Freitag, 8. Februar 2008

Archiv-Beitrag: Matthäuspassion in Frankfurt März 2005

11.3.2007 von Martin.

Hallo zusammen,

nachdem ich in letzter Zeit sehr ruhig gewesen bin, hier mein Bericht von der Matthäuspassion 2005:

Die Matthäuspassionstour im Frühjahr 2005 beinhaltete folgende Konzerte:
Stiftskirche (Kaiserdom), Königslutter
Alte Oper, Frankfurt,
Cadogan Hall, London
Madrid, Spanien und
Valencia, Spanien.

Aufgeführt wurde die Matthäuspassion in der Version von 1736.

Ich habe die Konzerte in Königslutter und Frankfurt besucht.



Foto: Alte Oper Frankfurt (Foto: Alte Oper)

Die Entscheidung, nach Königslutter zu fahren, fiel erst am selben Tag, weil wir zufällig in der Gegend waren und spontan noch diesen Extra- Trip unternahmen. Die Tickets für Frankfurt waren dagegen schon seit Monaten gebucht.

Die Sitzplätze in Königslutter waren dann auch im Seitenschiff, von dem aus man so gut wie nichts sehen konnte. Einige meiner Sitznachbarn sind dann aufgestanden und zur nächsten Säule gegangen. Nach dem Eingangschor habe ich das auch gemacht und hatte einen ganz guten Seitenblick auf die Bühne.

Begeisternd fand ich die feierliche Atmosphäre vor dem Konzert. Die ganze Gegend schien auf den Beinen zu sein und man hatte im Gegensatz zum hektischen und reizüberfluteten Frankfurt wirklich das Gefühl, dass sich alle 1200 Menschen im Dom bewusst sind, was das Großes ansteht. In Königslutter waren sogar Banner über den Strassen aufgehängt, die auf das Ereignis hindeuteten.
Die Bühne stand in der Mitte der Kirche und quer zum Kirchenschiff, was die Akustik nicht gerade besser werden ließ. Dennoch war sie beeindruckend.

Die Idee mit der Bühne stammte wohl von Gardiner selbst, weil er mehr Menschen ermöglichen wollte, nah an der Bühne zu sitzen. Allerdings gab es in der Pause auch etliche, die sich beschwerten, dass sie teilweise 80Euro bezahlt hatten und nun eine Säule direkt vor der Nase hatten.

Da war ich mit meinem 14 Euro Ticket und Seh- Stehplatz besser dran…

Die Aufführung selbst war wirklich etwas besonderes und sehr stimmungsintensiv.

Bereits beim Eingangschor merkte man, dass Gardiner nicht mehr so durch die Partitur rast, wie auf der Aufnahme von Deutsche Grammophon. Vielmehr legte er deutlich Wert auf gefühlvollen Ausdruck beider Ensembles.

Die beiden Chöre waren durch die bereits von der BCP bekannten schönen Jennings- Orgel (hervorragend von Silas Standage gespielt) getrennt. Sie gehörte auch zum Basso Continuo von Orchester I, welches von Maya Homburger geführt wurde. Leaderin im Orchester II war Kati Debretzeni. Im Orchester II wurde die Continuo- Orgel (und gleichzeitig das Cembalo!) von Howard Moody betastet.

Beide Orchester hatten zusammen 34 Spieler.

Es ist schwer, jemanden als besonderes Glanzlicht herausszustellen. Es waren einfach so viele Highlights.
Angefangen bei dem fantastisch auftretenden Mark Padmore, der für die Rolle des Evangelisten einfach der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.
Wie zwei Jahre zuvor bei der Johannespassion (die ich auch in der Alten Oper erleben durfte), nahm er sich Zeit und sang seine Partien klangschön und ausdrucksstark.
Andere Highlights waren Elin Manahan Thomas mit ihrem kristallklaren Sopran und Clare Wilkinson, deren Stimme und leidenschaftlicher Ausdruck einfach nicht mehr aus dem Kopf geht.
Zu Katharine Fuge braucht man wohl nicht mehr viel zu sagen. Sie hat in den Einspielungen der BCP bewiesen, dass sie das richtige Gespür für Bach hat und hervorragend in die Aufführungen Gardiners passt.
Dietrich Henschel schien sich seine Rolle als Christus auch enorm verinnerlicht zu haben. Es war bewegend, wie er die Traurigkeit Christus´ vor dem nahenden Tod in Worte und Töne verpackt hat. Im Publikum saßen Etliche, die sich Tränen aus den Augen wischen mussten. Und auch Gardiner schien an einigen Stellen sehr ergriffen zu sein und schüttelte kaum merklich den Kopf, wie auch einige Orchestermitglieder.

Neben den “Alten Hasen” im Monteverdi Choir wie Suzanne Flowers, Donna Deam und Julian Clarkson hatte Gardiner für die Tour auch etliche junge Sänger mitgenommen von denen ich zum ersten Mal hörte.
Teils traten sie auch als Solisten auf. Ich habe gehört, dass Gardiner von Aufführung zu Aufführung entschieden hat, wer welchen Part singt. So wurden die zwei Arien, die in Königslutter von Andrew Staples gesungen wurde, einen Tag später in Frankfurt von Mark Padmore gesungen.



Foto: Innenraum “Alte Oper” (Foto: Alte Oper)

Die gesamte Auffühung unterschied sich stark von Gardiners DG- Einspielung von 1988.
Dieses Mal hatte man einfach das Gefühl, dass Gardiner und auch seine Ensembles nicht nur “einfach” technisch perfekt die Noten runterspielen und singen können, sondern deutlich näher zu Bach gefunden haben. Kein Wunder, nach der Bach Cantata Pilgrimage, die wohl alle Beteiligten nachhaltig musikalisch geprägt hat. Besonders die Choräle klangen viel sanfter und nicht so laut und gehetzt wie in der Aufnahme.

Gardiner setzte aber auch auf Effekte und es gab (positive) Schockmomente. Nach der lang wirkenden und sehr ruhigen Arie 49 “Aus Liebe will mein Heiland sterben” sprang Mark Padmore regelrecht auf (und hinter ihm die beiden Chöre) und rief laut und machtvoll “Sie schriiiien aber noch mehr und sprachen..!” und im selben Moment setzte der Chor fantastisch mächtig mit “Lasst ihn kreuzigen!!” ein. Es gibt nicht die richtigen Worte, um solche Momente in dieser Aufführung zu beschreiben. Vereinzelt hatte man gesehen, dass einige Köpfe im Publikum bei der Arie nach unten sanken. Der Einsatz war quasi der ultimative Wecker und alle schreckten nach oben.

Als der letzte sanfte Ton verklungen war und Gardiner die Hände sehr langsam sinken ließ, gab es für ungefähr eine Minute (gefühlte 10 Minuten) nicht einen einzigen Laut aus dem Publikum (ca 2000 Menschen). Absolute Ruhe!! Niemand hustete, niemand räusperte sich. Nach dieser ergreifenden Stille setzte erst zaghaft, dann aber mächtig Applaus ein, der in Standing Ovations fortgeführt wurde.
In einem Interview sagte Gardiner einmal, dass es sein Ziel ist, zu erreichen, dass die Menschem im Publikum in dem Moment der Aufführung glauben. Nach diesem Ereignis kann ich nur sagen: Ziel erfüllt! Danke!
Schöne Grüße,

Martin<

1 Kommentar:

Volker hat gesagt…

8 Antworten auf “Matthäuspassion in Frankfurt März 2005”

1. Volker /admin sagt:
12.3.2007 bei 00:00

Hallo Martin,

Du lässt in mir die Aufführung von Gardiner aus Königslutter wieder entstehen, so eindrucksvoll ist dieser Bericht über die Matthäuspassion von Dir geschildert, fantastisch und ein riesiges Kompliment.

Ich meine auch, dass Gardiner durch die Pilgrimage-Tour Bach mehr als verinnerlicht hat, seine Gestik und sein Verharren an manchen Stellen in Königslutter, bezeugten das eindrucksvoll, ich hatte das Gefühl, dies war für ihn ein Gottesdienst, dem er sich auch vollständig hingab.

Mir persönlich gefällt eine Wiedergabe eines solch großartigen Sakralwerkes in der Kirche entschieden mehr, als
in einem Konzertsaal.

Gardiner persönlich liebt den alten Dom aus dem 11. Jahrhundert besonders. Als bekannt wurde, dass der Dom nach der Matthäuspassion für einige Jahre wegen dringender Renovierungen für Aufführungen nicht mehr zur Verfügung stehen würde, war er richtig enttäuscht.

Deine geschilderten Eindrücke kann ich nur vollauf bestätigen mit der Ausnahme, dass mir in den tiefen Lagen der Bass-Bariton Dietrich Henschel nicht überzeugen konnte, welch Stimmvolumen hatten die Gesangssolisten eines Bassisten in den 70er und 80er Jahren, hier scheint zur Zeit der Nachwuchs schon vom körperlichen Volumen her zu scheitern.

Mark Padmore ist ein Traum, wie fantastisch er der deutschen Aussprache mächtig ist und eine großartige Gesangskultur besitzt, ist schon beeindruckend.

Meiner Ansicht nach gelang der 2. Teil der Matthäuspassion den Aufführenden noch beeeindruckender und für den Besucher bewegender, was hier geboten wurde, sprengt jeden normalen Rahmen in der Wiedergabe, ich bin noch nie so aufgewühlt aus einem Konzert gegangen wie in Königslutter.

Dass Du die Gelegenheit von zwei Besuchen hattest,(Königslutter und Frankfurt) erschließt für Dich die Möglichkeit, die Form einer Kirchenaufführung und eines Konzertsaales einmal zu vergleichen, wie siehst Du die Aufführungsörtlichkeiten, lieber Kirche oder aufgrund der besseren Möglichkeiten der Sicht ein Konzertsaal?

Danke nochmals für diesen tollen Bericht.

Herzliche Grüsse

Volker

P.S. @ Martin, hast Du ein Foto(s) von der Alten Oper von Frankfurt, dann würde ich sie in Deinem Beitrag gerne einbinden?

Anmerkung: Seit gestern haben wir eine Neuanmeldung aus der Schweiz !!
2. Ritus sagt:
13.3.2007 bei 14:00

Hallo Martin,

ein schöner und gelungener Konzertbeitrag, auch ich war in Königslutter bei der Matthäuspassion und fand die Aufführung wunderbar.

Danke für diese inhaltsreiche Wiedergabe.

Grüsse
Ritus
3. Martin sagt:
14.3.2007 bei 12:00

Hallo zusammen,

mir gefällt so ein Werk natürlich auch besser, wenn es in einer Kirche aufgeführt wird, wo es ja auch hingehört und wofür es geschrieben wurde. Die Akustik eines Konzertsaales kann da einfach nicht mithalten und die Stimmung ist differiert stark. Im Konzertsaal hat man meistens noch Leute sitzen, die wohl ein Abo haben und wenig Respekt vor der Aufführung. Wie schon irgendwo erwähnt war es bei der Matthäuspassion 2005 und bei der Johannespassion 2004 in der Alten Oper so, dass direkt nach dem Einsetzen des Schlussapplauses ganze Reihen aufgestanden sind und zum Ausgang gegangen sind. Meiner Meinung nach müssten die Hasuverbot bekommen oder beim nächsten Mal auf den Sitzen festgetackert werden…;-)
Der Rest der Menschen saß noch ziemlich lang ergriffen in den Sitzen und erhob sich erst spät zu Standing Ovations.

Zu Bass / Bariton: Die Stimmen klangen natürlich in der Alten Oper anders als in Königslutter und mir ist nichts aufgefallen, was ich negatives zu Dietrich Henschel sagen könnte. Es war eine absolut runde Sache.
In Königslutter hatte ich auch nicht den besten (Steh-) Platz, so dass ich denke, dass man die Akustik besser beurteilen kann, wenn man im Hauptschiff gesessen hat.

Fotos hab ich sowohl in Königslutter wie auch in Frankfurt gemacht. Die aus Königslutter sind leider sämtlich unbrauchbar unterbelichtet. Die in Frankfurt sind unterbelichtet, aber OK. Leider aber nicht in digitaler Form. Werde mir mal was einfallen lassen, damit wir die hier reinbekommen.

Schöen Grüße,
Martin
4. Volker /admin sagt:
14.3.2007 bei 22:00

Hallo Martin,
deine Aussage; “Zu Bass / Bariton: Die Stimmen klangen natürlich in der Alten Oper anders als in Königslutter und mir ist nichts aufgefallen, was ich negatives zu Dietrich Henschel sagen könnte. Es war eine absolut runde Sache.”
————–

Ich habe in Königslutter in der zweiten Reihe im Mittelschiff gesessen und konnte links von mir Dietrich Henschel sehr gut hören und beobachten.

Sobald er in die tiefen Lagen kam, war es meiner Ansicht nach für ihn ein Quälen, ein nennbares Klangvolumen an den Tag zu legen. Mir fallen immer wieder die alten Bassisten ein, die hier so prächtig etwas zuzulegen hatten. Von zuhause aus ist er ja auch nur ein Bariton und wird sich in
den tiefen Lagen nicht unbedingt wohl fühlen.

Herzliche Grüsse
Volker.
5. Martin sagt:
15.3.2007 bei 09:00

Hallo Volker,

da fehlt mir ganz klar der Vergleich. Welche Namen hast Du da im Kopf? Dann höre ich mir mal Aufnahmen mit denen an.

Schöne Grüße,
Martin
6. Volker /admin sagt:
15.3.2007 bei 19:00

Hallo Martin,

Du sagtest: “da fehlt mir ganz klar der Vergleich. Welche Namen hast Du da im Kopf? Dann höre ich mir mal Aufnahmen mit denen an.”
————-

An erster Stelle möchte ich Dir ans Herz legen höre einmal in eine Bachkantate mit dem Bassisten: Dietrich Fischer-Dieskau; rein. Sein Gesangs-Volumen war absolut Weltspitze.
Als “bester Liedersänger der Welt” (Times) füllte Fischer-Dieskau bis Ende 1992 fast selbstverständlich die Konzertsäle.
Weitere Größen: wie Hermann Prey, Walter Berry, Kieth Engen.
Das fällt mir hierzu in der Kürze ein.

Aufnahmen mit diesen Bassisten sind wirklich großartig.

Herzliche Grüsse

Volker.
7. Christoph sagt:
4.4.2007 bei 23:00

Hallo Martin,
danke für deine faszinierenden Matthäuspassionsschilderungen.
Ich suche Aufführungen der Matthäuspassion in den kommenden Passionstagen 5.-7.April 07 in unserer Region Mannheim/Heidelberg/Frankfurt?. wer kann mir Tipps geben?
Mein Tipp: Du kannst die Matthäuspassion auch tanzen bei einen Religionswissenschaftler Michael v. Brück, der auch kompetent kommentieren kann…in der Neumühle
Weitere Infos: info@meditation-saar.de
Herzliche Grüße
Christoph Braun