Mittwoch, 30. Januar 2008

Besteht eine deutsche Interpretationstradition in der Bachpflege ?

Hallo zusammen,

nach Tagen des Kopierens vom alten Forum in das neue Diskussionsforum möchte ich den Start mit einer bewegenden Frage beginnen.

"Besteht eine deutsche Interpretationstradition in der Bachpflege?"

Als ein Beispiel dazu zitiere ich aus einem in @Fono Forum gemachte Aussage von Philippe Herreweghe:



Foto: Philippe Herreweghe (Fotorechte: harmonia mundi)

Nach eigenem Bekunden erwähnt er sich der Musik Bachs sogar näher als so mancher Deutscher. Die Deutschen seien durch ihre Geschichte von Bach entfernter als er selbst. Er habe es immer als Vorteil angesehen, dass seine Landsleute nicht das Gedankengut des 19. Jahrhunderts kannten und abseits der Tragödie, die sich in Deutschland zwischen 1933 und 1945 abspielte, standen.

Ohne Zweifel existiert eine dezidiert deutsche Interpretationstradition in der Bachpflege, an der nach Kriegsende in den beiden deutschen Staaten s e l t s a m romantisch weitergesponnen wurde.
Gerüttelt daran haben tatsächlich,- ausgenommen hiervon muss Harnoncourt genannt werden - andere.

Es waren vor allem Engländer, Holländer und Belgier, die nach dem Authentischen in der Alten Musik suchten..... !!

Zitat-Ende!

Meine Frage an das Forum, ist die These von Herreweghe so hinnehmbar, oder gibt es dazu Widersprüche, meine Meinung dazu später.

Grüße
Volker

Kommentare:

Iris hat gesagt…
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ritus hat gesagt…
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Alexander hat gesagt…

Also, allgemein würde ich nie anzweifeln, dass die Deutschen durch ihre romantische Tradition gehandicapt sind und aufführungsspraktisch das Schlusslicht waren. Die Japaner, Belgier, Holländer, Franzosen, Schweizer und vor allem Briten waren offener für die barocke Musik. Herbert Blomstedt hat das ganz natürlich damit erklärt, dass die romantische Tradition eben so stark war in Deutschland - es gab etwas zu überwinden. Das war hier in Leipzig eine richtige Bach-Aufführungs-Mafia. Die Leute (auch der damals amtierende Thomaskantor) haben im Thomanerchor in den Achtzigern über Rilling nur so abgelästert, weil der mit einigen romantischen Klischees aufgeräumt und analytisch musiziert hat. Man hielt sich für das Maß der Dinge.
Romantik und Faschismus in einem Atemzug zu nennen, finde ich aber gewagt; auch will ich nicht so richtig glauben, dass die Belgier wirklich so "abseits der Tragödie, die sich in Deutschland zwischen 1933 und 1945 abspielte, standen".
Gruß von Alex

Volker hat gesagt…

Hallo,

erst einmal danke ich @Alex für seinen ausführlichen Kommentar. Hier widerspreche ich Herreweghe in seiner Aussaage, dass es in Deutschland außer Harnoncourt keinen weiteren Interpreten für die Historische Aufführungspraxis gegeben hat.

Ein Mitstreiter von Harnoncourt war Schmidt-Gaden mit seinem Tölzer Knabenchor. Er gilt als Urvater der “Historischen Aufführungspraxis", versuchte den Begriff des Authentischen zu vermitteln mit dem Willen, zum historischen Befund des Werkes in der barocken Aufführungsform zurückzukehren. Was hatte er für Kämpfe gegen den Übervater der alten sächsischen Aufführungsform "Karl Richter" zu bestehen, da war von Holländern, Engländern, etc. noch nichts auf dem Markt, sie orientierten sich erst zur "Historischen Aufführungsform."

Wie Du @Alex, schon richtig vermutet hast, waren die Belgier (Flamen) in ihren Parteien mit nationalsozialistischen Programmen ebenfalls vertreten und arbeiteten eng in einer "Deutsch-Flämischen-Arbeitsgemeinschaft" mit.

Das die Romantik-Bewegung in Deutschland einen hohen Stellenwert besaß, ist nicht zu verleugnen, nach Kriegsende sehnte sich die Bevölkerung - nach den schrecklichen Erlebnissen des Krieges - nach einer Aufführungsform, die sie ein paar Stunden in eine andere heilere Welt zu versetzen vermochte.

Grüße
Volker

Iris hat gesagt…

Hallo, Alex,
... und wir schmunzeln heute über Rilling...
Eine ganz andere Frage: Weisst Du, wann endlich Band III Bach-Kommentare (Passionen u.a.) auf den Markt kommt. Er soll in Leipzig rauskommen, aber wann?
Herzlichen Gruss
Iris

Alexander hat gesagt…

Hallo Iris, keene Ahnung - war der nicht erst für 2009 geplant? Alex

Volker hat gesagt…

Hallo Iris,

hier die Antwort zu deiner Frage nach Band III:

Laut BachArchiv Leipzig:

In Vorbereitung:

Bach-Kommentar, Band III
Die Passionen, Motetten, Messen und Magnificat, geistliche Kantaten für Kasualien und ohne Bestimmung

Band 14.3, erscheint 2009

Grüße
Volker