Donnerstag, 7. Februar 2008

Archiv-Beitrag: Begriff: Bach’s “Totenglocken-Kantaten” wo auffindbar ?

17.10.2007 von Iris.Budde.

Hallo,

ich beschäftige mich schon sehr lange mit Bachs “Totenglockenkanaten.” Ich weiß nicht, wo ich diesen Ausdruck gelesen haben; könnte bei Rilling gewesen sein. Im Internet (Google und co auch Wikipedia) ist dieser Ausdruck nicht bekannt.

Für mich gehören dazu, jetzt mehr oder weniger nach Gefühl, weil ich`s eben nicht mehr finde, folgende Kantaten: Komm` du süße Todesstunde”, “Wer weiß, wie nahe mir mein Ende (mit der tollen Arie: Willkommen will ich sagen, wenn der Tod ans Bette tritt)”. Und dann noch eine - Namen weiß ich jetzt natürlich wieder nicht “nun schlage doch, schlage doch du letzte Stunde schlage doch”. Dies ist jetzt frei übersetzt. Kann jemand mir weiterhelfen………,

Oder ist der Ausdruck “Totenglockenkantaten” meiner Phanasie entsprungen?

Über helfende Kommentare würde ich mich freuen….

Gruß

Iris

1 Kommentar:

Volker hat gesagt…

8 Antworten auf “Begriff: Bach’s “Totenglockenkantaten” wo auffindbar ?”

1. Alexander Behrens sagt:
17.10.2007 bei 22:00

Hallo Volker,
habe diesen Begriff zumindest noch nie gehört.
Alex
2. Volker /admin sagt:
18.10.2007 bei 20:00

Hallo Iris,

das ist eine gewaltige Denksportaufgabe die nicht leicht zu beantworten ist.

Ich hatte Gardiners Reisetagebuch noch im Kopf, wo die Totenglocken eine Rolle gespielt hatten, diese Stelle fand ich heute wieder und zitiere daraus:

Kantaten für den 16. Sonntag nach Trinitatis
Santo Domingo de Bonaval, Santiago de Compostela
————————–

Die vier Kantaten für den 16. Sonntag nach Trinitatis gehen auf die Geschichte aus dem Evangelium von der Auferweckung des Jünglings zu Nain zurück.

Alle vier – BWV 161, 27, 8 und 95 – drücken

die lutherische Todessehnsucht aus, und alle bis auf eine enthalten das Läuten der ‚Leichenglocken’. Doch ungeachtet der gleichen Thematik weisen Satz, Form und Stimmung eine ungeheure Vielfalt auf, und zusammen bilden sie eine überzeugende und tief bewegende Tetralogie – eine Musik, die heilsam und erhebend ist.

———————————-

Gardiner ist es, der diese Begriff nutzt wie folgt:

Anfangschor von BWV 27 Wer weiß, wie nahe mir mein Ende….

Sein Zitat am Ende der Einleitung zur obigen Kantate BWV 27
lautet:

Sogar das obligate Cembalo und die Continuolinie der
munteren Altarie (Nr. 3) scheinen vom Geist der gemessenen Zeit inspiriert (hier im harten Anschlag der Cembalotasten zu hören), ein Merkmal, das in diesen
Totenglocken-Kantaten
häufig wiederkehrt.

Ich gebe Dir nochmals den Link zu dieser Aussage in seinem Reisetagebuch:

http://www.monteverdiproductions.co.uk/resources/sdg104_ger.pdf

Im BWV 8 Liebster Gott, wenn werd ich sterben?

Zitiert Gardiner wieder in der Beschreibung die “Totenglocken”
Die Totenglocken kehren (zumindest als Schlussfolgerung) in den lose aneinander gefügten Achtelnoten der
Tenorarie (Nr. 2) bei den Worten ‚wenn meine letzte Stunde schlä-ä-ää- ä-ä-gt’ und im Pizzicato der Continuobegleitung wieder.

Am Schluss des Reisetagebuches erwähnt er folgendes:

Nach dem Konzert gab es in der Hotelbar eine bewegte
Diskussion über die Bedeutung und Symbolik der ‚Leichenglocken’. Einige vertraten die Meinung, die hohen wiederholten Achtel auf der Flöte in BWV 161 (Nr. 4) und BWV 8 (Nr. 1) symbolisierten die hellen Totenglocken, die beim Begräbnis eines Kindes läuten.

Ich gehe davon aus, dass der Urheber des Begriffes: “Totenglockenkantaten” nur Sir John Eliot Gardiner sein kann, wer etwas anderes in Erfahrung bringen kann, sollte es uns wissen lassen…

Herzliche Grüße

Volker
3. Volker /admin sagt:
18.10.2007 bei 22:00

Hallo Iris,

Deine Anmerkung:
Für mich gehören dazu, jetzt mehr oder weniger nach Gefühl, weil ich`s eben nicht mehr finde, folgende Kantaten: Komm` du süße Todesstunde”, “Wer weiß, wie nahe mir mein Ende (mit der tollen Arie: Willkommen will ich sagen, wenn der Tod ans Bette tritt)”. Und dann noch eine - Namen weiß ich jetzt natürlich wieder nicht “nun schlage doch, schlage doch du letzte Stunde schlage doch”. Dies ist jetzt frei übersetzt. Kann jemand mir weiterhelfen………,
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“Komm du süße Todeststunde” ist das BWV 161

“Wer weiß, wie nahe mir mein Ende ist BWV 27 mit der Arie, (siehe SDG 104, CD 2) singt die Alt-Arie in Satz 3 (”Robin Tyson” als Altus) “Willkommen will ich sagen, wenn der Tod an Bette tritt”

Bei der letzten Anfrage kann es sich um das BWV 95, “Christus der ist mein Leben” im 5. Satz die Arie für Tenor(Mark Padmore) mit dem - “Ach schlage doch bald sel’ge Stunde den allerletzten Glockenschlag…” ?

Deine Angesprochenen Kantaten sind alle in der CD 2 SDG 104 enthalten!
Ich hoffe ich konnte Deine Fragen einigermaßen beantworten…

Herzliche Grüße

Volker
4. Iris Budde sagt:
19.10.2007 bei 00:00

Lieber Volker,

Du bist einfach spitze!!! Danke für die Erläuterungen und für die Links.

Wahrscheinlich habe ich den Ausdruck “Totenglockenkantaten” doch von Gardiner übernommen; weil ich eben Disc 2 aus Vol 8 von ihm fast jeden 2. oder 3. Abend höre. Bei diesen Kantaten verliert der Tod seine Schrecken und ich beginne, mich regelrecht darauf zu freuen. Makaber, aber es ist so!

Kennst Du Arie “Mir ekelt mehr zu leben, drum nimm mich Jesu hin” (BWZ 170 Vergnügte Ruh! Beliebte Seelenlust. Bei dieser Arie fang ich regelmäßig an zu lachen; so flott, spritzig, witzig und fröhlich zugleich hab` ich meinen guten alten Johann selten erlebt. Leider habe ich die Aufnahme nur in der Rillingschen Fassung, aber die Gardiner-Einspielung kommt sicherlich auch noch. Nun noch mal vielen Dank für Deine ganze Mühe. Wird` mir jetzt erst einmal das Reisetagebuch reinziehen.

Lieben Gruß!
Iris
5. Iris Budde sagt:
19.10.2007 bei 19:00

Lieber Volker,
hab` mir gestern abend sofort die 10 Seiten von Gardiners Reisetagebuch ausgedruckt,um sie abends genüßlich zu lesen. Frage: Gibt es eine Gesamtausgabe vom Reisetagebuch 2000? Über Deinen Link bin ich zwar sofort reingekommen, aber eben nur in die 10 Seiten. Vielleicht brauche ich ja auch nur eine andere Brille!
Lieben Gruss
Iris
6. Barbara sagt:
20.10.2007 bei 08:00

Hallo Iris,
Du hast genau 3 Möglichkeiten, die Reisebuchnotizen zu lesen:
1. im Booklet der jeweiligen CDs
2. im Cantatafinder http://www.cantatafinder.com/hks/06.php
Wenn Du hier die einzelnen CDs anklickst, hast Du alle Infos Reisebuchnotizen und übersetzter Künstlerbeitrag) zusammen.
3. an der Quelle überhaupt - auf der Monteverdi-Website
www.monteverdi.co.uk - Recordings - Bach Cantata Series
Ich drucke sie mir hier immer gleich nach Erscheinen aus, weil mir der Text im Booklet zu kleinfummelig ist.
Viele Grüße
Barbara
7. Wolfgang Adam sagt:
23.10.2007 bei 21:00

Lieber Volker, liebe Bach-Freunde!

Den Begriff ‘Totenglocken läuten’ habe ich wohl bei A.Dürr gelesen und ich habe in den hohen unermüdlichen 16.tel Noten immer das unerbittliche, aber doch liebliche Kommen der Todesstunde lautmalerisch gesehen. Bach malt ‘diese großartige Vision’ in den von Euch angesprochenen Kantaten, die gezupften Steicher in tiefer Lage und eben die hohen Blockflöten.Bach ist in den angesprochenen Kantaten auch ein drastischer Dramaturg, der das leise Wehen des Todes und den Ekel des Menschen, der hier nicht mehr leben kann auf die Bühne bringt.

Auch ich höre diese Stellen immer gerne.

Gruß

Wolfgang
8. Volker /admin sagt:
23.10.2007 bei 21:00

Lieber Wolfgang,

ich möchte an dieser Stelle erst einmal ganz herzlich Danke sagen für Dein Mitwirken im Blog. Hier geht es nett und zivilisiert zu. Wir können uns glücklich schätzen, einen profunden Bachkenner und Liebhaber unter uns zu wissen.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Software von WordPress für
die Erstellung von neuen eigenständigen Themen, eine Anleitung dazu erhälst Du von mir per Mail.

Viel Spaß, gespickt mit guten Anregungen wünsche ich Dir im Blog.

Herzliche Grüße und einen schönen Abend

Volker