Mittwoch, 6. Februar 2008

Johann Sebastian Bach der Superstar



Hallo,

ein interessanter Artikel über den "Superstar J.S. Bach" in © DIE ZEIT verfasst, möchte ich dem Forum nicht vorenthalten.

" Johann Sebastian Superstar "

Bach-Noten aus Deutschland – krisenfest und wertbeständig

Wie muss das geklungen haben! Jetzt entdeckt Japan den Originalklang, junge Ensembles spielen Barockmusik auf Instrumenten des 18. Jahrhunderts. Pioniere, Außenseiter, die noch viel vor sich haben. Der Bus zum Flughafen fährt vor. Koffer werden eingeladen, Pauken, der Kontrabass. Vierzig Musiker, Sänger und Helfer reisen weiter durch Europa, nach Amsterdam, Leipzig, Nürnberg und London, um dort vor ausverkauften Häusern zu spielen. Bach boomt.

Als letztes Großereignis vor der Fußballweltmeisterschaft sorgte das Bachfest Leipzig mit 72 Konzerten und Veranstaltungen für Hochstimmung. Und die 60. Bachwoche Greifswald klingt gerade aus. Im Juli folgt die Bachwoche in Ansbach, dem Bayreuth der Bach-Liebhaber. Als AnsBACH hat es den Komponisten in den eigenen Namen gestochen – ein hochkulturelles Tattoo. Auch Sulzbach, Amorbach und vielleicht sogar Miesbach steht es frei, es zu tragen. Es ist kein deutsches, es ist ein Weltphänomen.

Bach lieben alle. Im vergangenen Jahr erlebte die Ile de France das erste Europa-Bachfestival mit rund zweihundert Veranstaltungen in Paris und Umgebung, angeregt von der Neuen Bachgesellschaft mit Sitz in Leipzig, die seit bald hundert Jahren wandernde Bach-Feste ausrichtet. Dieses Jahr ist mit Aschaffenburg wieder eine deutsche Stadt an der Reihe. In Amerika sind Bach-Festivals längst etabliert, ob in Winter Park in Florida, Carmel-by-the-Sea in Kalifornien oder North Conway, New Hampshire, ob in Oregon, Philadelphia oder im kanadischen Toronto. Aus Korea wird das erste Internationale Bach-Festival gemeldet, und unter bach-concert meldet sich im Internet die Universität von Auckland, Neuseeland.

Bach im Konzertsaal, Bach im Kuhstall, Bach on the beach, Bach on air. WBachradio versorgt die Ostküste der USA mit Klassik auf vier Kanälen. Die BBC bescherte ihren Hörern zur Weihnachtszeit zehn Tage lang Bach rund um die Uhr, das Gesamtwerk aller Kantaten und Motetten, Orgelwerke und Konzerte, Partiten und Passionen ohne Pause, ein Fest. Manchen ging es auch auf den Sender (Sublime Folter, ZEIT Nr. 1/06).

Das Bach-Business als höchste Form deutscher Wertarbeit: weit über tausend Erzeugnisse aus einer Hand, Qualitätsprodukte ohne die geringsten Schwankungen, ein Longseller, krisenfest und wertbeständig – Bach-Noten. Noten sind das Geschäft des Bärenreiter-Verlages. »Unser Auslandsgeschäft beträgt über 50 Prozent. Bei Noten ist es leicht, international zu operieren. Man braucht keinen Übersetzer.« Von ihrem Büro in Kassel-Wilhelmshöhe aus hat Barbara Scheuch-Vötterle, Tochter des Gründers und Geschäftsführerin, die Welt im Blick. »Wir haben Zuwächse in Südostasien, Japan und Korea, Hongkong und Taiwan. In Japan gehört es zum guten Ton, ein Klavier im Haus zu haben. China blüht auf. In Nanjing wird eine Bach-Gesellschaft gegründet. Dort wurde vor anderthalb Jahren zum ersten Mal die Matthäus-Passion aufgeführt. Und jetzt beginnt das Geschäft in der Russischen Föderation. Ein interessanter Zukunftsmarkt.«

Seit 1954 gibt Bärenreiter die Neue Ausgabe sämtlicher Werke heraus. Bisher sind 110 Bände erschienen. Weil die Edition sich möglichst nahe am Urtext orientieren soll, sind das Johann-Sebastian-Bach-Institut in Göttingen und das Bach-Archiv in Leipzig für den Inhalt verantwortlich. Erst wenn die Wissenschaft ihr Einverständnis gegeben hat, werden die Noten zum Stechen gegeben, wie es immer noch heißt. Aber die Wissenschaft nimmt sich Zeit. Bach-Forschung ist ein Geduldsspiel, über vielen Funden liegen Zweifel, weil es keine Autografen sind; in Abschriften können sich Fehler eingeschlichen haben. Die Herkunft vieler Werke ist nicht gesichert. Die berühmte d-Moll-Orgel-Toccata, die jeder im Ohr hat, und sei es als Klingelton im Handy, ist möglicherweise gar nicht von Bach. Andererseits hat Bach vermutlich sehr viel mehr komponiert als die 1127 Werke, die im Bach-Werke-Verzeichnis registriert sind.

Bach ist ein Universum. Und ein Rätsel. Seit 255 Jahren tot, ist er lebendig wie nie. Sein Lebenswerk ist ohne Vergleich. »Er schuf die gelehrteste und zugleich am tiefsten durchseelte Musik«, erkannte Ernst Bloch. Für Pablo Casals war Bach die Quintessenz, für Max Reger Anfang und Ende aller Musik. Dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler erschien der Unsterbliche wie der waltende Weltgeist, der Weltenbaumeister selbst. »Er steht für etwas Größeres in uns«, spürte Yehudi Menuhin, und Hermann Hesse schrieb: »Diese Musik ist Tao.«

Sein Werk türmt sich himmelwärts. Kaum fassbar die zeitlose Frische des Weihnachtsoratoriums in der Aufnahme – sagen wir, mit dem Münchner Bach-Chor unter Karl Richter von 1965. Ungezählt die Einspielungen der Goldberg-Variationen. Kein Ensemble der historischen Aufführungspraxis, das Bach nicht in die Mitte der Welt gestellt hätte, allen voran Sir John Eliot Gardiner, der im Bach-Jahr 2000 mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists eine spektakuläre Pilgerfahrt in 14 Länder unternahm, um das Gesamtwerk der Kantaten jeweils an ihrem Platz im Kirchenkalender aufzuführen.

Bach nährt alle und wird nicht müde dabei, ein ewig sprudelnder Quell der Improvisation. Popgruppen lassen ihn grooven, Jazzer nehmen ihn auseinander und setzen ihn neu zusammen, wie Jacques Loussier (Play Bach) oder George Gruntz (Jazz Goes Baroque). Uri Caine trägt die Goldberg-Variationen nach Dixieland, Bobby McFerrin verwandelt Bach in Lautmalerei, Ornette Coleman lässt ihn im Kosmos des Free Jazz schweben. Und das Seltsame ist, das alles nutzt ihn nicht ab. Es kann ihm nichts anhaben. Er leuchtet für und für.

Der vollständige Artikel kann über diesen Link nachgelesen werden!

Gruß

Volker

(Die Genehmigung zur Veröffentlichung wurde mir von © DIE ZEIT erteilt!)

Kommentare:

Iris hat gesagt…

Hallo, Volker,
danke für den tollen Artikel. Wir bekommen zwar seit Jahren Die Zeit, aber bei der genannten Ausgabe muss ich regelrecht gepennt haben. In Zukunft werd` ich ein bißchen genauer lesen. Aber jetzt erst einmal den Artikel über unseren Superstar; ich hab` ihn mir der Einfachheit halber ausgedruckt.
Herzl. Gruss
Iris

Volker hat gesagt…

Hallo Iris,

es handelt sich hier zwar um einen etwas älteren Artikel aber es ergeht einem so wie mit Bach seiner Musik, immer aktuell und zu jederzeit zu geniessen.

Gruss
Volker

adamo hat gesagt…

Liebe Bach-Freunde!

Habe den Artikel jetzt auch gelesen. Man taucht bei Bach halt ein in ein 'unsichtbares Reich'und erhält neue Kräfte. Interessant die Bemerkung über Bach's Sprache (Picander, v.Ziegler, Lehms u.a.), die gerade in Übersee und Japan verinnerlicht wird und gar nicht als schwülstig empfunden wird. Es kommen bei Bach halt die Elementarfragen unseres Lebens in ziemlicher Radikalität (Angst, Tod, Urvertrauen, Barmherzigkeit usw.) zur Sprache-, gerade das sind die heilenden Kräfte, die viele suchen.

Einstiegscode heißt SDG

Gruß

Wolfgang

Volker hat gesagt…

Hallo zusammen,

@ Wolfgang, danke für deinen Kommentar, da nanntest Du als Einstiegsdroge "SDG" genau so hat es Bach gewollt und seine Insignien werden heute gerne und reichlich verwendet.

Eine Aussage in der Veröffentlichung von DIE ZEIT stört mich, hier der Textlaut:

"Der erste uns bekannte Bach war ein Asylbewerber, Veit Bach, um 1555 in Ungarn geboren, wegen seines lutherischen Glaubens verfolgt. Er kam als Weißbäcker ins thüringische Wechmar und spielte bisweilen nebenher auf der Zither."

Da ist die Bachforschung heute doch schon weiter und räumt mit dem Ammenmärchen "Ungarn" auf. Die Wurzeln der Bache lagen nicht weit entfernt von Wechmar, in Böhmen waren sie beheimatet und sollen Verwandschaftliche Beziehungen zu Thüringen besessen haben.
Hier bin ich gespannt auf weitere Erkenntnisse in der Bach-Forschung.

Grüße
Volker