Donnerstag, 24. Januar 2008

Ein zwiespältiges Abendkonzert-Erlebnis mit Sir John Eliot Gardiner, der Sächsischen Staatskapelle in der Frauenkirche Dresden am Samstag, 23.6.2007.

Hallo,

nun komme ich zum zweiten Teil meiner Ausführungen, über die Konzertreihe in Dresden im Juni 2007.

Nach dem totalen Reinfall vom Vortage waren wir nun gespannt auf das Konzert mit Sir J.E. Gardiner, der Sächsischen Staatskapelle und dem Monteverdi Choir.

Nachstehend das Programm:

23.06.2007, 20.00 Uhr,

Frauenkirche Dresden
Monteverdi Choir und Solisten,
Sächsische Staatskapelle Dresden
Ltg. Sir John Eliot Gardiner

Jan Dismas Zelenka
«Miserere» c-Moll

Johann Sebastian Bach
Missa h-Moll BWV 232I

Joseph Haydn
Messe B-Dur HOB. XXII:14
(«Harmoniemesse»)

——————————————————–
.
.

Foto: Frauenkirche Dresden

Voller Spannung erwarteten wir nun nach dem enttäuschenden Orgel-Konzert vom Vortag eine filigrane Wiedergabe mit barocken Werken.

Beginnend mit dem “Miserere c-moll” von Jan Dismas Zelenka (1679-1745), wurde von Sir John Eliot Gardiner für den Abend eine Werksauswahl mit Dresdener Kompositionen ausgewählt. Zelenka war ein Zeitgenosse von J.S. Bach und stammte aus Böhmen, er war als Kontrabassist am Dresdener Hof verpflichtet, 1735 wurde Zelenka in Dresden zum Kirchen-Komponisten ernannt, und verstarb dort 1745.

Das Werk wird besetzt mit Sopran, Chor, 2 Oboen, Streicher und Basso continou und beginnt und endet mit einem Satz über den Text “Miserere mei Deus” (Herr sei mir gnädig). Für unsere Ohren gewöhnungsbedürftig die “Sächsische Staatskapelle” besetzt mit Modernen Instrumenten. Hier hätten wir uns lieber die Baroque Soloists gewünscht mit ihrem furiosen barocken Klang, aber Gardiner suchte die Herausforderung.

In seinem vorab gegebenen Interview sagte er:

Frage: Haben Sie bestimmte Vorgaben im Voraus gemacht, was die Aufführungspraxis oder Besetzung des Orchesters angeht?

Gardiner:
Nein, ich bin ein praktisch veranlagter Dirigent - ich höre zu, was gespielt wird und wir werden sehen, wie wir zusammenkommen. Nicht didaktisch, pädagogisch - ich bin kein Fanatiker und ich schätze das Orchester sehr. Der Zweck der Zusammenarbeit ist ja gerade die musikalische Begegnung, sonst hätte ich auch mein eigenes Orchester mitbringen können. Eigentlich ist das ja vergrößerte Kammermusik, man muss den Musikern einzeln respektvoll und mit Freude zuhören und sie zu dieser Musik einladen. So kann man zusammen musizieren ohne hierarchischen Dogmatismus.

Zitat-Ende!

Auf diese Herausforderung hätten wir gerne verzichtet und sein eigenes Orchester gehört. Da gefällt mir die Einspielung von Hermann Max, mit seinem Barockorchester bedeutend gefälliger. (Eine Hörprobe werde ich von H.M.zur Verfügung stellen).

-.-.-.-.


Foto: Konzertbeginn mit Zelenka, problematisch die Aufstellung der Gasangs-Solisten, Mitte hinten ! Eine Katastrophe war der Sopran-Part von der sonst so ausgezeichneten “Miriam Allan” in Satz drei “Gloria Patri”, sie vermochte mit ihrem Gesangs-Volumen bis zur Mitte des Kirchenschiffes in etwa hörbar gewesen sein, uns erreichte wegen der Größe der Frauenkirche, und sitzend, gegenüber dem Altar- und Aufführungsraum auf der 1. Empore, nur ein kaum hörbarer Gesang, leider.

Wie überhaupt vor der Pause eine problematische Akustik vorherrschte, wie mag die Probe am Vormittag verlaufen sein, die Hörbarkeit war für uns absolut mangelhaft, ein erträgliches Hörerlebnis erfuhren wir nur, wenn alle Beteiligten voll in das Werk integriert wurden! Wir sahen uns an und waren der Meinung: “Sollte es wieder ein nicht mundender Konzert-Abend werden!” Es war wie verhext, dieser Kirchenraum scheint wohl nur mit Problemen behaftet zu sein, oder täuschen wir uns?

Foto: Pausen-Applaus für Gardiner und die Sächsische Staatskapelle sowie dem Monteverdi Choir, Gesangs-Solisten: Miriam Allan (Sopran), Clare Wilkinson (Sopran II, Alt), Nicholas Mulroy (Tenor), Matthew Brook (Bass). Konzert am 23.6.2007 in der Frauenkirche Dresden.

Die Miserere-Messe wurde von dem Monteverdi Choir hervorragend vorgetragen, sie waren einschließlich Solisten, in einer 31-Sänger- (innn) Kopf- Anzahl vertreten, ( so einen Gewalt-Chor habe ich bei Gardiner noch nicht erlebt !), was bei der problematischen Akustik der Frauenkirche wohltuhend registriert werden konnte und sie waren fantastisch zu hören. Zelenkas Messe fließt in einer ruhigen und gleichmäßigen konzertanten Musik, ohne nennenswerte Höhepunkte.

Der Programmpunkt zwei beinhaltete die Missa in h-Moll, BWV 232I (in der Fassung von 1733, - ca. 60 Minuten Aufführungsdauer - , aus deren Kyrie und Gloria schließlich die berühmte h-Moll-Messe werden sollte, BWV 232, in der Fassung von 1749). Die Missa in h-Moll, BWV 232I war Bachs Bewerbungs-Komposition an den Dresdener Hof, 1733, zur Erlangung des Titels: “Königlicher Hof-Compositeur.”

Diese uns bekannte Messe in h-Moll, BWV 232, müssen wir bereits mit Gardiner in Ludwigsburg, im Jahre 2004 gehört haben, denn die dortige Aufführungszeit belief sich auf etwas über 60 Minuten und muss sich um die Kurzfassung (BWV 232I) gehandelt haben?

Die einzelnen Stimmen des einunddreißigköpfigen Chors, aus dem auch die Solisten nach und nach für die Soloparts hervortreten, sind einheitlich in ihrer Färbung, präzise und schlank in der Stimmführung.

Wenig heraushörbar die Gesangs-Solisten: Miriam Allan (Sopran) Clare Wilkinson (Sopran II, Alt), Nicholas Mulroy (Tenor), Matthew Brook (Bass), aufgrund der miserablen Akustik und ihre Plazierung in der Frauenkirche, wie bereits erwähnt, erreichte uns nicht der Gesang auf der 1. Empore, großartig und hörbar gelingen die Chor-Partien, das Orchester mit modernen Instrumenten bestückt, waren durchaus annehmbar und gaben der Bach-Messe gekonnt ein prägendes Musizier-Erlebnis.

Als eine Präferenz-Aufführung kann sie nicht unbedingt herhalten, da gefiel uns die Aufführung in Ludwigsburg, trotz der trockenen Akkustik dort, allemal gefälliger, das Broque Orchester wurde in Dresden absolut vermisst.

Foto: Wartendes Orchester, Chor und Gesangs-Solisten nach der Pause auf den Sir !

Was sich dann nach der Pause tat, kommt einem Wunder gleich. Draußen hielt ich mich in der Pause kurz auf und ging um die Frauenkirche, stoppte meine Schritte und bemerkte, dass sämtliche Gesangs-Solisten die Zeit nutzten, sich nochmals einzusingen, war das ein Schlüssel zum Erfolg für den 2. Teil des Konzertes?

Den Schlußpunkt setzte man mit Joseph Haydn. Messe B-Dur Hob. XXII:14 (Harmoniemesse), eines der Spätwerke von Joseph Haydn von 1796.

Man sah sich genötigt zu träumen, bist du in einem anderen Konzertsaal, wie gewandelt erklang das Orchester, die Gesangs-Solisten waren nun deutlich hörbar bis zur 1. Empore zu vernehmen, hier scheint es in der Pause wohl erregte Diskussionen gegeben zu haben, denn diese Aufführung war das “Non plus Ultra” des Abends. Eine nicht zu toppende und betörende Wiedergabe, alle waren bemüht, den Abend zu retten, hier scheint der Sir wieder in seinen Zauberkasten gegriffen zu haben, die Gesangs-Solisten platzierte er nach vorne an die Bühne, dass war mit ein Schlüssel zum Erfolg. Kräftig und Ausdrucksstark sangen sie nun ihren Part, der sich absolut wohltuhend von dem zuvor Gehörten, abhob, eine fantastische Leistung,

Die üblicherweise so ausdrucksstarken Sängerinnen (Miriam Allan; Clare Wilkinson) und Sänger (Mattew Brooks) boten nun eine Glanz-Vorstellung, das war genau die Musik, die wir vom Sir gewohnt sind, wortverständlich und in ihren unnachahmlichen Gesangs-Nuancen wurde wie selbstverständlich der Monteverdi Choir mitgerissen, wir erlebten eine Sternstunde mit Haydn-Musik.

Die B-Dur Messe enthält so viel an Feinheiten, die aber meinen schon so umfangreichen Bericht sprengen würde, romantische Anklänge der beginnenden Klassik-Zeit waren heraushörbar mit ebenso wunderbaren Barock-Klängen, ein vortreffliches Werk, das ich wärmstens empfehlen kann.

Foto: Schluss-Applaus in der Frauenkirche Dresden am 23.6.2007, im Vordergrund Die Gesangs-Solisten und Sir J. E. Gardiner.

Beglückt darüber, dass wir nun doch noch nach der Pause eine vortreffliche Darbietung erleben durften, verließen wir die Aufführungsstätte. Gedankenversunken sinnierten wir, wie wäre es gewesen, wenn der 1. Teil ebenso fantastisch abgelaufen wäre……….!!

Grüße

Volker

P.S.

*) Eine Anmerkung von der Misa in h-Moll, BWV 232I und der Bearbeitung von Bach zur berühmten h-Moll-Messe stelle ich im Nachgang den Interessierten zur Verfügung!

Bach arbeitete zu unterschiedlichen Zeiten an dieser Messe: Das Sanctus wurde bereits 1724 für den ersten Weihnachtstag komponiert.

1733 entstanden das Kyrie und das Gloria (Missa brevis). Diese erste Fassung war sowohl im lutherischen wie im katholischen Gottesdienst verwendbar. Die 21 Stimmen dieser Fassung reichte Bach mit einem Widmungsschreiben im Juli beim katholischen Dresdner Hof ein, verbunden mit der Bitte um Verleihung des Titels eines “Hof-Compositeurs”. Erst nach vielfachen Erinnerungen, weiteren Widmungen und zahlreichen Konzerten wurde ihm der Titel eines “Kurfürstlich-sächsischen und königlich-polnischen Hofcompositeurs” im November 1736 verliehen. (Aufführungsdauer; ca. bis 70 Minuten)

1748 entschloss sich Bach, die Messe um Credo, Sanctus, Osianna, Benedictus, Agnus-Dei und Dona nobis pacem zu erweitern, teils durch Neukompositionen, teils durch parodierende Umarbeitung vorhandener Sätze aus seinen Kantaten.

Zwar wurde die h-Moll-Messe BWV 232, in der Bach-Familie als „catholische Messe“ bezeichnet, dennoch unterscheidet sich der Text an zwei Stellen vom katholischen Messentext: Entsprechend der Fassung von Martin Luther ist im Gloria nach Domine, fili unigeniti, Jesu Christe das Wort altissime eingefügt. Im Sanctus steht statt Gloria tua entsprechend Jesaja 6,3 gloria ejus. (Aufführungsdauer: ca. bis 110 Minuten).

(Quelle: http://medienturm.ag-server.de/ und Christoph Wolff, Booklet, Gardiner h-moll-Messe, Archiv 1985


-------------------------------------------------------------------------------

Bereits abgegebene Kommentare:

1 Kommentar:

volker hat gesagt…

1. Alexander Behrens sagt:
30.6.2007 bei 22:00

Hallo Volker, du hast wieder einmal tief in deine Berichterstatter-Trickkiste gegriffen, ein sehr lebendiger und inhaltsvoller Vortrag, für den ich dir danke! Zu gern hätte ich die von mir geliebte Staaatskapelle mal in dieser Zusammensetzung gehört. In den späten 80gern / frühen 90gern habe ich einmal Gardiner mit der Staatskapelle bei einer Aufführung von Schumanns 2ter erleben dürfen, im Kulturpalast. Alex
2. Volker /admin sagt:
1.7.2007 bei 01:00

Hallo Alex,

danke für deinen Zuspruch.
Wie wahr, überzeugend war die Sächsische Staatskapelle, Schwung. Drive, hohes technisches Können, das steht alles ausser Frage, nur… bei Barock-Werken klingt mir Gardiners Barockorchester entschieden wohltuhender, diese berauschenden Klangeffekte kannst du nur mit “Historischen Instrumenten” erzielen, da schneiden die Modernen Instrumente eindeutig schlechter ab.

Ab der Epoche Klassik- und Romantikzeit ist die Sächsische Staatskapelle ein hervorragender Klangkörper, das steht ausser Frage, das deuteten sie in der Haydn-Messe an, was in ihnen steckt,großartig…

Schönen Sonntag und Gruß
Volker
3. Alexander Behrens sagt:
1.7.2007 bei 09:00

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da sagte man, die Staatskapelle hätte zwei Domänen: Mozart/Schubert und Wagner/Strauss. Wenn man die Mozart-Einspielungen mit Ottmar Suitner hört und mit zeitgenössischen Mozart-Aufnahmen vergleicht, wird man dem beipflichten. Die Aufführungspraxis hat sie dann überrollt.
4. Alexander Behrens sagt:
1.7.2007 bei 09:00

http://www.cantatafinder.com/tmp/Suitner1.mp3
Die “Pariser”. Ich weiß nicht das genaue Aufnahmedatum, aber es kann nicht später als die frühen 80ger gewesen sein.
5. Volker /admin sagt:
1.7.2007 bei 13:00

Das hört sich doch recht ordentlich an, Schwung und Elan ist vorhanden, einen mitzureissen verstehen sie auch.

Volker