Mittwoch, 2. April 2008

Besprechung: CD's "Teil zwei" von SDG 141 Vol. 3 veröffentlicht vom Label: "Monteverdi" im Februar 2008

Hallo,

hier ist meine weitere Rezension für die

"zweite CD von SDG 141 Vol. 3"


für den 5. Sonntag nach Trinitatis.



SDG 141 Volume 3 (2. CD) Kantaten für den 5. Sonntag nach Trinitatis


Aufführungsort: am 23. Juli 2000 in Mühlhausen/Thüringen, "Divi Blasii Kirche."


Click here "Gardiners-Reisetagebuch" for a German Translation of the sleeve notes.

Hier klicken zur "Meinungsäußerung" von Nicolas Robertson zur SDG 141 Vol. 3



-----------------------------------------------------------------------

BWV 131 - Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir
BWV 93 - Wer nur den lieben Gott lässt walten
BWV 88 - Siehe, ich will viel Fischer aussenden

(recorded: Blasiuskirche, Mühlhausen)

Soloists: Joanne Lunn | William Towers
Kobie van Rensburg | Peter Harvey

The Monteverdi Choir | The English Baroque Soloists | John Eliot Gardiner

------------------------------------------------------------------------------------



Foto: Aufführungsstätte "Divi Blasii Kirche" Mühlhausen / Thüringen

Ich zitiere aus Gardiners Reisetagebuch:

Ich wollte neben den beiden Leipziger Kantaten BWV 88 und 93, die für den fünften Sonntag nach Trinitatis erhalten sind, auch zwei der in Mühlhausen entstandenen Stücke in unser Programm nehmen, die wunderbare Kantate BWV 131 "Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir" und
BWV 71 "Gott ist mein König."

Das BWV 131
war vermutlich für einen Gottesdienst nach dem verheerenden Feuer am 30. Mai 1707 bestimmt, das in der Unterstand in der Nähe der Blasiuskirche dreihundertsechzig Häuser zerstört hatte, sowie für die Gedenkfeier im folgenden Jahr. Ob es die Schmerzlichkeit dieses Ereignisses war, die Bach inspirierte, oder Luthers pathetische Übersetzung des De profundis, sein Bestreben, den Text auf eine
möglichst adäquate Weise zu vertonen, brachte eine Musik von mächtiger, wiewohl nicht immer stimmiger Eloquenz hervor.

Die Kantate:
BWV 131 " Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir "

Diese Komposition fällt in Bachs Mühlhausener Organistenzeit 1707 bis 1708, besteht nicht aus selbständigen, in sich abgeschlossenen Sätzen, sondern aus verschiedenartigen, unmittelbar ineinander übergehenden Abschnitten, zeigt also diejenige Form, die für die Kantaten des 17. Jahrhunderts aus dem Reihenprinzip der Motette heraus entwickelt worden war.

Motette, Geistliches Konzert und Choralbearbeitung sind darum auch die Satztypen, die bei der Komposition Pate gestanden haben.

Der erste Satz: "Aus der Tiefen Rufe ich, Herr," beginnt getragen und verhalten durch die klagende Flöte, Violinen und BC. Der einsetzende "A-cappella-Chor" singt den einleitenden Satz rhythmisch, fast ein wenig swingend. Die Einzelstimmen sind eindrucksvoll heraushörbar.

Der gleichatrige Gesang erfolgt im 2. Satz mit dem Arioso, für Bass-Solo, + Choral, Sopran + Bass "So du willst, Herr, Sünde zurechnen", wird ebenso beeindruckend zu Gehör gebracht.

Der 3. Satz mit dem: "Ich harre des Herrn" für Chor, Sopran, Alt, Tenor und Bass, findet hier ein Wechselspiel der einsetzenden Solosänger und des Chores statt, das ausgewogen und berührend vorgetragen wird. Das Potential der Sängerschar ist wiederum hervorragend.

Den 4. Satz mit dem "Ich harre des Herrn" für Tenor-Solo (Kobie van Rensburg) in Verbindung mit dem BC finde ich großartig gelungen, wie dezent der Chor im Hintergrund agiert ist schon mehr als bewundernswert. Ein wunderschöner Satz in dieser Kantate.

Den Schlusspunkt mit dem "Israel, hoffe auf den Herrn" wird glänzend vom Chor und den Solostimmen gemeistert.
Die Kantate besitzt alle Vorzüge und Schwächen eines Jugendwerkes von J.S. Bach, die Formsetzung, die er unbekümmert aneinanderreiht werden in seinen späteren Kantaten zur Vollendung reifen.

Die Kantate: BWV 88 "Siehe ich will viel Fischer aussenden" für den 5. Sonntag nach Trinitatis wurde am 21. Juli 1726 zum ertsten Male aufgeführt.

Der Eingangssatz für Bass-Solo (Peter Harvey), beginnt mit einer ruhigen Sinfonia die dann nach dem ruhigen vorgetragenen Bass-Solo zum Ende an Schwung gewinnt und mit den agierenden Waldhörnern und dem vorzüglichen Orchester ein berauschendes Klangerlebnis zelebriert.

Der zweite Satz mit dem Rezitativ für Tenor: "Wie leicht könnte doch der Höchste" wird respektabel vorgetragen.

Der 3. Satz mit der Aria für Tenor "Nein, nein! Gott ist allezeit geflissen" lebt von der Textaussage und wird vom Tenor entsprechend vorgetragen.

Der 4. Satz enthält ein ARIOSO für Tenor und Bass und inspiriert den Hörer hauptsächlich von der eindringlichen Sprachmelodik des Bassisten.

Das Arien-Duett für Sopran und Alt im 5. Satz: "Beruft Gott selbst, so muß der Segen" beginnt mit einer berührenden Anfangs-Sinfonia. Das anschließend beginnende Duett für Altus (William Towers) und Sopran (Joanne Lunn) ist ausgewogen und überzeugend gesungen worden.

Ein Höhepunkt ist der 6. Satz für Sopran mit dem "Was kann ich denn." Hier ist eine wunderbare Sopranistin (Joanne Lunn) mit einer glockenreinen Stimme zu hören.

Den Schlusspunkt bildet der bekannte Choral: "Sing bet und geh auf Gottes Wegen." Sinnlich berührend weiss hier der Monteverdi Choir zu glänzen, das ist Choralgesang in Reinkultur, einfach erhebend dieser überzeugenden Sängerschar zuzuhören..!!


Die Kantate: BWV 93 "Wer nur den lieben Gott lässt walten" für den 5. Sonntag nach Trinitatis, ist als Choral-Kantate erstmals am 9. Juli 1724 aufgeführt worden und in den Jahren 1732/1733 in der heutigen Aufführungspraxis von Bach umgearbeitet und erweitert worden. Diese Kantate lebt von ihrer schönen Symmetrie und weiss mich immer wieder zu begeistern. Hier bewundere ich Bachs Einfallsreichtum, die diese Kantate zu einem Ohrwurm werden lässt.

Im BWV 21 hat Bach diesen Choral ebenfalls eingesetzt mit zwei Strophen.
Außerdem erklingt dieselbe Choral-Strophe wie in dieser Kantate am Ende der zwei Jahre später für denselben Sonntag in der Kantate, im BWV 88 erneut.
Daraus kann hergeleitet werden, dass Bach diesen Choral zu seinen Favoriten gezählt haben muss.

Der Eingangssatz "Wer nur den lieben Gott läßt walten" besticht durch das einsetzende Orchester mit seinem unverwechselbaren Klang. Die eingehende Melodie wird durch eine konzertante Gesangspartie entsprechend eingeleitet für Sopran, Alt, Tenor und Bass. Untermauert wird dieser Eingangssatz durch den hinzutretenden Chor und den dominierenden Oboen. Diese Musik kann den Hörer in Verzückung versetzen so schön erklingt dieser fantastische Choral.

Das Rezitativ für Bass (Peter Harvey); mit dem "Was helfen uns die schweren Sorgen" erklingt in gewohnter Manier überzeugend.

Eine Traumarie in Satz 3 für Tenor: "Man halte nur ein wenig stille" mit dem entsprechenden Pathos wird diese zu Herzen gehende Arie gesungen, diese Arie steht bei mir auf Da-capo, sie ist berührend und unvergleichlich, wiederum ein Juwel in Bachs Kompositionen.

Das gleiche setzt sich im 4. Satz fort mit dem herrlichen Arien-Duett für Sopran (Joanne Lunn) und Altus (William Towers); "Er kennt die rechten Freudenstunden" unvergleichlich gut harmonieren diese beiden Stimmen miteinander, der Altus schreckt mich nicht, im Gegenteil, er überzeugt mich mehr als zufriedenstellend. Die Sopranistin ist ein Genuss, ihr unvergleichlicher Gesang gibt die entsprechende Würze und sorgt für einen weiteren Glanzpunkt in dieser Kantate.
Die Streicher spielen die Choral-Melodie, während die beiden Gesangs-Stimmen dazu so etwas wie eine Choral-Fantasie singen: Freies Variieren der Choral-Melodie- sehr kunstvoll, dieses ganze Miteinander!

Berauschend schön gelingt der 6. Satz für Sopran in der Arie: "Ich will auf den Herren schaun" die tänzelnden Oboen bewirken einen menuettartigen fröhlichen Satz, die das Vertrauen ausdrücken, sehr schön gelungen dazu der Sopran-Gesang.

Ein schlichter vierstimmiger Choralsatz: "Sing, bet und geh auf Gottes Wegen" beschließt eine Kantate, die zu meinen Favoriten zählt. Unnachahmlich wie Gardiner wieder in diesem schlichten Choral-Satz Nuancen zu setzen vermag, ein Monteverdi Choir weiss das anzunehmen und artikuliert sich entsprechend
in seiner feinen Art, was kaum zu toppen ist.


Grüsse
Volker






Bluecounter Website Statistics

Bluecounter Website Statistics

Kommentare:

Volker hat gesagt…

Hallo zusammen,

nachdem ich nun zwei Rezensionen zu SDG 141 Vol. 3 erstellt habe, möchte ich gerne Eure Erfahrungen und Beurteilungen dazu hören.

Grüss
Volker

Alexander hat gesagt…

Hallo Volker, da hast du ja wieder kräftig in die Tastatur gegriffen :-)

Bei der Melodie "Wer nur den lieben Gott läßt walten" halte ich auch immer inne, und sie ist immerhin in 8 Kantaten zu finden, namentlich: 21, 27 (Eingangschor), 84, 88, 93, 166 (von Gardiner ungeheuer eindringlich und doch intim interpretiert), 179 und 197.

Und überhaupt sind die Choräle für mich immer der Höhepunkt, auf den Gardiner hinzuarbeiten scheint. Diese gebetsartige Hingabe, in der alles zum Ausdruck kommt: Angst, Hoffnung, Freude, Trost.

Gruß, Alex

Volker hat gesagt…

Hallo Alex,

absolut sind das für mich auch immer wieder die Höhepunkte: "Die Chöre."
Was Gardiner da mit seinem Wunderchor vollbringt ist vom Feinsten, hier achte ich bei ihm auf jede Nuance und Form der Wiedergabe, da ist er einer der Großen, die das meistlerlich umzusetzen verstehen.

Wo hast Du die weiteren Angaben gefunden, dass Bach in weiteren Kantaten das verwendet hat, über den Cantatafinder? Aber danke für diese Zusatzinformation.

In den Schübler-Chorälen (Bachs Orgel-Kompositionen) hat er sie auch verwendet: BWV 647, hier hat er in Anlehnung an Satz 4 aus dem BWV 93 die melodische Form übernommen, unwahrscheinlich schön ist sie ihm dort gelungen.

Daran ist wirklich die große Vermutung verknüpft, dass Bach diesen Choral über alles geliebt hat..

Gruss
Volker

Anonym hat gesagt…

Hallo Volker,

1. mit dem Cantatafinder kann man nach Choralmelodien suchen - einfach den Text eingeben. Ganz unten findet man dann in weißer Schrift Hinweise auf verwendete Melodien.

2. ganz verrückt genau ist die Seite von Thomas Braatz und Aryeh Oron:
http://www.bach-cantatas.com/CM/Wer-nur-den-lieben-Gott.htm

Alex

Volker hat gesagt…

Hallo Alex,

dein letzter Kommentar:

"ganz verrückt genau ist die Seite von Thomas Braatz und Aryeh Oron:
http://www.bach-cantatas.com/CM/Wer-nur-den-lieben-Gott.htm

--------------------

Das ist ja eine Seite, die voller Überraschungen steckt, was da geboten wird kommt einer wissenschaftlichen Arbeit gleich.
Für diesen Hinweis danke ichDir, da werde ich einmal stöbern..!!

Gruss
Volker

Iris hat gesagt…

Hallo, Volker,
Deine "Beschreibung" liest sich wie ein Krimi - einfach spannend und toll! Ich druck`s mir gleich aus und les` es heute abend beim Hören noch einmal. Euch allen ein schönes Wochenende.
Herzl. Gruss
Iris

Volker hat gesagt…

Hallo,

es wurde zu den Meinungsäußerungen der Solisten im Forum noch nichts erwähnt..!!

Die letzten zwei Veröffentlichungen u.a. Meinungsäußerung zu SDG 141 Vol. 3 von Nicolas Robertson, Tenor, wundert man sich über seine Aussage:

"Mühlhausen war der einzige Ort,
der in dem ganzen Jahr, soweit ich das sehen konnte, mit einem Bachfest aufwartete
(nachdem wir wieder weg waren) – unter dem Namen Bachanale."

-------------------
Dieses Zitat von ihm ist mehr als fragwürdig und Inhaltslos, wie viele Bachfeste hat es im Bachjahr 2000 in Deutschland gegeben und dann so eine unqualifizierte Äußerung..!!

Inhaltlich ist es eines der schlechtesten Meinungsäußerungen, da waren seine Vorgänger-innen bedeutend ergiebiger.

Gruss
Volker

Anonym hat gesagt…

Hallo Volker, ich habe mich auch etwas gewundert beim Lesen, aber man weiß ja nicht, wie so ein Text zustande kommt. Maya Homburger zum Beispiel hat beim Rausgehen mal irgendwas ins Mikro gesagt, und als sie es gedruckt gesehen hat, was es ihr ziemlich unangenehm. Da hat in der sleeve note eindeutig ein redaktioneller Hinweis gefehlt. Man kann nicht ein Transkript als geschriebene Notiz verkaufen. Vielleicht war es bei Robertson etwas Ähnliches. Das Stimmungsbild mit der leicht heruntergekommenen Gegend hat mir sogar gut gefallen, der gespreizte Rest weniger. Zu dieser Bemerkung mit der Bachanale - das ist natürlich ein dickes Ding. Aber dem Meister selbst ist auch mal eine Bemerkung entwichen, über die ich mich ein bisschen geärgert habe: in der DVD von OpusArte 0816 D sagt er in der Dokumentation - inhaltlich etwa - dass fünf Kantaten ständig aufgeführt würden und der Rest überhaupt nicht. Ähnliches sagt übrigens Paul Agnew in SDG 138. Was ich jetzt sage, fällt mir nicht leicht zu sagen, denn das Leipziger Nabel-der-Welt-Gefühl finde ich übel, aber: der Thomanerchor führt jeden Sonnabend eine aktuelle Kantate auf. So ein Thomaner macht vom 9. Lebensjahr an 8 Jahre lang Bach Cantata Pilgrimage, daneben noch den normalen Schulunterricht und die normale Konzerttätigkeit. Und bestimmt gibt es auch andere Orte, wo auch 1999 schon regelmäßig Bachkantaten aufgeführt wurden. Alex