Freitag, 8. Februar 2008

Archiv-Beitrag: LUDWIGSBURGER SCHLOSSFESTSPIELE am 29.8.2004 / Messe h-Moll von Johann Sebastian Bach

22.1.2007 von Volker /admin.

29.8.2004 Ludwigsburg, Gardiner mit der Messe h-Moll, von J.S. Bach

Nach Martins inhaltsreichen Bericht vom Gardiner-Konzert aus Ludwigsburg habe ich meine alte Rezension gefunden und stelle sie hier im Blog vollständigkeitshalber ebenfalls rein.


Foto: Gardiner im Forum Ludwigsburg am 29.8.2004

Rezension:

Mit meiner Frau saß ich in der ersten Reihe, Mitte, was meinem Gesamtvergnügen ein wenig abträglich war, da nach einer gewissen Zeit eine Genickstarre eintrat durch das ständige Hochsehen auf die Bühne, man sah immer auf die Schuhe des großen Meisters und musste den Kopf immer weiter nach oben anheben, um das ganze Geschehen auf der Bühne richtig mitzubekommen, die Sicht entsprach einem Kellerblick, leider.

Ich hatte nicht meine Partitur dabei, sonst hätte ich genau sagen können, was Gardiner aus der H-Moll-Messe ausgelassen hat, denn die Veranstaltung war nach ca. 80 Minuten beendet, wo das Werk üblicherweise eine Dauer von ca. 130 Minuten besitzt !?!. Hier kann Martin wahrscheinlich nähere Angaben zu geben!

Aber der Monteverdi Choir und The English Baroque Soloists unter Sir John Eliot Gardiner musizierten im Forum am 29.8.2004 im Schlosspark in Ludwigsburg aufs Feinste, wer das Glück hatte, sich am Sonntagabend im Theatersaal im Forum am Schlosspark eingefunden zu haben, dürfte einer Aufführung beiwohnen die das Prädikat „Extraklasse“ verdient hat.

Die hohe Messe in h-Moll gehört zu den bedeutendsten Werken der Musikgeschichte überhaupt. Bach arbeitete die letzten anderthalb Jahrzehnte seines Lebens, von 1733 bis 1749, an dem Werk. Das etwa 130-minütige Werk umfasst auch die besten Chöre und Arien aus Bachs früheren Kantaten.
Ursprünglich schrieb Bach 1733 eine Messe, die nur das Kyrie und das Gloria des lateinischen Messetextes umfasste. Die Komposition reichte Bach beim katholischen Dresdner Hof ein, mit der Bitte um Verleihung des Titels “Hof-Compositeur”, der ihm 1736 gewährt wurde. Er vervollständigte die Messe dann mit dem bereits 1724 entstandenem Sanctus und fügte Agnus Dei und Credo später hinzu. Eine Gesamtaufführung des Werkes erlebte Bach nicht mehr - erst 1834 - Bach ist bereits seit 84 Jahren tot - wird die Messe in Berlin aufgeführt.

Kaum jemand wäre besser für die musikalische Präsentation der h-Moll Messe geeignet, als Sir Eliot Gardiner und seine englischen Musiker. Der “Monteverdi Choir” und die “English Baroque Soloists” sind seit ihren Gründungen für bahnbrechende Aufführungen Alter Musik bekannt und international geschätzt.

Durch und durch klar und deutlich fährt Gardiner mit den beiden von ihm gegründeten Ensembles die Linien des Werks nach. Verzweigungen, Verästelungen und parallele Stränge verdichten sich zu einem filigranen Gefüge.

Die English Baroque Soloists, die aus dem von Gardiner 1968 gegründeten Monteverdi Orchestra hervorgegangen ist, spielen auf historischen Instrumenten. Seinem Bestreben folgend erzeugen die Instrumentalisten zusammen mit dem auffallend kleinen Chor einen weich fließenden Klangkörper, ohne Ecken und Kanten. Extreme Dynamik oder gar Brüche werden nicht zugelassen. Selbst die Übergänge zwischen den einzelnen Nummern sind so kurz gehalten, dass sie fast ineinander fließen.

Die einzelnen Stimmen des zwanzigköpfigen Chors, aus dem auch die Solisten nach und nach für die Soloparts hervortreten, sind einheitlich in ihrer Färbung, präzise und schlank in der Stimmführung.
Doch wird der manchmal allzu stetige Fluss unterbrochen von den allesamt hervorragenden Solisten sowohl auf Seiten der Instrumentalisten als auch der Sänger. Während die Traversflöte (Rachel Beckett) und die Oboi d”amore (Michael Niesemann, Molly Marsh) der menschlichen Stimme schmeicheln ohne mit ihr zu konkurrieren, liefert sich die Erste Violine (Alison Bury) einen wahren Verzierungswettstreit mit Sopranistin Angharad Gruffydd Jones. Fein ausgewogen auch das Naturhorn (Susan Dent) mit Michael Bundy (Bass).


Gardiner dirigiert ohne Dirigierstock und führt seine bestens aufeinander eingespielten Musiker mit zurückgenommener Gestik. Trotzdem wird der Ton klar und konturierter, ohne dabei jenen überirdischen Atem zu verlieren, den Gardiner der Musik einzuhauchen vermag.
Ein phänomenaler Bach-Interpret der Neuzeit mit einer fantastischen Sängerschar und seinem vortrefflichen Barockorchester überzeugte wiederum mit einer Gala-Interpretation bachscher Musik.
Das Publikum dankte allen Beteiligten für eine überzeugende Darbietung mit einem lang anhaltenden Applaus.

Volker

1 Kommentar:

Volker hat gesagt…

6 Antworten auf “LUDWIGSBURGER SCHLOSSFESTSPIELE am 29.8.2004 / Messe h-Moll von Johann Sebastian Bach”

1. Volker /admin sagt:
18.1.2007 bei 11:00

Hallo Martin,
Dein Zitat vom Konzertbericht Ludwigsburg:
Wir verabredeten uns mit der Tourmanagerin für den Nachmittag und sie nahm uns am Künstlereingang in Empfang und ging mit uns in den Saal………,

Das ist für mich Neuland, dass man sich zu einer Probe einladen lassen kann. Wie bist Du an die Tourenmanagerin gekommen? Ist ja interessant, so etwas einmal auch anzuwenden.

Irgendwo habe ich einmal einen persönlichen Bericht über das Konzert in Ludwigsburg verfasst und veröffentlicht.
Werde einmal auf die Suche gehen, und dann ebenfalls hier veröffentlichen.

Der Übersichthalber sollten wir die Beiträge ein wenig sortieren nach den Örtlichkeiten, z.Zt. läuft alles unter Weihnachtskantaten Braunschweig Dom was mir nicht so gut gefällt, eine neue Seite als H-Moll-Messe Ludwigsburg wäre
schon angebracht. Überleg es Dir dann kannst Du das Konzerterlebnis nachträglich dahin transverieren.

Für mich war es das erste öffentliche Gardiner-Konzert und wurde durch seine imposante Darbietung noch ein größerer Bewunderer.
Ich komme noch weiter darauf zu sprechen, da ich eine Neuanmeldung vorliegen habe.

Nochmals für Deinen großartigen Bericht danke und bis morgen,

Grüße

Volker /admin
2. Martin sagt:
19.1.2007 bei 11:00

Hallo Volker und Ritus

Vielen Dank für die netten Worte. Ich hoffe, ich komme gleich endgültig mit dem Blog klar und bin in der Lage, die Möglichkeiten zu nutzen…

Zum Probenbesuch:
Es ist eine lange Geschichte, die sich nicht unbedingt zum veröffentlichen eignet.. Ich erzähle sie, wenn wir uns in Leipzig treffen;-)
Die beste Möglichkeit ist aber, sich im “Friends of Monteverdi Scheme” anzumelden. Die Infos gibt´s auf der Homepage. Habe mich jetzt nach dem Adventskonzert angemeldet. Man bezahlt einen bestimmten Betrag im Jahr und bekommt dafür einen regelmäßigen Newsletter (ich hoffe, es ist nicht der Gleiche, für den man sich auch so anmelden kann…), bevorzugte Ticketbuchung bei Konzerten, die von Monteverdi selbst promoted werden (eigentlich nur in GB), sowie die Möglichkeit ausgewählte Proben zu besuchen und die Aufführenden kennen zu lernen. Ist nicht ganz billig, meiner Meinung nach lohnt es sich aber.

Versuche, während des Wochenendes noch die Bericht über Johannespassion 2003 in Frankfurt, Matthäuspassion 2005 in Königslutter / Frankfurt und die HMoll-Messe in LB zu posten.

Schöne Grüße,
Martin
3. Volker /admin sagt:
22.1.2007 bei 02:00

Der Vollständigkeit halber stelle ich den Bericht von Martin
hier mit rein!! (Volker /admin, am 22.01.2007)
———————————————-

Martin sagt:
18.1.2007 bei 13:20
Am 29. August 2004 fand im Forum am Schlosspark Ludwigsburg eine Aufführung der H-Moll Messe von J.S. Bach statt. Dieses Konzert (was auch von Volker besucht wurde, wie ich heute erfahren habe) war für mich ein besonderes, da meine Freundin und ich bei der Probe dabei sein durften. Wir verabredeten uns mit der Tourmanagerin für den Nachmittag und sie nahm uns am Künstlereingang in Empfang und ging mit uns in den Saal, in dem noch die Tücher auf den Stuhlreihen lagen. Kurz später trödelte nach und nach das ganze Orchester und der Chor ein, aus dem Nebenräumen hörte man noch die Trompeter bei den ersten “Pusteübungen”. Punkt 16Uhr betrat Gardiner gemeinsam mit Wolfgang Gönnewein, dem damaligen Festspielleiter die Bühne. Er stellte Gönnewein kurz seinen Musikern vor und erzählte, dass es Gönneweins letzte aktive Saison als Festspielleiter wäre, worauf alle ein gut gelauntes “oooooooooh” und einen kleinen Applaus von sich ließen. Dann begann die Probe und die einzelnen Stücke wurden in umgekehrter Reihenfolge angespielt, mal kurz, mal länger. Es begann mit dem Osanna, bei dem auch mehrfach kurz eingeübt wurde, wie sich der Chor dafür teilt. Es schien die ganze Zeit eine überaus gute Stimmung in Chor und Orchester und auch bei Gardiner selbst zu sein und es wurde viel gescherzt und gelacht.

Ein Highlight war natürlich das Cum Sancto Spirito, dessen Einsatz zu meiner Freude gleich mehrfach probiert wurde. Die Hornistin Susan Dent war etwas zu spät zur Probe gekommen und das schien “die Rache des Maestros” zu sein;-)

Beim Gloria in excelsis Deo drehte sich Gardiner plötzlich um und ging von der Bühne und in alle mögliche Ecken und Reihen und den Sound zu begutachten, während die Musiker weitermachten. Als Gardiner dann wieder zurückkam, ging es an´s nächste Stück.

Das Konzert selbst war sehr schwungvoll und unterschied sich im positiven Sinne stark von der DG-Aufnahme aus den 80er Jahren, die ich vorher x-mal zur Einstimmung gehört habe. Was mir beim 2. Osanna aufgefallen ist: Gardiner ließ das da capo weg. Aus meinen Noten ging das nicht hervor. Hat hier jemand eine Erklärung? Besonders beeindruckend war die Altistin Clare Wilkinson, deren bezaubernde Stimme ich mir auf mehr Bach-CDs wünsche!
4. Volker /admin sagt:
22.1.2007 bei 02:00

Hallo Martin,
Dein Zitat: Besonders beeindruckend war die Altistin Clare Wilkinson, deren bezaubernde Stimme ich mir auf mehr Bach-CDs wünsche!
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Genauso überzeugend war sie in der Matthäus-Passion in Königslutter, hier hat sie mich voll überzeugen können. Was für ein Juwel an Stimmvolumen, sie tritt auch mit anderen Größen neuerdings in Bachwerken auf, hat sich wohl rumgesprochen, was für eine exelente Künstlerin sie ist.
5. Martin sagt:
22.1.2007 bei 16:00

Aha, dann warst Du der, der mir die ganze Zeit die Sicht versperrt hat?;-)

Meine Freundin und ich saßen in Reihe 12 und tollen Blick, aber leider permanent hustende Sitznachbarn. Mein direkter Nachbar war wohl Hobbydirigent und schwang die ganze Zeit mal weniger mal mehr heftig den Arm und schlug eifrig (und laut) die Seiten seiner Partitur um. Hat sich leider einige Male vertan und gab den Einsatz zum Cum Sancto Spirito schon einige Takte zu früh, was meine komplette Reihe etwas schmunzeln ließ. Danach war erstmal Ruhe…

Hab während des Applauses auch ein Foto von der Bühne gemacht (hatte noch keine Digicam). Muss mal überlegen, wer aus meiner Bekanntschaft einen Scanner hat, dann stelle ich das auch noch ein. Sieht aber ähnlich aus, wie das, was Du schon reingestellt hast.

Zwar hatte ich meine Noten dabei, kann mir aber auch nicht erklären, wieso das derart kurz geraten ist. Die meiste Zeit habe ich auch mehr auf die Bühne geguckt, als in die Noten. Aufgefallen ist mir nur das bereits erwähnte da capo beim zweiten Osanna.

Nach Worten der Tourmanagerin sollen sich aber wohl die Trompeter geäußert haben, dass Gardiner das Tempo deutlich angezogen habe. Vielleicht wollte er einfach früher fertig sein und noch essen gehen?
Im Ernst: Mir ist sonst keine Änderung aufgefallen. Habe mir damals auch einige Zeitungskritiken schicken lassen. Da stand auch nichts ungewöhnliches drin.

Zu Clare Wilkinson:
Das Wort “Juwel” trifft es wohl am Besten. Was sie bei der Matthäuspassion geleistet hat, ist beachtlich.
Im letzten Jahr habe ich sie gemeinsam mit dem Gürzenich Orchester und Chor mit der Johannes Passion in der Kölner Philharmonie erlebt. Da war sie leider erkältet und hatte nicht so ein Volumen. Dafür sah sie einfach bezaubernd aus. Hatte ein rosafarbenes rückenfreies Abendkleid an und guckte unglaublich leidend und hingebungsvoll ins Publikum, wenn sie sang. Als nachher alle den Applaus bekamen, erntete sie am meisten. Nach ihr Jeremy Budd (auch oft im Monteverdi Choir), der die Tenor-Arien sehr schön, aber mit Sprachproblemen sang.

Am 07.04.07 ist sie wieder in Köln:

Ditte Andersen Sopran
Kristina Hansson Sopran
Judith van Wanroij Sopran
Clare Wilkinson Alt
Damien Guillon Altus
Kobie van Rensburg Tenor (Evangelist)
Emiliano Gonzales-Toro Tenor (Judas)
Anders Dahlin Tenor (Petrus)
Matthew Brook Bariton (Johannes)
André Morsch Bariton (Jesus)

Les Talens Lyriques
Christophe Rousset Dirigent

Reinhard Keiser

Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Heiland Jesus
‘Brockes Passion’

Kennt das Werk jemand? Mir sagt das gar nichts.
Werde auf jeden Fall hin, sind ja einige tolle Stimmen dabei. Kobie van Rensburg hat während der BCP in Mühlhausen gesungen und Matthew Brook kennen wir ja auch irgendwoher…

Schöne Grüße,
Martin
6. volker /Admin sagt:
23.1.2007 bei 00:00

Hallo Martin,
Zitat: Reinhard Keiser
Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Heiland Jesus
‘Brockes Passion’
Kennt das Werk jemand? Mir sagt das gar nichts.
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Auch mir war das Werk nicht bekannt und musste erst einmal Lexikas bewegen.

Reinhard Keiser (1674-1739)geb. in Teuchern (Sachsen-Anhalt) gest. in Hamburg erhielt seine musikalische Ausbildung als Thomaner in Leipzig.
Reinhard Keiser gilt als einer der bedeutendsten deutschen Opernkomponisten des Barock. Während seines Wirkens wurde die Hansestadt Hamburg zum Zentrum der frühen deutschen Opernkultur und Anziehungspunkt für zahlreiche Besucher

Als Oratorien ist musikgeschichtlich vor allem das Passionsoratorium „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Heiland“ (1712) auf einen Text von Barthold Heinrich Brockes (1680-1747)- berühmter Hamburger Schriftsteller - von Bedeutung.

Die sogenannte „Brockes-Passion“ wurde in der Folgezeit von zahlreichen bedeutenden Komponisten vertont (z.B. Georg Friedrich Händel 1716, Johann Mattheson 1718, Georg Philipp Telemann 1722) und verhalf damit dem Oratorium entgültig auch in Deutschland zum Durchbruch.

Bach hatte sich intensiv mit der Hamburger Oratorientradition beschäftigt, was zahlreiche von ihm geleitete Aufführungen von Passionen Reinhard Keisers belegen. Musikalisch wie textlich finden sich in seinen Passionen Anleihen bei Keiser und Telemann, werden von ihm jedoch textlich mit eigenem Ausdruck gefüllt.