Donnerstag, 24. Januar 2008

Ein Konzerterlebnis der Besonderheit mit J.E. Gardiner dem Monteverdi Choir und English Baroque Soloists in Braunschweig!

Hallo zusammen,

nun möchte ich meinen persönlichen Bericht des fantastischen Konzertes mit den Michaelis-Kantaten vom 29. September 2007, Aufführungsort: Braunschweiger Dom St. Blasii, wiedergeben.

Programm

Johann Christoph Bach (1642-1703) Kantate: „Es erhub sich ein Streit“
Johann Sebastian Bach (1685-1703) Motette: BWV Anhang 159 „Ich lasse dich nicht“
Johann Sebastian Bach Kantate: BWV 19 „Es erhub sich ein Streit
Johann Christoph Bach Motette: „Unsres Herzens Freude hat ein Ende“
Johann Sebastian Bach Kantate: BWV 50 „Nun ist das Heil und die Kraft“

Pause

Johann Sebastian Bach Kantate: BWV 130 „Herr Gott, dich loben alle wir“
Johann Christoph Bach Motette: „Lieber Herr Gott, wecke uns auf“
Johann Sebastian Bach Kantate: BWV 149 „Man singet mit Freuden von Sieg“

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Ausführende

Monteverdi Choir
English Baroque Soloists
Leitung: Sir John Eliot Gardiner

Gesangs-Solisten: Julia Doyle, Sopran; Clare Wilkinson, Alt; Nicholas Mulroy, Tenor; James Gilchrist, Tenor; Peter Harvey, Bass; Matthew Brook, Bass.

Trompete: Neil Brough, Michael Harrison, Robert Vanryne, Paul Sharp. Orgel: Silas Standage.
1. Geige: Maya Homburger; 2. Geige: Anne Schumann; Viola: Jane Rogers; Cello: David Watkin; Flöte: Rachel Beckett; Kontrabass: Valeri Botwright; Fagott: Györgyi Farkas; Oboe: Michael Niesemann; Pauke: Rober Kendell; Cembalo: Edmund Connolly.

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Die Anfahrt zum Konzert entpuppte sich zu einem Fiasko, A 2 mit 14 km und weiteren 4 km Stau, unheimlicher Regen zwang uns dazu, die Bundesstraße 65 zu benutzen. Nach drei Stunden erreichten wir Braunschweig und stärkten uns in der Nähe des Domes erst einmal mit einem Cappuciono.

Gefreut haben wir uns auf das Treffen mit einer Mini-Gruppe vom Blog – anderthalb Stunden vor Konzertbeginn - am Monument mit dem „Löwen“ vor dem „Dom St. Blasii“.
Es war ein schönes Kennenlernen mit Mitgliedern vom Blog und machte Spaß und Freude auf ein weiteres Wiedersehen.

Kleine Eingriffe in der Programmabfolge - im Gegensatz zu dem Konzert am 15. Juni 2007 in der Nikolaikirche in Leipzug – unternahm Gardiner in Braunschweig.

Das geistliche Konzert: „Der Herr ist König, darum toben die Heiden“ von Johann Michael Bach (1648-1694) wurde ganz ausgelassen, - mag es hier Urheberrechtliche Bestimmungen gegeben haben, (dieses Werk schlummerte unerkannt in Ansbach und wurde erst vor kurzem ans Licht der Öffentlichkeit gebracht), das Werk erklang nach 300 Jahren erstmals wieder in der Nikolaikirche am 15.6.2007 unter der Stabführung von Gardiner, - es wurde ersetzt mit der einstrophigen Motette aus dem „Altbachisches Archiv“ von Johann Christoph Bach (1642-1703) „Unsres Herzens Freude hat ein Ende“.

Nach einer viertelstündigen Verspätung, der altehrwürdige Dom war bis auf den letzten Platz besetzt mit ca. 2000 Besuchern, erklang die grandiose Kantate des Eisenacher Organisten von Johann Christoph Bach (1642-1703), „Es erhub sich ein Streit“. (Den besonderen Reiz dieses Werkes erkannte auch J.S. Bach und diente als Vorlage für seine Kantaten-Komposition BWV 19 mit dem gleichlautendem Titel: „Es erhub sich ein Streit“).

Mit den einsetzenden Trompeten, Pauke und Monteverdi Choirs war ich erstaunt über die Halligkeit des Domes und musste mich an diese Akustik erst einmal gewöhnen.
Glanzlichter dieser Kantate sind die festlichen Trompetenklänge und das außergewöhnliche Singen des Monteverdi Choirs, es entpuppte sich als Einstiegs-Droge für mehr….

Mit der darauf folgenden dreisätzigen Motette: BWV-Anhang 159, „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, offenbarte sich die prägnante Gesangs-Kulur des Chores.
Leider wurde der Choral, 2. Satz, „Lob, Ehr und Preis sei dir gesagt“, ausgelassen, warum das geschah, bedarf noch der Klärung….

Im Gegensatz zur Aufführung in der Nikolaikirche in Leipzig, im Juni 2007, wurde von J.S. Bach die Kantate: BWV 19 „Es erhub sich ein Streit“ im 1. Teil der Aufführung im Dom zu Gehör gebracht.

Im 1. Satz wurde prächtiger Streitgesang geboten die Trompeten und das Barockorchester liefen zur Höchstform auf, das ist Barockmusik zum Verlieben schön.
In dem Rezitativ für Bass „Gottlob der Drache liegt“ glänzte wieder einmal Peter Harvey mit seiner makellosen Stimme und überzeugenden Wortartikulation…..

Im 3. Satz; die Arie für Sopran: „Gott schick uns Mahanaim zu“ erklingt ein warmherziger Sopran, brillant im Stimmvolumen und überzeugend Julia Doyle, ein herrlicher Gesangsvortrag,

Überragend gelingt James Gilchrist die Arie für Tenor im 5. Satz: „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir“, hier wird ein Gesang zelebriert, der mich aufgrund des innigen und perfekten Vortrages zutiefst zu berühren weiß, was ist das für ein Tenor, er beschwört förmlich die Engel zu bleiben wie es vortrefflicher nicht gesanglich geboten werden kann, er ist ein ganz Großer in der Tenor-Gilde, absolut ein Spitzenkönner…., wie überragend in der Zürückhaltung im Ton sehr gut disponiert die fantastische Trompetenbegleitung von Neil Brough, sowie herrlich und akzentuiert spielende Barocke Soloists, das ist „Göttliche Musik“ im wahrsten Sinne des Wortes, hier versteht es Gardiner einfach grandios, entsprechende Akzente zu setzen, absolute Höhepunkte gelingen allen Beteiligten in diesem fantastischen Kantatenwerk.

Beglückend erklingt am Ende der Kantate als ein krönender Abschluss der Choral: „Laß dein’ Engel mit mir fahren“, Getragen und zu Herzen gehend gesungen begeistert dieser großartige Chor die Zuhörer.

Im Anschluss erfolgte die einstrophige Motette von Johann Christoph Bach „Unsres Herzens Freude hat ein Ende“. Sie wurde großartig Schlank und nuancenreich gesungen.

Vor Beginn der Pause erklingt als ein zusätzliches Highlight an diesem Abend die Kantate von J.S. Bach als ein Fragment, BWV 50 „Nun ist das Heil und die Kraft“,
Für mich eines der großartigsten Kompositionen, die in der Barockzeit geschaffen wurde. Wenn auch die Autorenschaft zwiespältig erscheint, kann so eine großartige Komposition nur aus der Feder des Übervaters: “Johann Sebastian Bach“ stammen…

Was die Ausführenden an Genialität und Musizierfreude in diesem Vortrag zum Besten gaben, kann nicht mehr getoppt werden. Gardiner beweist wieder Gespür dafür, wie so ein kraftstrotzendes Werk zu interpretieren und vorzutragend ist, es mundete prächtig und ließ eine faszinierte Hörerschaft schier aus dem Häuschen geraten. Donnernder Applaus erschütterte den altehrwürdigen Dom, die Besucher entließen die Protagonisten nur ungern in die Pause. Dieses Fragment hätte ich gerne am Schluss der Veranstaltung gehört, es wäre der krönende Abschluss eines unvergesslichen Abends geworden.

Ich merke, dass durch mein schwärmen für diesen großartigen Bach-Abend mein Bericht darüber ins uferlose gerät, deshalb will ich nur kurz die Höhepunkte der Werke, die nach der Pause erklangen, wiedergeben.

Johann Sebastian Bach, BWV 130 „Herr Gott, dich loben alle wir“

Hier möchte ich die berauschende Arie in Satz 3 für Bass „Der alte Drache brennt vor Neid“, hervorheben, ein stimmlich perfekter Bass-Bariton, Peter Harvey, verleiht dieser Arie die entsprechenden gesanglichen Nuancen. Die prächtigen Trompeten wissen das entsprechend zu unterstützen…

Glücklich ist die Besetzung für das Duo (Sopran: Julia Doyle und Tenor: James Gilchrist) als Rezitativ „Wohl aber uns, dass Tag und Nacht“,

Ein weiterer Glanzpunkt der Satz 5 in Begleitung mit der Flöte singt der Tenor James Gilchrist eine zu Herzen gehende Arie „Laß o Fürst der Cherubinen“. Was dieser Sänger zustande bringt entspricht in der Tat einem Cherubinen-Gesang, bezaubernd seine gesanglichen Qualitäten, er überrascht mich immer wieder aufs Neue. Als eine vortreffliche Partnerin im Flötenspiel ist Rachel Beckett lobend zu erwähnen.

Ein prächtiger Schluss-Choral beschließt dieses hervorragende Kantatenwerk. „Darum wir billig loben dich“ wird in der bezaubernden Wiedergabe durch den Monteverdi Choir und durch eine entsprechende Dramaturgie und Akzente setzenden Gardiner zu einer mustergültigen Wiedergabe.

Die anschließende Motette von Johann Christoph Bach „Lieber Herr Gott wecke uns auf“ setzte den faszinierenden Gesang fort wie Eindrücklich der Chor agiert ist immer wieder zu bewundern…..

Den Schlusspunkt des Konzertes bildete die Kantate von J.S. Bach das BWV 149 „Man singet mit Freuden vom Sieg.“

Die einleitenden Trompeten schmettern das Thema hervorragend heraus, und wird grandios vom Chor gesanglich übernommen, es erklingt eine in sich überzeugende klangliche Einheit mit einer berauschenden Interpretation.

Der 2. Satz mit der Arie für Bass (Peter Harvey) „Kraft und Stärke sei gesungen“ ist ein bezauberndes Stück an Barock-Kultur. Das Fagottspiel untermalt genial den Gesang eines bestens aufgelegten Bassisten, der vor Kraft und Stärke sinngemäß des Textes eine Top-Besetzung darstellt.

Leicht abfallend erscheint mir im 3. Satz die sonst so überzeugende Altistin, Clare Wilkinson“, sie hatte nicht ihren besten Tag, dünnlich war ihre sonst so starke Stimme nur zu vernehmen in dem Rezitativ: „Ich fürchte mich vor tausend Feinden nicht.“ (in der CD 2; SDG 124, Vol. 7, singt diesen Part der Altus Richard Wyn Roberts, da passt meines Erachtens die vorgenannte Sängerin als Altistin hervorragender hin…).

An dem Abend ist einmal lobend der Soprangesang von Julia Doyle zu erwähnen, kraftvoll und gesanglich immer überzeugend singt sie in der anschließenden Arie: Gottes Engel weichen nie.“ absolut herzzereißend. Diese Arie, das BC und der Gesang bildeten eine geschlossene Einheit von vollendeter Schönheit, das war ein Engelgesang und Engelmusik der besonderen Art, das Herz öffnete sich und vernahm überirdische Musik….

Diese himmlische Musik ist im Arien-Duett des 6. Satzes für Alt und Tenor mit dem „Seid wachsam ihr heiligen Wächter“ wieder zu vernehmen. Das einsetzende beseelende Fagottspiel von Györgi Farkas und die herrlich zusammenpassenden Gesangspartner (Clare Wilkinson, Sopran und James Gilchrist, Tenor) erzeugen Traummusik, die einen erschauern lässt…..

Die wunderschöne Kantate schließt mit einem prächtigen Choral: „Ach Herr lass dein lieb Engelein.“ Es ist für mich eines der schönsten Bach-Choräle, ich genoss in vollen Zügen diesen fantastischen Gesang des Monteverdi Chores und konnte mich nicht satt hören, meine Rührung konnte ich nicht verbergen, die Tränen standen mir in den Augen, ob dieser fantastischen Wiedergabe. Es war der krönende Abschluss eines wiederum zu geniessenden und überragenden Konzertabends.

Meine Liebe zu Gardiner und seinen Protagonisten erfuhr hier wieder seine Bestätigung aufgrund der Großartigkeit, wie er Spannungen aufbaut und Nuancen in der Interpretation setzt, erzeugt bei mir immer ein Gänsehauterlebnis, was ich bei anderen Interpreten des öfteren so schmerzlich vermisse.
Ein schier ausgelassenes Publikum dankte den Aufführenden für ein unvergessliches Musizieren, wenn Gardiner seine Truppe nicht vom Podium geholt hätte, wären wir heute noch applaudierend zugegen…., einfach wunderbar, so etwas erleben zu dürfen!!!

Grüße

Volker
P.S. Hier ist der Link zum Picasa Webalbum “Gardiner-Konzert in Braunschweig am 29.9.2007

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Bereits abgegebene Kommentare:

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1 Kommentar:

volker hat gesagt…

1. Iris Budde sagt:
7.10.2007 bei 18:00

Lieber Volker,
Dein Kommentar gibt sehr anschaulich und berührend wider, wie auch wir die Michaeliskantaten erlebt haben. Beim Schlusschoral “Ach Herr laß dein lieb Engelein” war es endgültig mit meiner Fassung vorbei, ich wäre zu gern in den himmlischen Spähren geblieben(Carla und Elsbeth ging es genauso). Das Zurückkommen in die Wirklichkeit tat richtig weh. Glaub` mir, ich wär` auch gern noch “applaudierend” zugegen.
Lieben Gruss
Iris
2. Martin sagt:
7.10.2007 bei 18:00

Hallo Volker,

toller Bericht! Ich bedaure, nicht dabei gewesen zu sein.

Ich habe die zumindest die Michaelis-Kantaten ja schon damals in Neviges (und natürlich dieses Jahr in Leipzig)während der BCP gehört, wenn auch mit kleinerer Besetzung. Wie schonmal berichtet, hat BWV 50 das Programm beschlossen und die riesige Betonkirche tobte vor Begeisterung. Ähnliches habe ich in klassischen Konzerten noch nie gesehen. Als dann das selbe Stück nochmal wiederholt wurde, war die Begeisterung nicht mehr zu bremsen. Ich frage mich nur, wie man solche Konzerterlebnisse noch steigern will.
Erfahrungsgemäß hat da nur Gardiner die Antwort drauf und wir können und sicher sein, dass uns auch die nächsten Konzerte wieder vom Hocker reißen werden.

Übrigens:
Monteverdi plant, die Stücke aus dem Alt-Bachischen Archiv im nächsten Jahr aufzunehmen und auf CD zu veröffentlichen.
Dann kann man genüsslich die Erinnerungen an diese Konzerte pflegen.

Schönen Abend,
Martin
3. Volker /admin sagt:
7.10.2007 bei 19:00

Hallo Martin,
Dein Zitat:

Übrigens:
Monteverdi plant, die Stücke aus dem Alt-Bachischen Archiv im nächsten Jahr aufzunehmen und auf CD zu veröffentlichen.
Dann kann man genüsslich die Erinnerungen an diese Konzerte pflegen.
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Was für eine fantastische Nachricht von Dir, das habe ich mir immer gewünscht, diese großartigen Werke des Bachischen Archiv einmal von Gardiner eingespielt zu wissen, da hat sich Deine überragende Beziehung zu Monteverdi wieder einmal gelohnt, wenn es nichts mit dem Gardiner-Blog-Konzert wird, ist das auch eine tolle Nachricht….

Ja, Gardiner überrascht mich immer wieder mit seinen Aufführungen, er ist mit Leib und Seele dabei und versteht es immer wieder prächtig, Spannung aufzubauen und die Werke nicht nur spielen zu lassen.

Schönen Abend und Grüße

Volker
4. Barbara sagt:
8.10.2007 bei 16:00

Hallo Volker,
diesen Abend zu beschreiben, gehört sicher zu den schwierigsten Aufgaben. Die Du einfach genial gelöst hast. NMan kann gar nicht genug schwärmen. Nicht ganz übereinstimmen kann ich (mein Empfinden!) mit Deiner Einschätzung von Julia Doyle. Ihr fehlt so ein wenig die Kraft. Irgendwie bin ich immer am Zittern, wenn sie singt, ob die Töne auch ankommen. Und einiges kommt auch nicht an. Aber was ankommt, ist wunderschön. Die Höhepunkte des Abends waren für mich die Engel-Arie aus BWV19 sowie das Duett aus BWV149. James Gilchrist kann einfach die Welt stillstehen lassen und zusammen mit Clare Wilkinson bildet er einfach ein “Dream-Team”. Der Abend war überwältigend, wie Du es mit vielen schönen Worten beschrieben hast.
Viele Grüße
Barbara
5. Volker /admin sagt:
10.10.2007 bei 01:00

Hallo Barbara,

Dein Kommentar:
Nicht ganz übereinstimmen kann ich (mein Empfinden!) mit Deiner Einschätzung von Julia Doyle. Ihr fehlt so ein wenig die Kraft. Irgendwie bin ich immer am Zittern, wenn sie singt, ob die Töne auch ankommen. Und einiges kommt auch nicht an.

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Da stimme ich Dir zu. das Julia Doyle eine fast zerbrechliche Stimme besitzt und im Volumen nicht an die Klasse von Clare Wilkinson herankommt,nur fand ich sie im Dom gut hörbar und war überrascht vom hörbaren Singen, sie stach an diesem Abend Clare Wilkinson aus, sie muß wohl mit der Stimmer Probleme gehabt haben, wo war ihr überragendes Timbre, was sie sonst an den Tag legt.

Aber alles in allem können wir mit den Gesangs-Solisten trotzdem sehr zufrieden sein, sie gaben ihr Bestes und daran sollte man sie messen, nicht jeder hat immer einen guten Tag.

Überragend fand ich Clare Wilkinson im Duett mit James Gilchrist, was Du ja auch schon angesprochen hast, ein neues Traumpaar unter der Ägidie von Gardiner….

Grüße
Volker