Montag, 11. Februar 2008

Archiv-Beitrag: Phänomenaler Auftakt der SDG-Reihe "Soli Deo Gloria, Feste Alter Musik im Braunschweiger Land."

Braunschweig, 15.12.2006 Volker


Phänomenaler Auftakt der SDG-Reihe "Soli Deo Gloria, Feste Alter Musik im Braunschweiger Land."

Sir John Eliot Gardiner überzeugte und begeisterte mit den Advents-Kantaten von J.S. Bach in seiner unnachahmlichen Art mit dem Monteverdi Choir und The English Baroque Soloists in der St. Martini-Kirche in Braunschweig.



Foto: Banner an der St. Martini-Kirche Braunschweig (Foto: Copyright. V.Hege)



Foto: Aufführungsstätte der Bachkantaten St. Martini-Kirche in Braunschweig (Foto: Copyright. V.Hege)

Veranstaltungsort: St. Martini-Kirche / Altstadtmarkt 38100 Braunschweig

Johann Sebastin Bach: Kantatenwerke zu Advent

Programm:


BWV 61 "Nun kommt der Heiden Heiland" BWV 70 "Wachet! Betet! Betet! Wachet" BWV 140 "Wachet auf, ruft uns die Stimme" BWV 147 "Herz und Mund und Tat und Leben"

Ausführende:

The English Baroque Soloists; Monteverdi Choir; Sopran: Julia Doyle; Altus: William Towers
Tenor: Nicholas Mulroy; Bass: Matthew Brook; Oboe: Michael Niesemann; Horn: Gawin Edwards; Trompete: Neil Brough;

Leitung: Sir John Eliot Gardiner


Foto: Pausenapplaus nach 2 großartigen Bachkantaten in der St. Martini-Kirche Braunschweig (Foto: Copyright: V.Hege)



Foto: Sir John Eliot Gardiner nach dem gelungenen Auftaktkonzert am 15.12.2006 in der St. Martini-Kirche Braunschweig (Foto: Copyright V.Hege)



Foto: Der deutsche Oboist Prof. Michael Niesemann mit einer Glanzvorstellung (Foto: Copyright V.Hege)

Als ein fantastischer Auftakt von "Soli Deo Gloria, Feste Alter Musik“ konnte in der St. Martini-Kirche in Braunschweig diese Konzert bewundert werden. Durch eine glanzvolle Interpretation und einem engelhaften Gesang des Monteverdi Choirs und prächtigen barocken Klangfarben durch The English Baroque Soloists unter der Leitung von Sir J.E. Gardiner - wurde mit herrlichen Advents-Kantaten von J.S. Bach - der Hörer mit traumhafter Musik beglückt.

Zu Beginn erklang die Kantate: BWV 61 "Nun kommt der Heiden Heiland", die für den 1. Advent 1714 in Weimar entstand nach einem Text von Erdmann Neumeister. Die Ouvertüre als vierstimmiger Choralsatz “Nun komm der Heiden Heiland“ (Choral von Martin Luther) wurde stimmig prägnant durch sechs Sopranistinnen, sowie zu je vier Alt, Tenor und Bässen vortrefflich ausdrucksstark vorgetragen.

In dem Rezitativ und Arie für Tenor wurde durch Nicholas Mulroy – Solisten-Besetzung aus dem Vokalensemble – eine vortreffliche Wiedergabe geboten. Ausdrucksstark im Text und in seiner Stimme.

Ein Höhepunkt dieser Kantate im Bass-Rezitativ: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Gesungen wird das Rezitativo von Matthew Brook (ebenfalls eine Solisten-Besetzung aus dem vorzüglichen Vokalensemble). Ausgestattet mit einem unwahrscheinlichen Timbre und Volumen an Stimmeskraft wusste er hier zu gefallen. Unvergleichlich schön gelang den Streichern das Pianozupfen als ein Klopfen mit dem Hinweis auf den Text: ….ich stehe vor der Tür und klopfe an.

Im Abschlusschoral: „Amen, amen“! Konnte das Vokalensemble seine stimmlich ausgebildeten Qualitäten überzeugend einbringen.

Anschließend erklang die zweiteilige Kantate: BWV 70 „Wachet! Betet! Betet! Wachet!“ Es ist eine Grundfassung der Weimarer Kantate für den 2. Advent, die in Leipzig am 21. November 1723 für den 26. Sonntag nach Trinitatis, umgearbeitet wurde. Der Text ist von Salomon Franck und handelt vom Ende der Welt und der Erwartung der Wiederkunft Christi.

Hier gelang dem Trompeter (Neil Brough) mit einer „Tromba da tirarsi“, einer tiefen Zugtrompete, eine künstlerische Glanzleistung. Ansatzlos und Einfühlsam im Cantus firmus erklingt sein beispielhaftes Spiel in dem Choral: „Es ist gewisslich an der Zeit“ und sich bei den Chorälen ideal mit der menschlichen Stimme im tonalen Verhalten einbringt. Ein begnadeter Trompetenkünstler mit Weltniveau.

In den Rezitativen und Arien dieser Kantate ist das Solistenquartett von erhebender Qualität aus den Reihen des Vokalensembles besetzt. Ob Sopran: (Julia Doyle), Altus: (William Towers), Tenor: (Nicholas Mulroy) und Bass: (Matthew Brook), überzeugen durch einen sensiblen und ausdrucksstarken Gesang. Die Choräle wurden wunderbar natürlich fließend in einem transparenten Gesangsstiel überzeugend vorgetragen, die in der Diktion und wörtlichen Ausdrucksform ein Genuss des Gesanges darstellt.



Foto: Die Gesangssolisten: Matthew Brook (Bass); Nicholas Mulroy (Tenor); William Towers (Altus); Julia Doyle (Sopran) (Copyright: V.Hege)

Nach einer Kurzpause wurde eine kleine Programmänderung in der Konzertabfolge vorgenommen. Für die vorgesehene Kantate BWV 140 „Wachet auf“ wurde die zweiteilige Kantate BWV 147 „Herz und Mund und Tat und Leben“ vorgezogen.

Diese Kantate ist für das Fest Mariae Heimsuchung am 2. Juli 1723 in Leipzig komponiert. Bach verwendet Teile eines Textes von Salomon Franck, der ursprünglich für den 4. Advent gedacht war. Durch Hinzufügung eines unbekannten Autors wurde er dem Marienfest angepasst. Dieses Kantatenwerk ist aufgrund seiner Innigkeit an Klangfarben und wunderschönen Rezitativen und Arien – davon drei unterschiedlich instrumentierte Rezitative und vier Arien, die ersten drei geringstimmig, die vierte vollstimmig - ein Kleinod und erfreuen sich einer großen Publikumsgunst.

Hervorheben möchte ich hier die herrliche Sopran-Arie (Julia Doyle) des fünften Satzes: „Bereite dir, Jesu, nach itzo die Bahn“ Inniger und warmherziger kann ein Gesangsvortrag von diesem Format nicht erklingen, das Violinsolospiel dazu erfüllt das Herz mit einem überschäumenden Glücksgefühl. Zum Abschluss erklingt der Schlusschoral: „Jesus bleibet meine Freude“ in überschwänglicher Klangespracht. Bemerkenswert hierbei das prägnante und bezaubernde Oboenspiel (Prof. Michael Niesemann), das aufhorchen lässt, hier ist ein Spitzenspieler, von dem in Zukunft noch mehr zu hören sein wird.

Hier erweisen sich alle Beteiligten als die vorzüglichen Interpreten. Gardiner war auf einen nuancenreichen Ton bedacht immer wieder erzielt er raffinierte Klangeffekte. Die Ungereimtheiten so manch anderer Ensembles in der Aufführungsform der Alten Musik gelingt ihm im Gegensatz dazu vortrefflich. Seine Auffassung von bachscher Musik ist prägnant in seiner persönlichen Art und Wiedergabe. Sein Empfinden zu Bach strahlt Wärme und Glaubenszuversicht aus und lässt den Hörer diese Wesensart beeindruckend miterleben.

Der Schluss erfolgte mit der Kantate BWV 140 „Wachet auf ruft uns die Stimme“ diese komponierte Bach für den 27. Sonntag nach Trinitatis, den 25. November 1731 in Leipzig. Der unbekannte Textdichter behielt alle drei Strophen des berühmten Liedes von Philipp Nicolai bei, die Bach im Eingangschor, in der Choralbearbeitung für Streicher Tenor und Basso continuo in der Mitte sowie im Schlußchoral verwendet.

Im Duett zwischen Jesus (Baß) und der Seele (Sopran) setzt Bach als obligates Instrument einen Violino Piccolo (Terzgeige) ein, welche in himmlischen Höhen jubiliert. Diese Nuance wird von Bach in dem vierstimmigen schlichten Schlußchoral nochmals mit eingesetzt, ein Kunstgriff, durch die hohe Lage der Liedweise und die Oktavierung der Terzgeige untermauert er die Seligkeit im himmlischen Jerusalem musikalisch.

Eine Kantate die gespickt ist mit herrlichen und bekannten Chorälen. Eingangschoral: “Wachet auf ruft uns die Stimme“, im vierten Satz: „Zion hört die Wächter singen“, sowie der grandiose Schlusschoral: „Gloria sei dir gesungen.“ In diesen Chorälen findet die Sangeskunst ihre Darbietungskünstler in Form des Monteverdi Choirs. Die gesangliche Mitteilung, das Können der Wortartikulation lässt den Hörer nur staunen, dieses Vokalensemble, bestehend aus 18 Mitwirkenden erzielt mühelos alle Nuancen des Singen aufs Vortrefflichste, ob im Piano oder kraftvoll eingefordert wie im Abschlusschoral „Gloria sei dir gesungen“, für sie bestehen keine unüberwindbare Hürden, einfach perfekte Gesangskultur auf höchstem Niveau. Auf dem gleichen Level liegend ein spielendes Barockorchester in seiner unnachahmlichen Art die grandiose Barockmusik klanglich und vortrefflich interpretieren zu können.

Ein fantastischer Abend neigt sich dem Ende und entlässt die Besucher beglückend und beschwingt in die Weihnachtszeit. Nicht endend wollender Applaus beschließt ein Konzerterlebnis, dass von überragenden Mitwirkenden und einer genialen Musik gekennzeichnet war.

Volker

1 Kommentar:

Volker hat gesagt…

4 Antworten auf “Phänomenaler Auftakt der SDG-Reihe “Soli Deo Gloria, Feste Alter Musik im Braunschweiger Land.””

1. Alexmusician sagt:
4.2.2007 bei 12:00

Hallo,

zu dem hier beschriebenen Konzert kann ich mich Volkers Meinung nur anschließend. Dieses Konzert war DAS Highlight des vergangenen Jahres. Leider hatte ich erst sehr spät eine Karte kaufen können, so daß ich eigentlich einen Platz an der Seite gehabt hätte. Dank des grandiosen Herrn Reimann gelang aber der Umtausch und ich hatte das Vergnügen in der zweiten Reihe etwa 2 m hinter dem Meister zu sitzen. Die Ouvertüre zu “Nun komm, der Heiden Heiland” BWV 61 hätte feierlicher und festlicher nicht sein können. Von Anfang an hatte man das Gefühl einer unglaublich elektrisierenden Stimmung. Besonders deutlich wurde dies im Rezitativ “Siehe, siehe, ich stehe vor der Tür”. Das Publikum war hier so still, daß man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
Auch in der folgenden Kantate “Wachet, betet” BWV 70 präsentierten sich die beiden Spitzenensembles in Höchstform. Der Eingangschor geriet zu einem donnernden Wettstreit zwischen Trompete und Oboe. Beide höchst anspruchsvollen Partien wurden großartig gemeistert.
Hier fiel mir besonders die Sopranistin Julia Doyle auf. Ihre Partien gerieten allesamt zu Juwelen des Abends. Eine solche stimmliche Schönheit ist mir bisher selten zu Ohren gekommen. Joanne Lunn oder Katharine Fuge können sich dahinter verstecken! Zugegebenermaßen stimmt auch die Optik:).
Zum Abschluß des ersten Teils der Kantate erklang einer meiner liebsten Choräle “Freu dich sehr, o meine Seele und vergiß all Not und Qual”. In dieses Stück hatte ich mich schon während der BCP in Lüneburg verliebt und auch hier blieben keine Wünsche offen. Zart und voller Anmut wurde dieser Choral wiederum zu einer Perle.
Zur Pause kam von Gardiner der nette Kommentar: “Sie dürfen ruhig klatschen, wir kommen wieder!”
Danach folgte die Kantate Herz und Mund und Tat und Leben” BWV 147 mit dem immer wieder ergreifenden Schlußchoral “Jesus bleibet meine Freude”. Allerdings läßt Gardiner diesen nicht, wie bei vielen anderen “Barockensembles” zu erleben in einer Lautstärke gleich einer Nähmaschine ablaufen, sondern gestaltet ihn und macht damit aus einem “Schlager” die wunderschönste Musik. Auch hier erwiesen sich die 4 Solisten als absolute Spitzenkräfte.
Der krönende Abschluß kam mit der Kantate “Wachet auf, ruft uns die Stimme” BWV 140. Offen gestanden habe ich diese Kantate so, wie ich sie hier erleben durfte, noch nie zuvor gehört. Gardiner bewies einmal mehr, daß er ein absolutes Gespür und einen Sinn für die feinen Nuancen Bach’scher Musik hat. So erklang der Teil “Mitternacht heißt diese Stunde” im Eingangschor im pianissimo, was eine himmlische Wirkung hatte. Zum Juwel dieser Kantate gerieten jedoch die beiden Duette, besonders das zweite. Es war eigentlich ein Trio mit Julia Doyle, Matthew Brook und dem überragenden Michael Niesemann. Diese Musik strahlte eine derartige Innigkeit und Freude aus, daß man sie gern noch einmal hätte hören wollen. Wiederum bestach Julia Doyle durch hinreißende Leichtigkeit ihres Gesangs.
Der Schlußchor sorgte für die bei jedem Gardiner-Konzert übliche festliche Stimmung. Welch eine Kraft entfaltete sich hier. Chor und Orchester übermittelten eine derartig unbändige Freude, es war unglaublich. Nach wohlverdientem langem Applaus wurden die Zuhörer aus zwei Stunden in einer anderen Welt entlassen.
Grüße,
Alex
2. meinhardo sagt:
4.2.2007 bei 12:00

Hallo Alex,

puh.., was für eine tolle Rezension von dir, im Detail liegt deine Geschicklichkeit das entsprechend rüber- zubringen! Hier im Forum lese ich gerne die Konzertkritiken mit und kann mir ein Bild davon machen, was Gardiner für Top-Veranstaltungen kreiert.

Ob noch weitere Berichte folgen, ich bin darauf gespannt, Martins Bericht aus Frankfurt entsprach ja in etwa deinen Eindrcken nur die Akustik war wohl übel in der Paulskirche.

Euch allen einen schönen Sonntag,
Gruß
meinhardo
3. Barbara sagt:
4.2.2007 bei 16:00

Hallo Alex,

musikalisch kann ich mich Dir und Volker nur anschließen. Es war ein unglaubliches Konzert. Ich dachte, die Kantaten wären mir alle sehr vertraut, aber es gab doch sehr überraschende Momente. Spannend. Bei BWV 61 war ich von Julia Doyle etwas enttäuscht, das war doch sehr zaghaft. Ob ganz hinten wohl noch etwas zu hören war? Aber in den folgenden Kantaten war nichts mehr davon zu hören bis hin zu den grandiosen Duetten in BWV 140. Dass Bach zu seiner Zeit nicht aus der Kirche ausgeschlossen wurde ob solcher Liebesduette, wundert mich immer noch.

Leider hatte ich Pech mit meinem Platz. Ich saß im Mittelschiff mitte, also nicht auf den billigen Plätzen und musste mit einem Platz hinter einer Säule (ohne Hinweis, dass es sich um einen reinen Hörplatz handelt) vorliebnehmen. Ich war unglaublich enttäuscht. Schließlich will ich nicht nur Gardiner und Co. hören, sondern auch sehen. Innerlich singe ich immer mit und ich will MEINEN Einsatz auch haben. Ich habe mir ein wenig Sicht erschummelt, indem ich mich zwischendurch auf meinen Rollator, den ich an der Säule hinter mir geparkt hatte, wo er niemanden störte, setzte. Was sehr unbequem und anstrengend war und mir auch nur Sicht auf den halben Altarraum ermöglichte. Fazit für mich: tolle Musik, aber als Konzerterlebnis doch sehr enttäuschend.

Viele Grüße und einen schönen Rest-Sonntag
Barbara
4. Volker /admin sagt:
5.2.2007 bei 02:00

Hallo Barbara und Alex,

erst einmal danke für Eure Impressionen zu dem Gardiner-Konzert in der Martinikirche in Braunschweig.

Ich kann es Barbara richtig nachempfinden, wie unangenehm so ein verhinderter Sichtplatz aufgrund einer Säule sein kann. In meinen Augen ist es von dem Veranstalter eine Zumutung, Besuchern so einen Platz überhaupt anzubieten. Denn auch für mich bedeutet ein Konzert nicht nur ein Hör- sondern auch ein Seherlebnis. Tut mir richtig leid, wenn Du soviel Eintrittsgeld bezahlt hast und so einen schrecklichen Platz dann zugewiesen bekommen hast.

Hier hatte von uns allen wohl Alex die Nase vorn, gut plaziert das Konzert erleben zu können.

Von meiner Seite aus kann ich sehr zufrieden sein, ich hatte vorne im Mittelschiff in Reihe neun eine hervorragende Sicht auf den Klangkörper und Solisten hatte und die musikalische Hörbarkeit sehr gut und zufriedenstellend war.

Von anderer Seite habe ich erfahren, das viele Besucher aufgrund ihres weit hinten liegenden Platzes nicht den vollen Genuss des Konzertes hatten und sehr enttäuscht waren.

Hier scheint wohl die Akustik in dem Braunschweiger Dom um einige Grade günstiger zu sein, denn von dem Konzert im Dezember 2005 habe ich nichts nachteiliges hören können.

Herzliche Grüsse und einen schönen Wochenstart wünscht
Volker