Mittwoch, 23. Januar 2008

Helmstedt, 28.9.2007 - Ein zutiefst beeindruckendes Konzert

11.10.2007 von Barbara.

Um das Ende gleich vorweg zu nehmen – ich bin nach diesem Konzert mit einem ganz tiefen Frieden in meinem Herzen zurück ins Hotel gegangen. Was eigentlich paradox klingt, da die meist gebrauchten Worte des Abends Tod, Tränen, Weinen usw. waren. Aber die Worte sind eins und die Musik das andere. Aber von Anfang an:

Das Konzert mit dem Programm ” Bach-Familie” fand in der Klosterkirche St. Marienberg statt. Diese Kirche ist eine romanische Pfeilerbasilika (sehr alt also) mit einer hölzernen Flachdecke, was ein wenig anheimelnd wirkte. Die Musiker waren im hinteren Altarraum postiert, während sich im vorderen Altarraum die “besten” (und teuersten) Zuschauerplätze befanden. Was die vielen Besucher im langen Kirchenschiff, mehrere Stufen tiefer gesehen und vor allem gehört haben, wage ich mir nicht vorzustellen. Aber für die Priviligierten in den oberen Reihen ergab sich, vor allem auch wegen der kleinen Besetzung, der Eindruck eines exzellenten intimen Kammerkonzertes.


Foto: Aufführungsstätte “Klosterkirche St. Marienberg” Helmstedt

Folgende Werke kamen zur Aufführung:

Johann Christoph Bach: Herr wende dich und sei mir gnädig
Johann Christoph Bach: Fürchte dich nicht
Johann Christoph Bach: Wie bist du denn, o Gott
Johann Christoph Bach: Aria: Mit Weinen hebt sich’s an
Johann Sebastian Bach: BWV 106 Actus Tragicus: Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit
Johann Christoph Bach: Der Gerechte ob er gleich zu zeitlich stirbt
Johann Christoph Bach: Ach, dass ich Wassers gnug hätte
Johann Christoph Bach: Es ist nun aus
Johann Sebastian Bach: BWV 198 Trauerode “Lass Fürstin”

Die Besetzung war absolut minimalistisch, oft nur solistisch besetzt. Deshalb führe ich hier einmal alle, durch die Bank exzellenten Musiker auf:

Miriam Allan, Julia Doyle, Sopran; Clare Wilkinson, Alt; Jeremy Budd, James Gilchrist, Nicholas Mulroy, Tenor; Matthew Brook, Peter Harvey, Bass

Maya Homburger, Kati Debretzini, Geige; Jane Rogers, Viola; David Watkin, Cello; William Carter, Lynda Sayce, Laute; Richard Campbell, Reiko Ichise, Viola da Gamba; Kate Latham, Blockflöte; Rachel Beckett, Christine Garratt, Traversflöte; Michael Niesemann, Molly Marsh, Oboe; Valerie Botwright, Kontrabass; Silas Standage, Orgel und Cembalo

Leider fand während des Schlussapplauses in Braunschweig, als es mich nicht mehr auf dem Stuhl hielt, wo ich mein Programmheft abgelegt hatte, jemand selbiges so interessant, dass er es an sich genommen hatte. Dort hatte ich zu jeden Stück die Interpreten (sehr spannend, wie unterschiedlich die Besetzungen waren) und meine Eindrücke (es wimmelte nur so von beeindruckend, ausdrucksvoll, eindringlich, intensiv und ähnlichen Adjektiven) notiert. Das fehlt mir jetzt leider, sodass ich ziemlich ungenau bleiben muss und nicht jedes Werk entsprechend würdigen kann.

Das erste Stück des Konzertes - Johann Christoph Bach: Herr wende dich und sei mir gnädig – war ein sehr eindrücklicher Klagegesang (Clare Wilkinson, Nicholas Mulroy, James Gilchrist), der von einer Vox Dei (Matthew Brook) in steigender Intensität unterbrochen wurde. So wurde die tröstende Kraft Gottes (Lass dich an meiner Gnade begnügen) sehr deutlich hörbar. Der abschließende Choral “Frisch auf mein Seel und zage nicht” war wirklich sehr frisch gesungen und musiziert, vor allem die Violine mit ihren scharfen Punktierungen sorgte für reichlich Bewegung. Die Intensität, mit der musiziert wurde, war sehr beeindruckend.

Johann Christoph Bach: Fürchte dich nicht wurde auch in sehr kleiner Besetzung musiziert. Hier ist mir besonders der Choral “O Jesu du, mein Hilf und Ruh” in Erinnerung, der von Miriam Allan mit ihrer klaren und durchdringenden Stimme aus dem Hintergrund sehr zu Herzen gehend gesungen wurde.

Welcher der beiden Bässe das folgende Lamento gesungen hat, weiß ich nicht mehr. Ich glaube es war Peter Harvey. Wer auch immer, es war sehr eindruckvoll. Vor allem die fulminante Solovioline (Maya Homburger), die im Gegensatz zu dem klagenden Bass sehr lebhafte Melodien hatte. Hier war ich überrascht, wie viele Farben ein einzelner Ton haben kann. Unglaublich.

Nach dem homophonen “Mit Weinen hebt sich’s an” – sehr eindringlich – wurde der erste Teil mit dem Actus Tragicus beschlossen. Vor allem Clare Wilkinson beeindruckte in ihrer Arie mit einer tiefen Innigkeit. Aber eigentlich ist es nicht fair, gerade hier einzelne Sänger heraus zu stellen, da das ganze Werk sehr zu Herzen gehend war.

Foto: Klosterkirche St. Marienberg, von links: J.E. Gardiner, James Gilchrist,

Jeremy Budd, Miriam Allan, Julia Doyle

Nach der Pause war für mich das beeindruckendste Stück das Lamento ” Ach, dass ich Wassers gnug hätte” für Alt. Ein klein wenig Ironie am Rande: Clare Wilkinson, die an diesem Abend praktisch ständig beschäftigt war, kämpfte vor dieser Arie mit ihrer Wasserflasche. die sich nicht öffnen ließ. Das Orchester stimmte und stimmte, sie kämpfte tapfer weiter, die Tenöre und Bässe, die auch an der Seite saßen, schauten interessiert zu, das Orchester stimmte weiter, bis sich Katherine Adams erbarmte und ihr eine andere Wasserflasche öffnete. Sie nahm einen tiefen Schluck, ging auf die Bühne und klagte verzweifelt nach Wasser. So viel Verzweiflung in der Stimme war fast nicht zu ertragen. Eine Sternstunde. Ich war so beeindruckt, dass ich über von der folgenden Trauerarie (von allen Sängern gesungen) nur noch weiß, wie beeindruckend das jede Strophe beendende “Welt gute Nacht” immer intensiver, aber auch ruhiger wurde. Ein Widerspruch, ich weiß, aber das ist hängen geblieben. Die das Konzert beendende Trauerode hat mich nur noch träumend erreicht, es war einfach nur schön.

Allen Stücken gemeinsam ist, ich wiederhole mich, dass unglaublich einfühlsam, ausdrucksstark und zu Herzen gehend musiziert wurde. Manches Mal waren die Töne jenseits aller Schönheit, sie waren nur noch ganz tief empfunden, voller Schmerz oder voller Mitleid. Auch wenn ich nicht jeden Sänger gewürdigt habe, jeder einzelne verdient und vor allem John Eliot Gardiner, der diese unglaubliche Intensität auf seine Musiker übertragen hat, die größte Bewunderung und alle zusammen als Team sowieso. So niederdrückend die Texte auch waren, die Musik war voller Trost und Schönheit. Ich denke, dies ist die größte Botschaft des Abends: Ganz egal, wie besch…eiden vieles in diesem Leben ist, was alles schief geht, wo eigentlich nur noch Verzweiflung pur ist, über allem ist etwas, was größer ist und alles leichter macht. So wie an diesem Abend die Musik über die Worte triumphiert hat. Gekrönt wurde dies am nächsten Abend mit der Arie “Bleibt ihr Engel”, mit der James Gilchrist mitten in diesem lauten, pompösen Konzert einen Bogen zu dem Helmstedter Konzert geschlagen hat. Aber dies war ein anderes Konzert…

Foto: Klosterkirche St. Marienberg, Schluss-Applaus

Der Applaus sprach für sich – Standing Ovations – und eine traumhafte Zugabe, die noch einmal die Eindringlichkeit dieses Konzertes vertiefte. Ein richtiges “Geh nach Hause in Frieden – Stück”. Allerdings ging es nicht nur mir so. Beim Ausgang im Kirchenportal hörte ich die Fragen “Was war denn das?” und “Welche Sprache war das eigentlich?” Mittlerweile habe ich erfahren, dass es sich die Motette “Der Gerechte kommt um” von J.S.Bach handelte. Eigentlich ist das Stück von Kuhnau (Tristis est anima mea), das Bach mit einer Begleitung für Streicher und 2 Oboen versehen hat. Ein wunderbares Stück und ein wunderbarer Abschluss für einen Abend, der lange bei mir nachklingen wird.

Viele Grüße
Barbara


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Bereits abgegebene Kommentare:

1 Kommentar:

volker hat gesagt…

1. Iris Budde sagt:
12.10.2007 bei 11:00

Liebe Barbara,
ich habe zwar Helmstedt nicht mitbekommen, bin aber begeistert von Deinen Ausführungen, so daß es mir leicht fällt, mich in die einzelnen Stücke zu versetzen und irgendwie mitzuschweben. Und Braunschweig wirkt ja auch immer noch nach … Danke!
Lieben Gruss
Iris
2. Volker /admin sagt:
12.10.2007 bei 14:00

Liebe Barbara,

genüsslich habe ich Deinen so liebevoll rezensierten Beitrag von dem Konzert in der Klosterkirche St. Marienberg, verschlungen, Das Bachfest Leipzig 2007, Thomaskirche, lebt wieder auf. Dafür dass Dir das Programmheft im Dom entwendet wurde, hast Du aus dem Gedächtnis heraus einen wunderbaren Live-Bericht dieser grandiosen Bach-Familien-Werke beschrieben.

Wie Du schon ausgeführt hast, ist mit Clare Wilkinson eine Top-Gesangsolistin als “Alt” in den Reihen von Gardiner zu finden, diese Ausstrahlung und ihr Gesangsniveau ist mehr als beeindruckend, ebenso der Tenor James Gilchrist, sie bildeten im Braunschweiger Dom ein Traumduo, im Arien-Duett des BWV 149,6. Satz für Alt und Tenor mit dem „Seid wachsam ihr heiligen Wächter“, klingt in mir immer noch als ein weiteres Higlight nach.

Diese filigranen und schlanken Werke aus der Familie Bach hast Du @Barbara, wunderbar beschrieben und danke Dir für diesen wunderschönen Bericht vom Vorkonzert aus der Reihe “Soli Deo Gloria” im Braunschweiger Land, an den zwei Tagen erklang sprichwörtlich SDG-Musik…..

Grüße
Volker