo Alex,
    das ist ja ein unglaubliches Erlebnis, an dem Du uns teilhaben lässt. Selbst nur beim Lesen bekam ich eine Gänsehaut. Hoffentlich erscheint die CD zu diesem Konzert bald.
    Auf jeden Fall hast Du damit einen Schatz in Deinen Erinnerungen, der Dich immer wieder ein bisschen “schweben” lassen wird.
    Vielen Dank, dass Du uns daran hast teilhaben lassen.
    Barbara
    2. Alexmusician sagt:
    5.2.2007 bei 16:00

    Hallo Barbara,

    ja, es war wirklich unglaublich. Bach’s Musik an seiner Wirkungsstätte zu hören. Da hat uns unser Meister ein ganz großes Geschenk gemacht.
    Schön, wenn dir der Bericht gefallen hat.
    Grüße,
    Alex
    3. meinhardo sagt:
    5.2.2007 bei 16:00

    Mein lieber Alex,

    die Tränen stehen mir fast in den Augen, intensiever kann ein Bericht nicht verfasst sein, ich spüre die räumliche Nähe des Geschehens und berührt mich zutiefst.

    Ein toller Bericht, der prägnanter nicht verfasst werden kann. Ich kann mich Barbara nur anschließen und dir zu dieser Rezension Dank sagen!!!

    Herzliche Grüsse
    meinhardo

    P.S.
    Achtet bitte alle auf das Voiting bei der BBC, den Beitrag habe ich eben reingestellt!!!!!!!!!!
    4. Alexmusician sagt:
    5.2.2007 bei 16:00

    Hallo meinhardo,
    als Empfänger des monteverdi choir Newsletters habe ich an diesem Voting mit entsprechender Wahl schon teilgenommen;).
    Danke dir für deinen netten Kommentar. Werd mal schauen, ob ich noch Fotos habe, die werde ich posten.

    Grüße,
    Alex
    5. Volker /admin sagt:
    5.2.2007 bei 18:00

    Hallo Alex,

    nun habe ich wieder ein wenig mehr Zeit und grase die neusten Beiträge durch.
    Spontan fällt mir deine Bewertung des Konzertes in Leipzig fulminant auf.

    Wie Du es wieder fertig bringst dieses Konzert uns als Leser mehr als anschaulich miterleben zu lassen, fehlen mir die Worte. Ich kann mich richtig in Deine Lage versetzen, wie innerlich bewegt man an dieser historischen Bach-Stätte ein Konzert ganz anders und sinniger erlebt, als anderswo.

    Hier müsste ich absolut gefasst der Musik zuhören, um nicht sofort durch meine Gefühlsausbrüche die Nebenleute zu stören, es ist für mich nicht einfach, aber eine absolute Beherrschung meiner Empfindungen bekäme ich nicht in den Griff. Deshalb kann ich Deine Schilderungen zutiefst nachempfinden und freue mich schon riesig auf mein erstes Konzerterleben in der Thomaskirche im Juni 2007 und hoffe, dass ich meine Gefühle dort in der Gewalt haben werde.

    Anschaulich die Darstellung der Diskussion mit dem Ortspfarrer, typisch Leipzig, die Vergangenheit holt sie wieder ein, ich bin auch nicht für das sofortige Losklatschen, aber nach einer Zeit der gewissen Stille sollte ruhig die Beifallsbekundung stattfinden können.

    —————

    Ich zitiere Dich einmal:

    Es folgte die Kantate 169 mit einer großangelegten Sinfonia, die eine Umbearbeitung des 1. Satzes vom E-Dur Cembalokonzert BWV 1053 darstellt. Hier gelang Organist Silas Standage eine Meisterleistung. Gekonnt und schwungvoll spielte er den z. T. haarsträubend schweren Orgelpart.

    ————–

    Hierauf möchte ich einmal eingehen als ein Beispiel mit dem BWV 146 “Wir müssen durch viel Trübsal” auch hier findet eine mächtige Einleitung durch Silas Standage in Altenburg an der großartigen Trost-Orgel statt. (CD 2 SDG 107; Vol.24).

    Die Einleitung ist aus einem verschollenen Violinkonzert und durch das berühmte Cembalokonzert in d-moll (BWV 1052 a) verfasst worden.

    Diesen Einleitungssatz höre ich einmal gern und kann mich immer wieder daran berauschen. Übrigens soll das Konzert in Altenburg von Gardiner in den höchsten Tönen gelobt worden sein, eine knisternde Anspannung und Atmosphäre wurde von den Besuchern erzeugt.

    Welche Orgel kam in der Thomaskirche zum Einsatz, war es bereits die neue Bachorgel oder ein Orgelpositiv?

    Nochmals Kompliment für diesen großartigen Beitrag.

    Herzliche Grüsse

    Volker
    6. Volker /admin sagt:
    5.2.2007 bei 18:00

    Nachtrag an Alex,

    Du möchtest Bilder reinstellen, dann sende sie mir als Anhang per EMail zu, da leider nur der admin die Bilder einfügen kann.

    Grüsse
    Volker
    7. Alexmusician sagt:
    5.2.2007 bei 18:00

    Hallo Volker,
    zunächst einmal wieder vielen Dank für deinen netten Kommentar!
    Mit den Fotos wird es noch ein bißchen dauern, weil ich momentan die Fotos nicht griffbereit habe. Also noch etwas Geduld:).
    In Leipzig wurde die herrliche Jennings-Orgel verwendet, die ja bei der ganzen BCP zum Einsatz gekommen ist. ich glaube, Altenburg war das einzige Konzert, in dem für einen Satz eine andere Orgel verwendet wurde.

    Die Jenings-Orgel

    Foto: Die Jennings-Orgel wurde zur Cantata Pilgrimage Tour verwendet
    8.

    Auf Leipzig können wir uns in der Tat freuen. Es kann durchaus sein, daß es wieder sehr emotional in der Thomaskirche sein wird, wenn die Trauerode dort erklingt. Bei den Michaeliskantaten wird die überwältigende Freude wohl überwiegen.
    Einstweilen einen schönen Abend und bis zum nächsten sicher wieder sehr ergiebigen Gedankenaustausch.
    Gruß,
    Alex
    9. Volker /admin sagt:
    6.2.2007 bei 01:00

    Hallo Alex,

    danke für Deine Rückantwort. In Altenburg war es die berühmte Trost-Orgel die zum Einsatz kam. Zwar hatte unser Silas mit ihr seine Probleme, da ein Heuler auftrat und repariert werden musste.

    Mit den Bildern lass Dir ruhig Zeit, wenn Du soweit bist, eine kurze Mail reicht.

    Herzliche Grüsse
    Volker
    10. Ralf sagt:
    26.4.2007 bei 14:00

    Hallo,

    Alex, ich habe die Beschreibung des Konzerts von Gardiner in der Leipziger Thomaskirche gelesen. Leider kann ich die Bemerkungen zum Beifall in der Kirche und zur Mahnung des Pfarrers diesbezüglich so nicht stehen lassen.
    Man stelle sich vor, die Musik endet, die Konzertbesucher bleiben noch ein paar Minuten andächtig auf ihren Plätzen sitzen und verlassen (ohne Beifall) die Kirche. Dabei, so ist meine eigene Erfahrung, kann man die Musik in den Ohren sehr gut nachklingen lassen. Diese Atmosphäre würde aber durch Krach, den Klatschen nunmal erzeugt, völlig zerstört und letztendlich wird durch Beifall immer den Interpreten gehuldigt, aber selten dem Komponisten. Ältere Leipziger Konzert- und Kirchenbesucher stehen dem Geklatsche jedenfalls immer hilflos gegenüber, weil sie es aus der Tradition der Leipziger Kirchenmusik herauskommend, so früher nicht gehabt haben und auch in zukunft so nicht haben wollen. Man sollte also den Wunsch des Pfarrers, der ja auch seine Gemeinde (die der Thomaskirche wohlgemerkt!) vertritt, respektieren und eine gewachsene Tradition durch an dieser Stelle unangebrachtes Verhalten nicht auf diese Art durchbrechen wollen. Gerade die Thomaskirche ist ein Ort des Gedenkens an Bach in der Tradition der deutsch-sächsischen Kirchenmusik im Gegensatz zu englischen Gepflogenheiten, wo natürlich geklatscht wird.
    Mit freundlichem Gruß
    Ralf
    11. Volker /admin sagt:
    26.4.2007 bei 23:00

    Hallo Ralf,

    danke für deinen Kommentar zu dem Konzerterlebnis von @ Alex, in der Thomaskirche in Leipzig zur Bach Cantata Pilgrimage 2000.
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    Du schreibst folgendes;

    “Gerade die Thomaskirche ist ein Ort des Gedenkens an Bach in der Tradition der deutsch-sächsischen Kirchenmusik im Gegensatz zu englischen Gepflogenheiten, wo natürlich geklatscht wird.”
    ——————-

    Wenn es auch heutzutage in der Thomaskirche so noch Tradition ist, nach Ende des Konzertes nicht zu Klatschen, kann ich damit leben.
    Die Wirklichkeit in deutschen Landen (Kirchen) ist mittlerweile eine andere. Nach einem geistlichen Konzert verharren die Besucher einen Moment des Schweigens und geben den Aufführenden anschließend den wohlverdienten Beifall und das finde ich nicht unangebracht.

    P.S.

    Wenn Du darüber einen eigenständigen Thread im Blog verfassen möchtest und diskutiert werden sollte, lade ich Dich herzlich ein, dich anzumelden und kannst sofort mit dem Thema loslegen.

    z.B. “Sinn oder Unsinn der Beifallskundgebung” oder so ähnlich!

    Herzichen Gruß

    Volker /admin