Donnerstag, 24. Januar 2008

Impressionen vom Potsdamer Gardiner-Konzert

21.06.2007 von Barbara

Hallo!

Dies ist keine Rezension, sondern es sind ganz persönliche Eindrücke. Dies vorweg.



Foto: Erlöserkirche in Potsdam

Der erste von vielen Eindrücken des Abends war “Es ist warm!”. Meine Prognose “Zum Glück ist es in alten Kirchen immer schön kühl”, war schlicht und ergreifend falsch. Nicht nur den Musikern lief das Wasser in Strömen, sondern auch dem Publikum.

Aber von Anfang an:

Die Erlöserkirche liegt mitten in einem Wohngebiet mit engen Straßen und wenig Parkplätzen. D.h. auch rund um die Kirche gab es ein Riesengedränge. Zudem wurde die Kirche erst 10 min vor Konzertbeginn geöffnet (=1000 Leute wollen in die Kirche rein, 2 passen gleichzeitig durch die Tür!), sodass wir vor dem Konzert nicht einmal in Ruhe das Programm durchlesen konnten. Das war es dann aber schon mit dem Negativen. Als die ersten Töne (Nun ist das Heil …) mit Macht über uns hereinbrachen, war die Welt wieder in Ordnung. Die Kirche ist nicht so riesig groß, wenig Säulen und so schienen Orchester und Chor fast zu mächtig für den Raum sein.

Auch in den folgenden Kantaten wurden wir von der Kraft der Musik schier erdrückt. Das bekam auch Peter Harvey in der Arie “Der alte Drache brennt vor Neid” – BWV 130 “Herr Gott, dich loben wir” - zu spüren, er hatte schlicht und ergreifend keine Chance, gegen das Orchester und vor allem die Trompeten anzusingen. Da nutzte auch nicht der Platz auf der Kanzel. Welch wundervolle, ausdrucksstarke Stimme er hat, kam aber im Rest des Konzertes zur Geltung. Vielleicht wäre bei dieser Arie Matthew Brook die bessere Wahl gewesen. Zum Glück gab es zwischendurch diese wundervollen, stillen Arien zum Erholen.

Der wundervollste, magischste Moment des Konzertes war für mich die Arie “Bleibt, ihr Engel” aus BWV 19 – Es erhub sich ein Streit -, gesungen von James Gilchrist. Welch ein wundervoller Tenor. Er sang mit einer solchen Intensität, dass die Engel um uns herum bald greifbar wurden. Es war einfach ein magischer Moment, der mich tief berührt hat. Zum Weinen schön!

Auch Clare Wilkinson war sehr überzeugend. Hier ist für mich am stärksten das Duett mit James Gilchrist in BWV 149 “Man singt mit Freuden” in Erinnerung. Diese beiden Stimmen haben wunderbar harmoniert. Lediglich Julia Doyle fiel aus dem Rahmen. Sie wirkte stark überanstrengt, leicht heiser, die Stimme strahlte einfach nicht. Nun gut, wir wissen ja, dass sie singen kann. Chor und Orchester waren einfach überragend, auch wie sie sich ständig umgruppiert haben, und dies mit ganz viel Ruhe, auch wenn es dem Meister schon mal nicht schnell genug ging, trug zu dem positiven Gesamteindruck bei.

Das Orchester hatte aufgrund des Sonnenstandes zu Beginn riesige Probleme. Erst waren es die 1. Violinen, die kaum gucken konnten, dann waren es die Trompeten, die zu kämpfen hatten. In jeder Pause, die sie in ihren Noten hatten, mussten sie sich ein neues Plätzchen suchen, um nicht geblendet zu werden. Was auch beeindruckend war, mit welcher Freude der Chor gesungen hat. Ich bin mir nicht sicher, ob es Professionalität war, die, wenn sie sie von Freude singen, auch die Freude in ihren Gesichtern sehen lässt. Es war einfach zu schwungvoll.

Es war einfach ein unglaubliches Konzert und ich werde alles daransetzten, es mir im Herbst noch einmal in Braunschweig anhören zu können. Es hat mir viel Kraft gegeben. Gestern habe ich es ausprobiert: Nervige Kids, 1000 Aufgaben, aber keine Kraft dafür, ab ins Zimmer, rotes Stop-Schild davor, CD mit Engel-Arie in den CD-Player (auch in der Aufnahme hat James Gilchrist gesungen), auf den Boden legen und 8 Minuten totale Entspannung. Und der Zauber wurde wieder lebendig.

Sogar mein Mann mit seiner “Never Bach”-Einstellung war begeistert. Erst bei der letzten Kantate BWV 149 fiel ihm wieder ein, dass er die Musik von Bach nicht mag, alles andere hat auch ihn mitgerissen. Ein besseres Kompliment für die Mitwirkenden kann es gar nicht geben.

Grüße

Barbara

-----------------------------------------------------------------------------------------------

Bereits abgegebene Kommentare:

1 Kommentar:

volker hat gesagt…

1. Alexander Behrens sagt:
21.6.2007 bei 16:00

Hallo Barbara,
danke für deine beeindruckende Schilderung des Konzerts, es erinnert mich sehr an Leipzig. Dass Harvey eine instrumentalere Stimme hat, ist natürlich unbestreibar, allerdings hat er zumindest in der Probe in Leipzig einen gewaltigen Schalldruck erzeugt, der mich ziemlich überrascht hat. Das Julia Doyle Schwierigkeiten hatte, tut mir sehr leid, in Leipzig hat sie mich beeindruckt mit ihrer Musikalität. In der Erlöserkirche habe ich seinerzeit Kurrende gesungen, wenn auch nicht lange. Ich finde die Akustik der Kirche ziemlich topfartig, was auch SDG 110 zeigt, aber Potsdam hat nichts anderes.
viele Grüße, Alexander
2. Volker /admin sagt:
21.6.2007 bei 23:00

Hallo Barbara,

ein sehr eindrucksvoller Bericht des Potsdamer Konzertes, fantastisch.

In der SDG-CD-2 Nr. 124 Vol.7 aus Bremen; ist mir diese Tenor-Arie “Bleibt ihr Engel, bleibt bei mir!” sofort aufgefallen, mit welcher Innbrunst und Überzeugung - im warsten Sinne des Wortes - “James Gilchrist” mit seinem ausdrucksstarken Tenor diese zu Herzen gehende Arie vorgetragen hat.
Hier werde ich sofort in die Nikolaikirche zurückversetzt, wenn ich die Arie in Gedanken wieder höre, fantastisch fand ich die Idee von Gardiner, dort auf der Kanzel den Trompeter “Neil Brough” zu plazieren, als wollten die Engel vom Himmel mit der Trompete eine Bejahung zurufen, fand ich einfach ergreifend schön!!

Den Bassisten “Peter Harvey” fand ich in Leipzig sehr überzeugend, er kam zu uns auf die Empore und sang von dort eine kurze Bass-Arie, trotz Rückenzukehrung war es ein voluminöses und verständliches Singen, aber die Akustik eines Raumes trägt auch viel zum Erfolg bei, da mag die Erlöserkirche wohl etwas problematisch gewesen sein, zumal Gardiner das Orchester voll aufspielen lässt, eine kleine Zurücknahme des Orchesters und Trompeten wäre sicherlich zweckdienlicher gewesen.

Über die Altistin “Clare Wilkinson” noch Worte zu verlieren erübrigt sich, sie gehört für mich zur zeitlichen Topbesetzung.

In Leipzig waren teilweise die Trompeten etwas unsauber, aber das schmälert nicht ihre großartige Leistung, denn diese alten Instrumente besitzen ihre Tücken und da muss man ein wenig nachsichtig sein.

Berauschend schön finde ich in dem BWV 140 “Man singet mit Freuden vom Sieg” die Arie für Alt und Tenor mit dem “Seid wachsam, ihr heiligen Wächter” das Spiel des Fagotts, das war Bach-Gesang und -Spiel pur, schöner kann eine Duett-Arie nicht vorgetragen werden, Clare Wilkinson und James Gilchrist stellen sich hier als eine Traumbesetzung dar.

Der Abend in Leipzig war überzeugend von allen Vortragenden, wir konnten Gardiner aufgrund unseres großartigen Sitzplatzes von vorne sehen und bekamen jede Mimik von ihm und den Aufführenden mit, sie hatten richtigen Spaß, Schwung und Freude am Spielen, ein toller Teamgeist muss in der Truppe herrschen, denn sonst ist so eine großartige Musik nicht zu verwirklichen.

Die Aufführung in der Nikolaikirche war so wahnsinnig, dass ich spontan unsere Karten für Helmstedt umgetauscht habe für die Michaeliskantaten im Braunschweiger Dom am 29.9.2007, dass wird für mich und meiner Frau wieder ein Highlight werden, worauf wir uns heute schon freuen.

Grüße
Volker