Donnerstag, 24. Januar 2008

Bachfest Leipzig 2007, Konzert von Sir J.E. Gardiner in der Thomaskirche Leipzig, am 14.6.2007

Hallo,

nachdem einige Tage vergangen sind und keiner einen Beitrag vom Bachfest Leipzig in den Blog gestellt hat, beginne ich mit den Rezensionen der Konzerte von Sir J.E. Gardiner, dem Monteverdi Choir und The English Baroque Soloists während des Bachfestes 2007 in Leipzig, beginnend mit den Trauerkantaten in der Thomaskirche, vom Donnerstag, 14. Juni 2007, 20:00 Uhr.

Thomaskirche Leipzig

Ein absoulutes Highlight ist es jedesmal, ein Konzert mit Sir J.E. Gardiner, den Baroque Soloists, Monteverdi Choir und den ausgezeichneten Solisten, besuchen zu können.

Gardiner hat sich mit den beiden Klangkörpern ein Instrumentarium geschaffen, das in seiner Vollkommenheit, Perfektion und Flexibilität seinesgleichen sucht. Mal besetzt er alle Instrumentenstimmen nur einfach und die Chorstimmen lediglich doppelt (mit ausgewiesenen Solisten), mal nutzt er eine Besetzung, die eine große barocke Wiedergabe ausstrahlen kann.….

Die Aufführung in der Thomaskirche mit frühbarocke Motetten, Kantaten, Arien und Lamenti, wie sie Bachs Verwandte: Johann Christoph Bach, Georg Christoph Bach und Johann Michael Bach in den letzten Jahrzehnten des 17.Jahrhunderts schufen, sind sehr sensible, fast zerbrechliche Werke zwischen poly- und homophoner Musik. Strenge Kompositions-Sätze wechseln mit nuancenreichen Improvisationen, und den Verzicht auf unnötige Verzierungen, sowie extravagante Eskapaden und aufgesetzte Phrasierungen machte das Konzert am Donnerstag zu einem unvergesslichen Erlebnis, diese Werke aus dem „Alt-Bachisches-Archiv“ sollten des Öfteren zu Gehör gebracht werden, zumal sicherlich noch manch unerforschter Schatz dieser Epoche gehoben werden kann.

Als ein wahrer Bach-Interpret, der diesen filigranen Werken mehr als gerecht wird, ist einfach Gardiner zu benennen mit seinem hervorragenden Klangkörper und Sängern. Wie durchdacht und in einem respektvollen Umgang er diese Werke darbot, war ein Erlebnis purer Größe und Einmaligkeit..-.In den Motettenwerken von Johann Christoph Bach, „Der Gerechte, ob er gleich zu zeitlich stirbt”, (5-stimmiger Chor und Basso continuo) und in der Motette: „Fürchte dich nicht“ erklangen ungewöhnlich zarte Werke, gesungen von erhabener Schönheit und entsprechender instrumentaler Bass-Begleitung von vollendeter Musizierpracht.

Herausragend die Sopranistin Julia Doyle und ebenbürtig die unvergleichlich klare Stimme der Altistin Claire Wilkinson, vermochten Glanzpunkte zu setzen. Ebenbürtig und in einem Atemzug sind die stimmlich hervorragenden Bassisten Peter Harvey, Mathew Brook und der Tenor von James Gilchrist zu nennen, die klar und wortverständlich einen ausgezeichneten Gesangspart lieferten.

Foto: Die Lautenisten Jakob Lindberg und Björn Colell

Wann hört man schon einmal so spärlich besetzte Instrumentalisten und Sänger, das Mittelalter des Minnegesangs erblühte zu neuem Glanz in der Thomaskirche, dank einer vorzüglichen Spielweise der beiden Lautenisten Jakob Lindberg und Björn Colell setzten sie Glanzpunkte in diesen filigranen Werken.Die ausgefeilte Spielweise der Geigensolistinnen, voran die Konzertmeisterin Maya Homburger, die Traversflöten (Rachel Beckett) und Oboe (Michael Niesemann), erheben die Darbietung zu einem waren Kunstgenuss.


Foto: Rachel Beckett, Traversflöte, Maja Homburger Violine, Michael Niesemann, Oboe.

Als Abschluss bildete das BWV 198 „Laß, Fürstin, laß noch einen Strahl,” - (Trauer-Ode auf den Tod der Königin Christiane Eberhardine, Gattin August des Starken, die nicht dem Katholizismus beitrat, sondern Protestantin blieb) - einen krönenden Abschluss. Sie steigerten sich in einen wahren Musizier-Rausch, eine beeindruckende Wiedergabe beendete einen Konzertabend, der lange im Gedächtnis haften bleiben wird.

Foto: Tosender Schluss-Applaus nach einem fantastischen Konzert mit Trauerkantaten ! -.-Nach einem faszinierenden Konzertabend können sich Gardiner und seine Aufführenden nach einem tosenden und nicht endend wollenden Schlussapplaus nur durche eine Zugabe in den Abend retten.

Gruß Volker

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Bereits abgegebene Kommentare:

1 Kommentar:

volker hat gesagt…

1. Martin sagt:
28.6.2007 bei 19:00

Hallo Volker,

schöner Bericht. Zu schade, dass es von dem Konzert keinen Mitschnitt gibt.
Unter den Gardiner- Konzerten war dies wirklich etwas sehr Herausragendes.
Allein der Klang der (extrem schwierig zu spielenden) barocken Instrumente klingt bei keinem vergleichbaren Ensemble so voll, sauber und unaufdringlich, wie bei den English Baroque Soloists. Und dass diese 8 Sänger mühelos (und nicht gequetscht klingend) die ganze Kirche mit schönem und sehr reinen Klang abdecken können, zeigt, dass sie wirklich absolute Spitzenkünstler sind.

Hoffentlich gibt es noch viele weitere solcher Konzerte, wobei ich bezweifle, dass dieses an musikalischen Emotionen noch zu toppen ist. Aber das habe ich nach Neviges auch gedacht…

Schöne Grüße,
Martin
2. Barbara sagt:
28.6.2007 bei 19:00

Hallo Volker,
das muss ein auf eine ganz andere Art beeindruckendes Konzert gewesen sein. Schönen Dank, dass Du meine Vorfreude auf Helmstedt wachsen lässt.
Schönen Abend
Barbara
3. Volker /admin sagt:
28.6.2007 bei 20:00

Hallo Martin,

genau, Du triffst den Nagel auf den Kopf. Die Sängerschar war absolut Top. Nun saß ich vorne und kann nicht beurteilen, ob sie mit ihrem Gesang den Kirchenraum füllten, das kannst Du treffender beurteilen aufgrund deines Platzes.

Hierzu werde ich aus Dresden noch einiges zu erwähnen habe, freu Dich auf meinen Bericht, den ich wohl in den nächsten 2 Tagen fertig erstellt haben werde.

Die Baroque Soloist haben wir sehr vermisst.
EMail kommt!

Herliche Grüße
Volker
4. Volker /admin sagt:
28.6.2007 bei 20:00

Hallo Barbara,

weil mir dieses Konzert sehr am Herzen gelegen hat, wollte ich es mit meiner Frau nochmals in Helmstedt besuchen, sie möchte aber gerne die Top-Kantaten noch einmal hören, so daß ich die Eintrittskarten umgetauscht habe für den Braunschweiger Dom.

Die Trauerkantaten sind wirklich alle wunderschön, die Bach-Ahnen können auch komponieren, so etwas an musikalische Familien-Ahnen-Verwandtschaft gibt es wohl nur einmal auf der Welt, umso schöner, dass wir es erleben dürfen durch unsereren hervorragenden Interpreten “Sir John.. hierauf kannst Du dich freuen, es ist eine ganz andersartig gelagerte Musik-Form, die nicht jedem mundet, wer sie mag, kommt voll auf seine Kosten.

Herzliche Grüße
Volker
5. Alexander Behrens sagt:
29.6.2007 bei 08:00

Hallo Volker,
das Konzert in der Thomaskirche muss so ganz anderes gewesen sein als jenes in der Nikolaikirche. Wie ich an den Fotos erkenne, hat das Ensemble unten gestanden - was mag Gardiner hierzu bewogen haben? Vielleicht die physische Nähe zum Meister? Denn Bach selbst hat oben aufgeführt, und überhaupt finden Vokalkonzerte meist von oben statt, wo es ein eingebautes Chorpodest gibt. Von der neuen Aufnahme von “Jesu meine Freude” war ich ziemlich enttäuscht, weil ich sie massenchormäßig gebrüllt finde; für mich sind die Motetten Instrumentalwerke für Chor. Bei “Fürchte dich nicht” scheint das anders gewesen zu sein. Alex
6. Volker /admin sagt:
29.6.2007 bei 14:00

Hallo Alex,

das war wirklich total andere Musik, in der Nikolaikirche die “Jubel- und Prachtkantaten” und im Umkehrschluss dazu in der Thomaskirche “Trauermusik“, die aber von hervorragenden Könnern vorgetragen wurde. Ansonsten ist Gardiner ja auch sehr experementierfreudig mit seiner Aufstellung der Sänger, warum er das von Dir erwähnte Chorpodest nicht nutzte, kann wahrscheinlich @Martin etwas zu sagen, der die Proben miterlebt hat.

Wenn ich mich noch so recht an unser Gespräch mit @ Martin beim Treffen nach dem Thomaskirchen-Konzert erinnern kann, wurde viel ausprobiert, Emporen nutzen, etc. und mit Dr. Wolf (Leiter des Bach-Archivs) wurde so manches abgesprochen.

Von welcher Aufnahme/Einspielung sprichst Du mit “Jesu meine Freude” von der Du so enttäuscht bist?

Der Vortrag der Motette “Fürchte dich nicht” in der Thomaskirche von Johann Christoph Bach, war ein Juwel, eine fantastische Wiedergabe, blitzfein sauber gesungen, makelos, aber das kennen wir ja vom Monteverdi Choir.

Übrigens hatte Gardiner zum Bachfest wirklich seine Topbesetzungen aufgeboten, worauf ich noch nicht weiter eingegangen war.

Ebenso auf mein geliebtes “Actus tragicus” BWV 106, hatte ich in meiner Rezension überhaupt nicht erwähnt, total vergessen, was ich hiermit nachhole. Das sind so die Highlights, die emotional zutiefst zu berühren wissen.
Eine packende Wiedergabe gelang Gardiner, die mich voll überzeugte, fantastischer konnte diese Kantate nicht erklingen, wenn die Gänsehaut den Rücken runterläuft hat der Interpret den Besucher mit seiner Musik erreicht, dem war so und bleibt in meinem Gedächtnis haften!!

Grüße
Volker
7. Volker /admin sagt:
29.6.2007 bei 15:00

Hallo Alex,

Von welcher Aufnahme/Einspielung sprichst Du mit “Jesu meine Freude” von der Du so enttäuscht bist?
——–

Die Einspielung habe ich gefunden, CD-SDG 115, Vol.19 (CD 2),Motette BWV 227, - gefunden über den Cantatafinder, ich nutze ihn, herrlich, - hier muss ich Dir absolut Recht geben, da wird gebrüllt, ein Massenchor und ein Ton-Volumen,was nicht zu einer Motette paßt, zwar nuanciert, aber die Masse an Sängern verwundert, was ihn da geritten haben mag?

Ich werde als Vergleich eine Aufnahme in den Internen Bereich stellen, so ganz überzeugend ist die Sängerschar zwar auch nicht, aber der Tonfall ist angemessener für eine Motette.

Gruß
Volker
8. Alexander Behrens sagt:
29.6.2007 bei 15:00

Hallo Volker, genau die meine ich! Bin ja gespannt, welche Geschütze du da auffahren wirst. Meine Lieblingsaufnahme ist eine eher unbeliebte: die mit dem Sarum Consort und Andrew Mackay. Die Motetten gehören zum Schwersten, das ich aus der Bach’schen Vokalmusik kenne, vielleicht wie bei der Geige die Sonaten und Partiten. Aber sie sind von solch einer Tiefe in allen Disziplinen, dass es sich lohnen würde, zwei Wochen nur einer Motette zu widmen, sofern man Monteverdi Choir heißt. Alex
9. Martin sagt:
30.6.2007 bei 09:00

Hallo zusammen,

die Entscheidung, den Altarraum statt der Empore zu benutzen, stand ja schon lange im Programm. Dennoch gab es während der Probe nochmal kurze Diskussionen. Es blieb dann aber dabei, weil die Textverständlichkeit für deutlich besser befunden wurde, als wenn die Aufführenden auf der Orgelempore gesessen / gestanden hätten. Gardiner hat sich während der Probe viel mit Mitarbeitern des Bach Archivs (u.a. Prof.Dr.Dr.Wolff) ausgetauscht.

Grüße,
Martin