Freitag, 8. Februar 2008

Archiv-Beitrag: Adventskantaten am 16.Dezember 2006 in der Paulskirche zu Frankfurt

18.1.2007 von Martin.

Beitrag von Martin | Verfasst am Jan 18, 9:55 AM

Adventskantaten am am 16.Dezember 2006 in der Paulskirche zu Frankfurt.

Programm:

BWV 70 Wachet, betet, wachet!
BWV 147 Herz und Mund und Tat und Leben
BWV 61 Nun komm der Heiden Heiland
BWV 140 Wachet auf ruft uns die Stimme

Aufführende:
Monteverdi Choir
Sopran
Miriam Allen
Donna Deam
Julia Doyle (auch Solistin)
Kirsty Hopkins
Cecilia Osmond
Belinda Yates

Alt (Countertenor)
Peter Crawford
William Missin
William Towers (auch Solist)
Richard Wyn Roberts

Tenor
Stephen Jeffes
Nicholas Mulroy (auch Solist)
Paul Tindall
William Unwin

Bass
Matthew G. Brook (auch Solist)
Julian Clarkson
Samuel Evans
Lawrence Wallington
The English Baroque Solists:

Erste Violinen:
Maya Homburger (Konzertmeisterin und auch Violine piccolo) Nicolette Moonen (auch Viola)
Anne Schumann
Sarah Bealby- Wright

Zweite Violinen:
Roy Mowatt
Sophie Barber
Jane Gillie
Hildburg Williams

Violas:
Lisa Cochrane
Tom Dunn
Rosemary Nalden

Celli:
David Watkin
Ruth Alford
Kontrabass:
Valerie Botwright

Oboe:
Michael Niesemann (auch Oboe d´amore)
Molly Marsh (auch Oboe da caccia)
Mark Baigent (auch Oboe da caccia)

Fagott: Jane Gower
Horn: Gavin Edwards

Trompete und romba da tirarsi (Zugtrompete): Neil Brough

Orgel: Silas Standage Cembalo: Howard Moody

Leitung: Sir John Eliot Gardiner

Die Akustik

Bereits beim Betreten des Innenraums der geschichtsträchtigen Paulskirche kamen Zweifel auf, ob die Akustik wohl einigermaßen akzeptabel sein würde.
Als dann kurz nach 20Uhr die Instrumente gestimmt wurden (wie immer bei den EBS kein großes Durcheinander, sondern dezente Einstimmung zu Orgel-Akkorden) war klar, dass der Abend nicht halten würde, was wir uns davon versprochen hatten: Das sonst so schön klingende Orgelpositiv dröhnte bei tiefen Tönen regelrecht und im Publikum ging ein erstes Raunen um. Es war auch absolut nicht die geringste Spur von Hall vorhanden. Sänger und Spieler hatten während des gesamten Konzerts allergrößte Mühe, die Töne in den Raum zu bringen. Es ist wohl nur ihres besonderen Könnens zu verdanken, dass das Konzert nicht ein totaler Reinfall wurde.
Die Kommentare von Künstlern und Dirigent zur Akustik des Raumes reichten nach dem Konzert denn auch von „tricky“ über „terrible“ bis „schei..“.

Die Ensembles

Wie gewohnt waren beide Ensembles in Topform und sichtbar hochmotiviert, aus der miserablen und für sie unwürdigen Situation das Allerbeste heraus zu holen, was zum Ergebnis führte, dass man den Abend mit geminderten Erwartungen an Klang und Atmosphäre letztlich als eingefleischter Gardiner- und MVCO- / EBS-Fan doch ein wenig genießen konnte.

Die Präzision und Detailverliebtheit dieser hervorragenden Musiker sind bestechend und immer wieder erfrischend. Michael Niesemann und Neil Brough wechselten mehrere Male ihre Sitz- bzw Stehplätze im Orchester. Im Eingangschor von BWV 70 gaben sie sich ein Echo von rechts außen nach links außen und umgekehrt. Bei BWV 140 stand Gavin Edwards mit seinem im Trichter bunt beklebten Horn neben den Countertenören außen beim Chor. Wie schon bei vorigen Konzerten zu beobachten war, scheint Gardiner ein Klangbild im Kopf zu haben, dass so präzise ist, dass er die Musiker während dem Konzert gerne quer durch den Raum schickt, um sie bei ihren Einsätzen genau da zu haben, wo sie einen Tick besser klingen, als woanders.
Zum Continuo fällt einem nichts ein, was verbesserungswürdig wäre.


Foto: Cembalo Baroque Soloists

Zwar teilen die meisten anderen Dirigenten leider nicht Gardiners Auffassung, das ein Cembalo benutzt werden sollte. Es passt aber abolut ins Klangbild der EBS und wird schön dezent gespielt (nicht wie bei Masaaki Suzuki, wo es oft das restliche Orchester übertönt). Statt der vielfach in anderen Ensembles benutzten Truhenorgeln mit meistens nur zwei Registern hat Silas Standage die Auswahl zwischen Principal 8´,Gedackt 8´, Oktave 4´, Rohrflöte 4´, Superoktave 2´, Sifflöte 1´ und Quinte 1 1/3´, was dem Basso Continuo und dem Orchester an sich mehr Möglichkeiten gibt, Akzente zu setzen. Die Orgel wurde von Robin Jennings extra für die Bach Cantata Pilgrimage hergestellt und war seitdem bei allen Konzerten (außer denen in New York) dabei.



Foto: Jennings-Orgelpositiv English Baroque Soloists

Die Solisten Julia Doyle sang absolut brilliant. Sie verfügt über eine schöne, kristallklare Stimme und ist mit Sicherheit die Beste der in den letzten Jahren von Gardiner ausprobierten Sopranistinnen (von K. Fuge und J. Lunn abgesehen). Ihr gesungenes Deutsch ist akzentfrei. Darüber hinaus ist sie auch nett anzuschauen:-)
William Towers gehörte ja schon vor der Bach Cantata Pilgrimage zum harten Kern der immer wieder gebuchten Monteverdi Choir- Sänger und war oft als Solist zu hören. Diesmal hat mich gewundert, dass er seine Stimme viel schwingen ließ. Das sei aber ohne jede Wertung geschrieben. Von den Countertenören, die im Barock- Fach unterwegs sind, ist er momentan einer der Besten. Auch sein Deutsch ist akzentfrei. Trotzdem würde ich gerne mal wieder Clare Wilkinson hören…und sehen:-)

Nicholas Mulroy hat eine sehr schön und voll klingende Stimme. Er sang präzise und mit leicht britischem Akzent.
Matthew Brook ist bereits zum mehrfachen Mal mit Gardiner auf Tour (u.a. vorher mit der Matthäuspassion) und ist ein allgemein vielgebuchter Solist. Nach meiner persönlichen Meinung kommt er bei weitem nicht an die Stimmen und den Ausdruck von z.B. Peter Harvey oder Dietrich Henschel heran und singt auch mit hörbarem britischem Akzent.

Sir John Eliot Gardiner

Es ist schlicht überirdisch und alle Grammys dieser Welt wert, was dieser Mann an Einfühlungsvermögen für Bach´s Musik besitzt. Das Dirigat ist typisch mit vielen liegenden Achten und energisch ausgetreckten Zeigefingern in Richtung der einsetzenden Stimmen oder Instrumentengruppen.
Mal ruhig mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen (BWV 61 / Rezitativ „Siehe, siehe“), mal von energischem Zittern durchfahren (BWV 70 / 10 „Seligster Erquickungstag“ ab Takt 26 „Schalle, knalle, letzter Schlag!“) zeigt er die Musik so an, wie sie nicht besser klingen kann. Dabei findet er von Aufführung zu Aufführung immer wieder andere Wege, die Musik neu erscheinen zu lassen. So lässt er das Rezitativ „Der Heiland ist gekommen“ in BWV 61 nicht, wie in der Partitur angegeben (und in der DG Aufnahme praktiziert) vom Tenor, sondern abwechselnd von Tenor und Bass vortragen.
Gardiner schien absolut entspannt und gut gelaunt. Man hatte das Gefühl, dass er sich bei Bach sehr zuhause fühlt. Nach der einjährigen Cantata Pilgrimage auch kein Wunder…

Beobachtungen am Rande

Nach der ersten Kantate BWV 70 stimmte das Orchester die Instrumente, war fertig zur nächsten Kantate, als sich plötzlich Gardiner zum Publikum umdrehte und sagte: „Kleine Programmänderung. Wir spielen jetzt Herz und Mund und Tat und Leben, danach kommt äh, äh, Nun komm der Heiden Heiland.“ Noch quasi in der Umdrehbewegung zu Chor und Orchester gibt er den Auftakt und es ging los.
Schön zu sehen, wie Organist Silas Standage bei den Chorälen lauthals mitzusingen schien.

Als bei BWV 140 / „Mein Freund ist mein“ hinter dem Chor eine Tür vermutlich vom Wind langsam immer weiter aufgemacht wurde, um kurz später mit lautem Knall zuzuschlagen, grinsten Dirigent und Aufführende breit. Das erinnerte mich an das Konzert während der Cantata Pilgrimage in Neviges, wo während dem zusätzlich musizierten Violinen-Doppelkonzert BWV 1043 die Kirchenglocke laut ertönte und hörbar nicht auf den selben Ton gestimmt war…

Nach dem Konzert hatte ich Gelegenheit, mit einigen der Chor- und Orchestermitglieder und auch mit Gardiner ein paar Worte zu tauschen. Wie schon oben erwähnt war man sehr unzufrieden mit der Akustik. Es wäre aber einen Versuch wert gewesen und man wird das Konzert unter „Erfahrung gesammelt“ abhaken. Weiterhin waren alle sehr überrascht über das ruhige und wenig applaudierende Publikum. Wie auch schon nach Aufführungen der Johannes- und Matthäuspassion in Frankfurt erlebt, ließen es sich etliche Banausen (auch in den ersten Reihen) nicht nehmen, direkt nach Einsetzen des Schlussapplauses aufzustehen und rauszugehen, um ja nicht im Abfahrt- Stau stehen zu müssen oder warum auch immer.

Gruß
Martin

1 Kommentar:

Volker hat gesagt…

1 Antwort auf “Adventskantaten am 16.Dezember 2006 in der Paulskirche zu Frankfurt”

1. Volker /admin sagt:
31.1.2007 bei 17:00

Hallo Martin,

ich habe gestern von meiner Homepage die 2 Bilder von dem Gardiner-Konzert in Frankfurt vom 16.12.2006 mit eingebunden und hoffe, dass Du einverstanden bist, sonst lösche ich sie wieder!

Die Programmstruktur im Beitrag habe ich mittig gestellt, dann ist die Struktur übersichtlicher.

Schöne Grüsse
Volker