Donnerstag, 24. Januar 2008

Sinn oder Unsinn der Beifallskundgebung in Kantaten-Konzerten !

Hallo,

mich hat dieses Thema schon immer bewegt, wie verhalte ich mich als Besucher, wenn ich ein Konzert mit Bach-Kantaten von Sir John Eliot Gardiner besuche und meinen Beifall für seine überwältigende Darbietung kundtun möchte. Nach dem ersten aufgeführten Bach-Werk gerate ich in eine Zwickmühle, soll ich spontan Beifall spenden, verharre ich erst einmal, oder unterlasse ich prinzipiell eine Beifallsbekundung nach der ersten Kantatenaufführung.

Foto: Tosender Schlussapplaus nach den Michaelis-Kantaten in der Nikolaikirche, Bachfest Leipzig 2007


In Leipzig war es zu Bachs Zeiten Sitte, zu einer Aufführung mit “Geistlicher Musik” keinen Beifall zu spenden.

@Alex, erwähnte einmal in seinem Beitrag zur Probe der Kantaten im Bachjahr 2000 in der Thomaskirche von Leipzig, dass der örtliche Pfarrer Sir John Eloit Gardiner gebeten hat, auf das Gotteshaus Rücksicht zu nehmen und er auf Beifallsbezeugungen verzichten sollte.

In einem Gespräch meinerseits - in der Pause zu den Triumpf-Kantaten zum Bachfest 2007 in Leipzig, in der Nikolaikirche - kam ein Besucher auf mich zu und fragte mich, ob dieser spontane Applaus nicht unterlassen werden sollte, man sei von der Musik noch so ergriffen und sollte doch erst einmal alles richtig innerlich verarbeiten können. Er habe ein großes Problem damit, durch den spontanen Applaus sei so manches in ihm zerstört worden und eine Verinnerlichung der “Geistlichen Musik” nur noch bedingt möglich.

Was für einen Standpunkt vertreten die Blog-Teilnehmer, das würde mich brennend interessieren, ist die spontane Beifallsbezeugung eine moderne Unsitte geworden und sollte zu den Ursprungs-Zeiten zurückgekehrt werden und durch eine mehrminütige Stille und Sitzenbleiben dem Werk entsprechend gewürdigt werden.

Grüße

Volker

---------------------------------------------------------------------------------------

Bereits abgegebene Kommentare:

1 Kommentar:

volker hat gesagt…

1. Martin sagt:
15.8.2007 bei 13:00

Hallo Volker,

ich denke, dass Beifall durchaus angemessen ist. Werden die Kantaten (wie ursprünglich gedacht) als Teil des Gottesdienstes aufgeführt, verbietet sich das natürlich. Aber wenn sie in einem Konzert zu hören sind, liegen die Hintergründe ja woanders und da habe ich aboslut kein Problem mit Applaus. Natürlich sollte man nicht direkt in den Schlussakkord reinklatschen, sondern die Töne ausklingen lassen und ein paar Momente der Ruhe sind auch angemessen. Aber dann kann applaudiert werden, bis der Arzt kommt bzw die Zugabe:-) Ich finde auch, dass der Pfarrer, oder wer immer diese Aussage in Leipzig getroffen hat, dann konsequenterweise darüber nachdenken sollte, keine Konzerte in seinem Haus zu gestatten, wenn er den Applaus als selbstverständlichen Teil des Konzertes nicht haben will. Man bezahlt ja auch (nicht wenig) Eintritt für solche Konzerte und da gelten natürlich die ungeschriebenen Konzertregeln..

Meine Meinung, es gibt bestimmt andere..

Schöne Grüße,
Martin
2. Volker /admin sagt:
16.8.2007 bei 00:00

Hallo Martin,

ja, da stimme ich Dir vorbehaltlos zu, wenn es sich um einen Kantaten-Gottesdienst handelt, unterläßt man absolut eine Beifallsbekundung.

Wenn es sich um ein reines Kantaten-Konzert handelt, kommen bei mir trotzdem leichte Zweifel auf, wie verhalte ich mich gegenüber dem gerade Gehörten an “Geistlicher Musik.” Ich bin der Meinung, das muss erst einmal sacken, ich möchte es Verinnerlichen, dann wäre es doch angebracht, am Ende des Konzertes nach einer kleinen Pause sich mit einer entsprechenden Beifallsbekundung zu äußern, denn die Aufführenden leben davon und sollten auch nicht um ihren verdienten Lohn gebracht werden.

Ich fände es meiner Meinung nach angebracht, sich die Werke anzuhören und dann am Ende des Konzertes den verdienten Applaus den Aufführenden zukommen zu lassen.

Ich werde nie die Ende-Situation in der Aufführung der Matthäus Passion im Dom von Königslutter vergessen, als Gardiner den Kopf sengte, es minutenlang absolut still war und er dann das Kirchengebäude ohne den Schluss-Applaus abwartend verließ und nicht wiederkam.

Das war für ihn ein Passions-Gottesdienst und für mich ebenfalls beeindruckend zu beobachten, dass man so etwas heute noch erleben kann, dadurch wurde das Konzert für mich eines der Eindrücklichsten, die ich jemals besucht habe.

Herzliche Grüße

Volker
3. Volker /admin sagt:
20.8.2007 bei 02:00

Hallo,

ich finde zu diesem Thema im Blog eine interessante Stellungnachme von Ralf, die ich hier nochmals mit einfüge.

————————

Ralf sagt:
26.4.2007 bei 14:48
Hallo,

Alex, ich habe die Beschreibung des Konzerts von Gardiner in der Leipziger Thomaskirche gelesen. Leider kann ich die Bemerkungen zum Beifall in der Kirche und zur Mahnung des Pfarrers diesbezüglich so nicht stehen lassen.

Man stelle sich vor, die Musik endet, die Konzertbesucher bleiben noch ein paar Minuten andächtig auf ihren Plätzen sitzen und verlassen (ohne Beifall) die Kirche. Dabei, so ist meine eigene Erfahrung, kann man die Musik in den Ohren sehr gut nachklingen lassen. Diese Atmosphäre würde aber durch Krach, den Klatschen nunmal erzeugt, völlig zerstört und letztendlich wird durch Beifall immer den Interpreten gehuldigt, aber selten dem Komponisten.

Ältere Leipziger Konzert- und Kirchenbesucher stehen dem Geklatsche jedenfalls immer hilflos gegenüber, weil sie es aus der Tradition der Leipziger Kirchenmusik herauskommend, so früher nicht gehabt haben und auch in zukunft so nicht haben wollen. Man sollte also den Wunsch des Pfarrers, der ja auch seine Gemeinde (die der Thomaskirche wohlgemerkt!) vertritt, respektieren und eine gewachsene Tradition durch an dieser Stelle unangebrachtes Verhalten nicht auf diese Art durchbrechen wollen.

Gerade die Thomaskirche ist ein Ort des Gedenkens an Bach in der Tradition der deutsch-sächsischen Kirchenmusik im Gegensatz zu englischen Gepflogenheiten, wo natürlich geklatscht wird.

Mit freundlichem Gruß
Ralf
4. Barbara sagt:
21.8.2007 bei 12:00

Hallo Volker,
jetzt möchte ich doch noch etwas dazu sagen. Diese Diskussion hatten wir vor einer Requiem-Aufführung in unserer Kantorei. Beides wurde im Laufe der Jahre praktiziert - Bitte um Verzicht um Applaus sowie ungebremster Applaus. Nach einer erneuten Diskussion darüber wurde die Version gefunden, dass der Chorleiter nach dem Konzert durch seine Gestik den Applaus hinauszögert. Dies war sehr beeindruckend. Übrigens waren gerade die Theologen unter uns sehr bemüht, eine Lösung zugunsten des Applauses zu finden.

Für mich als Zuhörer ist es sehr unbefriedigend, ohne Applaus nach einem Konzert nach Hause zu gehen, wie berührend das Konzert auch gewesen sein mag, Karfreitag vielleicht mal ausgenommen. Zum einen möchte ich meinen Dank an die Ausführenden ausdrücken und zum anderen hilft er mir, wieder “auf die Erde” zu kommen. Denn spätestens an der Kirchentür holt mich der Krach und das pralle Leben wieder ein. Und das Verinnerlichen des Gehörten geschieht während des Konzertes. Und wenn mir der Dirigent dann noch einen kurzen oder längeren Moment des Innehaltens gewährt, umso besser. Dazu hatte ich gerade nach der Matthäuspassion ein für mich wieder sehr lehrreiches Erlebnis. Es war wirklich unglaublich beeindruckend. Nach dem Konzert fuhr mich mein Sohn nach Hause und, da Fahrer bestimmt, lief N-Joy. Er hatte die ganze Zeit im Auto für seine Klausuren gelernt (und ihr wisst, wie lange die Matth-Passion + 45 min Pause ist) und brauchte die Musik zum Wachbleiben. Erst fühlte ich mich auch sehr gestört, aber dann wurde mir klar, wie dankbar ich ihm war, dass er mir dieses Konzert ermöglicht hatte und schon war der Geräuschpegel egal. Und heute vermischen sich bei mir die wunderbaren Erinnerungen an dieses Konzert mit dieser Dankbarkeit und machen es zu etwas ganz, ganz Besonderem. Geräusche werden nur dann als störend empfunden, wenn ich sie als störend empfinden WILL, sei es Kinderlärm, die Bahn hinter dem Haus oder eben auch Applaus. Es hat viel mit innerer Einstellung und Toleranz zu tun.

In meiner Heimatgemeinde (geistlich, nicht musikalisch)ist es übrigens üblich, am Ende eines besonders gestalteten Gottesdienst den Mitwirkenden für dieses besondere Erlebnis nicht nur verbal durch den Pfarrer, sondern auch durch Applaus von der Gemeinde zu danken. Das beschließt dann der Segen. Dadurch entsteht eine ganz besondere Atmosphäre. Aber dies nur nebenbei.

Viele Grüße
Barbara
5. Volker /admin sagt:
23.8.2007 bei 02:00

Hallo Barbara,

ich zitiere aus Deinem Kommentar:

“Denn spätestens an der Kirchentür holt mich der Krach und das pralle Leben wieder ein. Und das Verinnerlichen des Gehörten geschieht während des Konzertes. Und wenn mir der Dirigent dann noch einen kurzen oder längeren Moment des Innehaltens gewährt, umso besser.”
—————–

Diese Deine Aussage ist sehr treffend und entspricht in etwa meiner Gemütslage.

Ich habe nur das Problem, wenn in einem Konzert mehrere Kantaten (siehe Bachfest 2007 in Leipzig, oder danach Potsdam) zur Aufführung gelangen, bricht jedesmal nach einer Kantatenwiedergabe spontaner Beifall auf, was ich als sehr unangenehm empfinde, eine gewisse Stille danach, sich das Gehörte nochmals verinnerlichen zu können, vermisse ich zutiefst und stört mich.

Überrascht hat uns Gardiner in der St. Martini Kirche, Braunschweig, nach Wiedergabe der 2. Kantate mit den Worten: “So nun können sie klatschen!” Hier hätte ich es lieber gesehen, wenn für die großartige Wiedergabe aller Kantaten zum Schluss der wohlverdiente Applaus vollzogen wäre.

Die Engländer sind in ihrem Verhalten bei geistlichen Werken nun einmal ganz anders gepoolt, aber Gardiner kennt die deutsche Praxis und könnte darauf entsprechend Rücksicht nehmen.

Hier gebe ich meine subjektive Meinung wieder und weiß, daß jeder eine andere Einstellung und Meinung dazu hat.

Grüße

Volker
6. Barbara sagt:
23.8.2007 bei 08:00

Hallo Volker,
das hing doch sicher mit der Kurzpause zusammen, dass die Musiker nicht einfach so nach der Musik vom Podium gehen wollten.
Gruß Barbara
7. Volker /admin sagt:
24.8.2007 bei 20:00

Hallo Barbara,

da könntest Du Recht haben, dass hier die Pause als Grund für den Applaus hergehalten hat.

Schönes Wochenende und Grüße

Volker
8. Wolfgang Adam sagt:
27.10.2007 bei 12:00

Lieber Volker!

Zur Diskussion über Applaus möchte ich beitragen: Auch ich fühle mich oft genötigt und bedrängt, durch Klatschen unangemessen mit der Masse zu reagieren. Eigentlich möchte ja der dankbare Hörer etwas anderes ausdrücken. Darum muß das einer für alle tun. So kommt dem Hausherrn oder einem der Honoratioren, die die Künstler eingeladen haben, eine abschließende Rolle zu. Nach diesen dankenden Worten und dem damit gegebenen Abstand, kann man ja dann klatschen. Direkt nach dem Stück ist Klatschen einfach unangemessen, vereinnahmend und stillos! Durch spontanen Applaus wird in vielen Hörern so manches zerstört und eine Verinnerlichung der “Geistlichen Musik” ist nur noch bedingt möglich.

Meistens wollen ja die Hörer Zugaben erzwingen-, auch eine Unsitte.

Mein Resümee: Bei jedem Konzert ist der Veranstalter in der Pflicht, statt planloses Klatschen zuzulassen, den Dank durch seine Worte zu steuern.

Gruß

Wolfgang