Donnerstag, 7. Februar 2008

Archiv-Beitrag: Bericht über die Matthäus-Passion von J.S. Bach am 6. März 2005 im Kaiserdom in Königslutter.

6.2.2007 von Volker /admin.

Hallo,

hier möchte ich über meinen Besuch der Matthäus-Passion (J.S. Bach); von Gardiner am 6. März 2005 im Kaiserdom von Königslutter berichten.



Foto: Kaiserdom Königslutter (Foto Domgemeinde)

Als Problem erwies sich im Vorfeld die Meisterung der vorhanden schlechten Akustik in dem alterwürdigen Kaiserdom aus dem 11.Jahrhundert, viele Säulen, Nischen und Gänge, die ein ungetrübtes Klangbild behindern.


Foto: Gardiner am Vortag in der Probe in Königslutter (Foto: newsclick)

Gardiners Idee, in der Mitte des Hauptganges eine Bühne mit Resonanzboden aufstellen zu lassen, sodass die Akustik besser zu beherrschen war, erwies sich als einigermaßen gelungen. Die Besucher um die Bühne gruppiert, gab einen intimen Rahmen und der Kontakt zu den Aufführenden wurde dadurch enorm verbessert.

Die Aufführung der Matthäus-Passion erfolgte in der Fassung von 1736, in der Bach größere Eingriffe in der Substanz und Instrumentierung vorgenommen hatte.
Der erste Teil, den Cantus Firmus im Eingangssatz von den “Trinity Boys Choir” dargeboten, erwies sich als schöne Einstimmung auf das nun folgende - wohl gewaltigste christliche Meisterwerk - des Universums.

Hier hätte ich dem 1. Chor mehr an Klangvolumen gewünscht, was sicherlich auch an der problematischen Akustik gelegen haben mag. Die Gesangssolisten hatten ebenfalls große Mühe, verständlich den Text und mit ihrem Stimmvolumen den Raum zu füllen.

Die Instrumentierung der English Baroque Soloists war grandios, die unterschiedlichsten Nuancen wunderschön gespielt und umgesetzt, kein Piepser auf den alten Instrumenten, eine wahre berauschende Klangfülle, welches von diesem Orchester ausgeht.


Wie schön getragen und interpretiert die Choräle, ohne Hetze, wie schon so oft bei iGardiner kritisiert, wurden sie gesungen, eine absolute Meisterleistung von Könnern an Gesangskräften, die dieses hervorragend umsetzten. Hier erwies sich ein in Jahren gereifter Leiter und Dirigent J.E. Gardiner als eine wunderbare Offenbahrung.

Als eine Idealbesetzung erwies sich für den Part des Evangelisten der Tenor mit Mark Padmore besetzt, sein Stimmvolumen brachte keine akustischen Probleme, verständlich in der Textaussage war er eine vorzügliche Bereicherung für das gesamte Ensemble.


Foto: Tenor (Evangelist) Mark Padmore

Etwas dagegen abfallend, der Bassbariton Dietrich Henschel (Jesus,) der vom Gesangsvolumen in den tieferen Lagen überfordert erschien.


Foto: Bass-Bariton (Jesus) Dietrich Henschel

Nach einer dreiviertel Stunde Pause geriet der 2. Teil zum absoluten Höhepunkt des Konzertes.

Die Solopartien der Gesangssolisten, bestückt mit hervorragend geschulten Nachwuchs-Gesangskräften der vier Chöre, hier einmal herausgestellt der Counter-Tenor Mark Chambers, der die Altpartien Nr. 51 „Erbarm es Gott! Hier steht der Heiland angebunden“ und Nr. 52 „Können Tränen meiner Wangen Nichts erlangen“ in einer so beeindruckenden Weise gesanglich vortrug, die mich erschauern ließ, so manche Träne wurde von mir und im Publikum verstohlen weggewischt.

Wie überhaupt die Arien, Rezitative des zweiten Teils inniger, unter die Haut gehend, nicht musiziert werden können, ob gesanglich oder instrumental von allen Beteiligten dargeboten, war es für mich die bisher ergreifende und ungewöhnlichste Matthäus-Passion, die ich Live erleben durfte trotz mancher Abstriche, infolge der ungewöhnlichen Akustik.

Besonders beeindruckend, wie innerlich bewegend die gesamten Solisten, ob Chor oder Orchester sowie J.E. Gardiner, bei den Gesangspartien des Evangelisten, die Augen geschlossen und die Hände gefaltet, den Worten und der Musik lauschend zuhörten.
Das Publikum wurde dermaßen von diesen Passagen des Werkes eingenommen, dass selbst das Husten unterblieb. Nach dem Schluss-Ton geriet man in einen Trancezustand, absolute Stille umgab die Aufführungsstätte, Gardiner verharrte in sich gekehrt und entschwand kurze Zeit später von der Bühne um nicht wieder zurückzukehren.

Ein riesiges Dankeschön für diese unvergleichliche Passionsmusik, die ein Bachkenner von Gottesgnaden in der Person von J.E. Gardiner mit seinen Gesangssolisten, Chören und seinem betörenden Barockorchester den Besuchern zu vermitteln vermag. Dermaßen ergriffen und aufgewühlt endete eine Bach’sche Aufführung, die mir ewig im Gedächtnis haften bleiben wird.

Herzliche Grüsse

Volker

1 Kommentar:

Volker hat gesagt…

11 Antworten auf “Bericht über die Matthäus-Passion von J.S. Bach am 6. März 2005 im Kaiserdom,Königslutter.”

1. Alexmusician sagt:
7.2.2007 bei 08:00

Hllo Volker,

mit sehr großer Freude lese ich gerade deine Rezension zur Matthäuspassion in Königslutter. Je mehr ich in deinen Text vordringe, umso mehr bedauere ich, damals nicht dabeigewesen zu sein. Jedoch freue ich mich umso mehr für dich, wenn es ein so großes Konzerterlebnis war!

Vielen Dank für den Bericht und herzliche Grüße,
Alex
2. Ritus sagt:
7.2.2007 bei 14:00

Hallo Volker,

fantastisch verfasst dein ausführlicher Bericht die Matthäuspassion in Königslutter.

Auch ich finde, dass Gardiner längst nicht mehr so durch die schönen Bach-Choräle hetzt wie in seiner grauen Vorzeit.

Er schildert ja auch eindrücklich auf seiner DVD, dass das Bachjahr 2000 und die Pilgrimge-Tour aus ihm einen anderen Menschen gemacht hat. Durch den Kenntnisstand sämtlicher Kantaten bekam er dadurch sicherlich einen tieferen Verständnisstand Bach’scher Musik.

Grüsse
Ritus
3. Barbara sagt:
7.2.2007 bei 15:00

Hallo Volker,
da hast Du jetzt Erinnerungen geweckt. In diesem Konzert habe ich das erste Mal Gardiner & Co. live erleben dürfen und war natürlich völlig überwältigt. Ich war sehr überrascht bei der ungewöhnlichen Sitzordnung ob der doch erstaunlich guten Ausgewogenheit des Klanges. Auch über die Textverständlichkeit kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Vielleicht habe ich einfach günstiger gesessen wie Du (rechts von Chor 2). Nur die explosiven Volkschöre, vor allem “Blitze und Donner” waren ziemlich schwammig. Das ließ sich sicher nicht vermeiden. Mein Platz hatte den Vorteil, dass ich den Dirigenten voll im Blick hatte. Das war sehr spannend. Die Matthäus-Passion ist auch etwas ganz besonderes. Im Auto flossen dann die Tränen und mein Sohn, der Fahrdienst für mich gemacht hat und in Königslutter die Zeit zum Lernen für die Schule genutzt hatte, hat sich nur noch gewundert.
Viele Grüße
Barbara
4. meinhardo sagt:
7.2.2007 bei 17:00

Hallo,

der Konzerteindruck von Volker über die Matthäuspassion in Königslutter gibt genau das wieder, was ich auch in den anderen Kommentaren Eurer Konzertbesuche vorgefunden habe, toll.

Spannt mich auf die Folter und genießt mir das Mitlesen weiterer Konzertkommentare.

Gruß
meinhardo
5. Volker /admin sagt:
7.2.2007 bei 19:00

Hallo an alle!

Danke für eure Beiträge und Kommentare, es war wirklich eine fantastische Aufführung bei weit über 1000 Besuchern das mitzuerleben war schon grandios.

@Barbara, für dich war es das erste Gardiner-Konzert, dann hattest Du den richtigen Einstieg ihn in diesem fantastischen Passionswerk erleben zu können. Wenn dein Sitzplatz rechts vom Mittelschiff ausgehend war, dann hattest Du ein ungetrübtes Blickfeld auf Gardiner und eine bessere Akustik.

Ich saß in der zweiten Reihe links im Mittelschiff und hatte das Orchester mit dem Rücken zu mir gewandt, hierdurch spielte sich alles mehr in eure Richtung ab und hattet dadurch das bessere Klangerlebnis.

Die Sicht auf Gardiner war nur nicht ganz so toll, ich sah ihn nur als Seitenansicht aber es reichte aus, um alles von ihm mitzubekommen.

Den überfallartigen Einsatz von “Sind Blitze, sind Donner” hätte kraftvoller beginnen können, aber wo gibt es schon 100prozentige Aufführungen, das sind dann Übermenschen die es auf unserem Planten wohl nicht geben wird!?

Warst Du denn danach im Dezember 2005 zu seinem Weihnachtskonzert auch im Braunschweiger Dom, diese Aufführungsstätte gefällt mir besser als die St. Martinikirche, hier ist die Akustik und die Grösse der Kirche vorzüglich.

Grüsse an alle

Volker
6. Barbara sagt:
7.2.2007 bei 21:00

Hallo Volker,
nein, die Weihnachtskantaten habe ich nicht hören können. War vor Weihnachten alles zu viel, ich muss meine Kräfte schon sehr einteilen. Zumal ich ursprünglich noch WO mit unserer Kantorei auf dem Plan hatte und dann leider doch nicht mitsingen konnte.
Mein Platz bei der Matthäuspassion nannte sich Mittelschiff in der 7. Reihe und war seitlich von Chor 2. Ich habe auf Orgel und Chembalo geguckt. Mich hat wirklich erstaunt, wie sich Chor 1 und Chor 2 gemischt haben im Klang. Dass die schnellen Chöre das nicht ausgehalten haben, war auch nicht so schlimm. Live-Aufführungen leben für mich durch das Nicht-Perfekte, sonst könnte ich mir ja auch eine CD reinwerfen. Dafür waren andere Stellen, vor allem auch die Choräle (was fand ich die vor 10 Jahren langweilig) einfach überirdisch schön. Auf die Johannespassion in einem Jahr freue ich mich jetzt schon.
Schönen Abend
Barbara
7. Volker /admin sagt:
7.2.2007 bei 21:00

Hallo Barbara,

danke für deine Rückantwort. Steht denn der Termin für die Johannespassion für 2008 schon fest oder handelt es sich erst um eine Absichtserklärung, es durchzuführen.

Herzliche Grüsse

Volker
8. Barbara sagt:
8.2.2007 bei 17:00

Hallo Volker,
Irgendwo hatte ich hier was von Karfreitag 2008 gelesen ! ??? Ich nehme das einfach mal als Option.
Viele Grüße Barbara
9. Volker /admin sagt:
8.2.2007 bei 18:00

Hallo Barbara,

danke für die Rückantwort. Der Karfreitag macht auch irgenwie Sinn, gehen wir davon aus, dass es dieser Termin sein wird, noch ist ja Zeit und wollen erst einmal seine Auftritte in 2007 genießen.

Schönen Abend und Grüsse

Volker.
10. Volker /admin sagt:
8.2.2007 bei 18:00

Hallo Barbara,

den Termin für Karfreitag habe ich gefunden unter “newsclik” diesen Link habe ich auf der Blogseite mit hinterlegt da gibt es viel informatives von Gardiner wenn man das als Stichwort eingibt!

http://www.newsclick.de/index.jsp/menuid/2164/artid/6123011

Die Suche ergab folgenden Hinweis:

“2008 soll der Stardirigent Sir John Eliot Gardiner nach Wolfenbüttel kommen. Er soll am Karfreitag die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach spielen.”

Nicht Königslutter sonder Wolfenbüttel ist einmal vorgesehen, wäre schön wenn es die Trinitatis-Kirche wäre, sie ist wunderschön!!

Grüsse

Volker.