Samstag, 22. März 2008

Händels "Brockes-Passion" in der Kölner Philharmonie

Blogger Montanus hat gesagt...

Zum Thema: "Händels Brockes-Passion"

Bevor die Passionszeit und ihre Musik aus dem Blickfeld rückt, möchte ich doch noch ein paar Impressionen meines Konzertbesuchs in der Kölner Philharmonie loswerden.

Die Wahl fiel nicht leicht: Gleichzeitig wurde Bachs Matthäus-Passion mit den Chören des Kölner Doms in einer schönen Barockkirche dargeboten.
Ich entschied mich für Händel, weil ich sein Werk (den Empfehlungen in unserem Forum folgend) kennen lernen wollte – und weil Händels Musik mir momentan besonders nahe steht, bin ich doch am Ostermontag Chorsänger in seinem „Messias“. Außerdem weckte der Besuch der Brockes-Passion von Fasch (wenig vorher in einer Kölner Kirche) mein Interesse für die Händelsche Version - in gleicher Weise wie 2007 Reinhart Keisers Brockes-Passion unter Leitung des fulminanten Christophe Rousset.
Kurz gesagt: Ich wurde ganz und gar nicht enttäuscht!

Trotz prominenter Interpreten, die eine hochkarätige Aufführung versprachen, war der Konzertsaal bedauerlicherweise nur gut zur Hälfte gefüllt. Es muss für die aktuellen Konzertbesucher wohl immer BACH sein, den kennt man, der gehört seit Generationen zur Saison, und dafür sprechen etwa zehn Passionsaufführungen dieses Jahr in Kölner Kirchen und Konzertsälen (und unendlich viele Aufnahmen).

Die Protagonisten der Aufführung schienen in dieser Kombination zunächst überraschend:
Herreweghes Collegium Vocale Gent, die Akademie für Alte Musik Berlin, Dirigent: Marcus Creed. Doch das Ergebnis war überzeugend, wie aus einem Guss.
Der Chor (4 Damen im Sopran, je 3 Herren in Alt, Tenor und Bass) sang flexibel, leicht und ausdrucksvoll, das Orchester (Streicher, 2 Oboen, 2 Fagotte und B.c.) spielte auf „Period Instruments“ auf höchstem Niveau.
Aus der Solistenriege mit Hans Jörg Mammel (Evangelist), Brigitte Geller und Christine Landshamer (S), Alexander Schneider (A), Sebastian Noack (B) ragte James Gilchrist hervor, der hochdramatische wie lyrische Arien mit Leidenschaft interpretierte.

Und das Werk? Zunächst hatte ich Befürchtungen, der Abend könnte lang(weilig) werden. Doch hatte Creed das über dreistündige Opus geschickt auf zwei Stunden gekürzt: Einige Nummern entfielen ganz, von verschiedenen Arien brachte er nur den A-Teil (mit Ritornell-Abschluss). Brockes’ Text mag drastisch bis kitschig sein, aber er inspirierte Händel (und nicht nur ihn) zu überaus abwechslungsreicher Musik. (Und ist uns diese barocke Sprache nicht schon aus Bachs Vokalmusik vertraut?)

Fazit: Ein unvergessliches Musikerlebnis!

Ein frohes Osterfest wünscht
Montanus.

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P.S.
Diese Konzert-Rezension ist so vortrefflich von @Montanus, erstellt worden, dass ich mich genötigt sah, dass als einen eigenständigen Beitrag ins Forum zu stellen, es nur unter Kommentare zu belassen, wäre zu schade. Ich hoffe, das Einverständnis von Dir lieber Montanus zu haben.

Allen ein schönes Osterfest und Grüße

Volker




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Kommentare:

Volker hat gesagt…

Hallo Montanus,

Dir ist ein fantastischer Konzertbericht gelungen, der einfach als ein Hauptbeitrag im Forum aufzufinden sein muss,

Ich hoffe, Dir sagt das auch zu und bist auf so einer Web-Präsentations-Seite zum auffinden einverstanden.

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Zur Vertiefung nochmals die Historie vom Brockes Text:

Etwa ab 1700 wurde das gesamte Passionsgeschehen in der Art eines Librettos nachgedichtet,
so beispielsweise in "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus, aus den vier
Evangelien in gebundener Rede vorgestellt" des Hamburger Ratsherrn Barthold Heinrich Brockes.

Dieses Werk war durch Vertonungen von Reinhard Keiser, Georg Philipp Telemann, Georg Friedrich Händel und Johann Mattheson allgemein bekannt. Nahezu alle diese Vertonungen des Brockes-Textes entstanden in Hamburg, wo es ein blühendes emanzipiert - bürgerliches Musikleben gab.

So wurden die Passionsoratorien neueren Stils in Hamburg sogar außerhalb der Kirchen auf Bühnen und in Privathäusern aufgeführt.

J.S. Bach verwendete in der Johannes Passion bei den Arien-Texten fast alles aus dem Brockes-Text, die allerdings nur stark umgestaltet vertont wurden.

Es wird sogar vermutet, dass Bach jeweils als Arie, z.B. in einer Georg Friedrich Händel zugeschriebenen
Passionsvertonung oder in einer Komposition von Johann Mattheson, als Kopist für seine Johannes Passion fündig geworden ist.

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Für deine großartige Konzert-Rezension nochmals meinen herzlichen Dank.

Herzliche Grüße

Volker

Anonym hat gesagt…

muriel hat gesagt…

Lieber Volker,

ich finde die Rezension nicht hilfreich für eine arme Bachfanatikerin, die nicht dabei sein konnte.

Ich hörte in Baden-Baden, im teuersten Musikschuppen von Telemann die Brockespassion mit Riaskammerchor, Akademie für alte Musik unter Jakobs mit mir sonst nicht bekannten Solisten. Der Besuch war ziemlich kläglich, Chor und Orchester vorzüglich, Solisten sehr durchwachsen.

Das alles wurde vom SWR übertragen. Telemanns Musik ist gut, aber - lieber Montanus - Brockes? Erst wenn man diese Texte hören musste, lernt man die Tiefe der Bachschen Texte schätzen. Was Telemann da für einen Wahnsinnsunfug vertonen musste, ganz erstaunlich, dass noch ein echter Telemann heraus kommt.

Wenn Montanus über den mäßigen Besuch der Händelschen Brockespassion klagte, dann nehme ich mal an, die Leute fliehen vor solchen Ergüssen - natürlich ist das nicht der Grund, nur mein Wunsch.

Bei aller Liebe, irgendwie spielt der Text doch eine Rolle und Bach steckte eben in der Bibel drin, und ich behaupte mal, alle Komponisten, die sich an der Bibel orientierten, sind über sich hinausgewachsen, z.B. Händel mit dem "Messias".


Danke für Deinen Hinweis auf die "Matthäuspassion" mit Koopmann. Ich sah Ausschnitte davon bei Youtube und war sehr angetan. Die Frage ist jedoch, ob die CD klanglich besser ist als die DVD. Die CD kostet übrigens bei jpc 14 €.

Ein gesegnetes Osterfest, eure (fromme) muriel

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P.S.
Liebe Muriel,
danke für deinen ausführlichen Kommentar, da er ausführlich die Brockes-Passion beinhaltet, habe ich den Kommentar zusätzlich nach hier verschoben.

Dir wünsche ich auch ein schönes Osterfest,
liebe Grüsse
Volker

Anonym hat gesagt…

Hallo Montanus,

ganz herzlichen Dank für Deine Eindrücke. Ich muss gestehen, ich hatte, nachdem ich Übertragung aus Oslo aufgenommen und gehört hatte, die ganze Woche mit mir gekämpft, ob ich mich in den Zug werfen sollte. Es sollte nicht sein, ich bin auch im Nachhinein noch traurig darüber trotz der wunderbaren Aufnahme, die ich mehrfach gehört habe. James Gilchrist hatte aber auch die dankbarste Partie mit sowohl heftigen als auch sehr eindringlichen Arien. Sehr gut hat mir auch der Evanglist gefallen. By the way - kannst Du Dich noch erinnern, wer die letzte Tenorarie (51 Brich brüllender Abgrund)gesungen hat? War das Mammel oder Gilchrist? Peinlich - ich kann es nicht raushören.

Muriel, Du hast schon recht - der Text ist grausam. Aber mindest so grausam sind viele Texte in den Bachkantaten. Wenn man nur die Texte liest, sind sie doch absolut außer jeglicher Erlebniswelt für uns im 21. Jahrhundert. Aber - wenn die Musik dazu kommt, dann passiert oft dieses Wunder, dass Musik und Text zusammen so unglaublich Emotionen wecken können und plötzlich, auch wenn die Worte furchtbar sind, etwas zum Klingen bringen und ein tieferes Verständnis erzeugen. So ging es mir mit der Brockespassion. Ich las den Text und war versucht alles in den Papierkorb zu werfen. Ich hörte die Musik mit dem Klavierauszug vor der Nase und fand mich plötzlich in Gedanken und Emotionen wieder, die ich seit meiner Jugendzeit nicht mehr hatte. Was steckt alles an Dramatik, Gefühlen, Angst, Liebe und was weiß ich noch alles in der Passionsgeschichte. Die Bibel gibt eigentlich nur das Gerüst, und ich muss es selbst füllen. Bzw. tat dies in seinerzeit angemessenen Worten Brockes und ich "übersetze" es für mich in meine Sprache, wobei Händels Musik seinen Teil dazu beiträgt, dass ich keine "Worte" mehr brauche.

Bach's Passionen sind einfach das Größte, aber die Aufnahme der Brockes Passion von Händel wird in Zukunft seinen Platz bei den CDs haben, die ich in der Passionszeit höre - genauso wie Aufnahmen von Telemann, Loewe und anderen Komponisten.

Frohe Ostern Euch allen
Barbara

Volker hat gesagt…

Hallo zusammen,

ich möchte auf eine ausführliche Beschreibung aufmerksam machen von der Brockes Passion von G.F. Händel.

Die PDF-Broschüre kann im Internet unter dem nachstehenden Link runtergezogen oder angesehen werden, so umfangreiches Material zur Geschichte des Brockes Textes habe ich noch nicht vorgefunden.

Zum Link über Google-Suche nachstehend:
Hier klicken

dort folgendes aufrufen:
Programmheft Brockes-Passion
Dateiformat: PDF/Adobe Acrobat
Programmheft.FH10 Tue Mar 29 22:04:00 2005 Seite 5. 5. BROCKES PASSION. Synopsis. I. PROLOG. Der Evangelist. II. ABSCHIED. Rituelles Mahl. Die Idee. ...

Grüsse an alle
Volker

Anonym hat gesagt…

Hallo Volker,
und hier ist der direkte Link zum Kölner Programmheft:
http://www.koelner-philharmonie.de/programmhefte/2008-03-07.pdf
Gruß
Barbara

Volker hat gesagt…

Hallo Barbara,

ja, deine Link-Angabe ist von dem Konzert in der Kölner-Philhasrmonie, ist auch sehr umfangreich und ergiebig, mein Link ist auf den Karl-Foster-Chor, Berlin, mit ihrem Konzert vom 9.3.2005 in der Berliner Philharmonie gesetzt, aber beide sind überragende Informationsquellen.

Schönen Abend und Grüße

Volker