Montag, 28. April 2008

Meine Anmerkungen zur Bach-Literatur: Buch von R. Schneider, "Die Offenbarung"

@muriel sagt:

Hallo,

im Themenkatalog suchte ich vergeblich den Beitrag zur Bachliteratur. Es ging damals um das Buch des Österreichers Robert Schneider, „Die Offenbarung.“



Gerade lese ich das Buch von R. Schneider, Die Offenbarung, zu dem schon einiges in unserem Forum angemerkt wurde. Ihr entsinnt euch! Das Buch ist von dem glänzenden Einfall getragen, dass ein Laien-Organist in der Wenzelskirche in Naumburg in der Hildebrandorgel das Manuskript eines unbekannten Werks J.S.Bachs findet. Darin ist vertextet und vertont die Offenbarung nach Johannis.

Hier ein Auszug:

"Ich habe die vergangene Nacht etwas Unglaubliches erlebt.“ Es geht um die Mappe, die ich dir gezeigt habe (Das Manuskript des Oratoriums). Das ist gar keine Musik, wie ich sie bisher verstanden habe.
Klang, Rhythmus. Freilich, das alles ist sie auch, oberflächlich betrachtet. Aber in diesen Noten liegt noch etwas Tieferes. Etwas, das ich nicht erklären kann. Ich glaube, dass Bach in diesem Werk eine Grenze
überschritten hat, die in einen unbekannten Raum führt, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dasselbe sind. Ich weiß nicht, wie ihm das gelungen ist, aber plötzlich konnte ich einige Momente lang in die Zukunft sehen. Es klingt verrückt, aber die Partitur kann weissagen.

Das Musikalische ist nur die Oberfläche. Darunter liegt eine Botschaft verborgen..." (S.181)
Die Lesende liest in dem Buch die Beschreibung dieser unerhörten Musik - etwas kann sie an "Dr.Faustus" erinnern. Aber eigentlich spielt alles in einem viel graueren Alltag als die Geschichte von T.Mann. Nach-
wendezeit, das Städtchen Naumburg, erstaunlich, wie der Österreicher darauf gestoßen ist.

Man lernt die Chefs der Bachgesellschaft aus der Sicht des Laienmusikers kennen, alles zutiefst unsympathische Gesellen, nur der Japaner (!) ist zuerst ein Sympathieträger. Natürlich ist auch der unendliche Ossi – Wessistreit allgegenwärtig und der Vater des Helden ist ein Neonazi. Der Hauptakteur ist im Grunde eine "arme Sau", fast Alkoholiker, zutiefst verunsichert - der ewige Looser.

Aber Bach ist sein Lebenszentrum. Bach lässt ihn atmen und zu sich kommen. O.k. der Leser soll die Storry selber zu Ende lesen.

Von Bach und Musik hat der Verfasser eine Menge Ahnung. Ihr wisst ja alle, dass in Naumburg Bachs Schwiegersohn Altnikol wirkte und die Hildebrandorgel ist wirklich damals restauriert worden und ein Staatsstück. Wer von Schneider andere Bücher las, weiß, seine Bekanntheit begann mit einem Musikroman "Schlafesbruder", der auch verfilmt worden ist. Und in "Kristus", einem Schinken über die Wiedertäufer in Münster, spielt die Musik auch eine Rolle. Vielleicht ist der Roman "Offenbarung" nicht ganz geglückt, aber spannend ist er allemal und der Wunsch(traum), dass eines Tages so ein Manuskript auftaucht, ist bei uns allen wohl präsent.

Über weite Strecken hatte ich den Eindruck, der Held sei mit seinem Bach und allen seinen furchtbaren Gefühlen sehr einsam.

Noch als Nachtrag, im gefundenen Notenkonvolut befindet sich auch Bachs Perücke und die Theorie des Protagonisten über die H-Moll-Messe ist diese: Bach habe die Messe aus vielen Stücken zusammenge-
stellt, weil er so beschäftig mit seinem Hauptwerk war, eben dem beschriebenen Oratorium.

Lesen sollte man das, einfach zu Entspannung. Ich fragte mich bei den Musikerzählungen, ob das wirklich Bach und nicht eine Autorenvorstellung von Bachscher Musik ist.

Liebe Grüße
muriel

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Anmerkung:

Link zum alten Beitrag der Buchveröffentlichung !!
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@volker /admin

Kommentare:

Volker hat gesagt…

Hallo muriel,

das Haupt-Thema findest Du immer unter Kategorien rechts am Blog-Rand unter " Kategorien - Themen "
. Literatur zur Klassischen Musik (9)

Oder Suche im Web oder im Forum

Geben Sie Ihre Suchbegriffe ein
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Den bisherigen Beitrag gebe ich hier nochmals an:

Link: Hier klicken

Danke für deinen ausführlichen Inhalt zur Buchveröffentlichung.

Gruss
Volker

Anonym hat gesagt…

acHallo muriel, lieber volker!

Ich freue mich, dass muriel nochmal eingeht auf die fiktive Entdeckungsgeschichte eines letzten Bach-Werkes, welches das Bach-Verstehen revolutionieren könnte, weil tiefe menschlich- psychologische Schichten-, z.B. individuelle Schuld,im Hören Bach'scher Motive angesprochen, aus der Psyche gebuddelt und geheilt werden könnten.

Ich war anfang des Jahres von dem Bach-Buch R.Schneider's fasziniert. Hatte in Marburg ein längeres Gespräch mit dem Autor geführt und sogar im Januar die Wenzelskirche in Naumburg besucht. Leider ist sie im Winterhalbjahr geschlossen und auch die Organistin wollte mir nicht aufschließen.
Seis drum. Ich war dieser Orgel nahe und fahre bei Gelegenheit mal wieder hin.

Die von mir angestoßene Diskussion im blog verlief dann im Sande !!!

Mittlerweile läßt sich feststellen, dass R.Schneider Die Offenbarung in keiner Bestseller-Liste aufgetaucht ist. Nur wenige Literatur- oder Bach-Fans hatten diesen literarischen Volltreffer gewürdigt. Immerhin ist R.Schneider auf dem Bach-Fest in Leipzig groß angekündigt. Ich hab eine Karte meiner Frau geschenkt, die ihn hinfährt.

Lieber @muriel: vgl. S.138 'er hat etwas noch viel Größeres geschaffen! Etwas, das über die Musik selbst hinausgeht!' Was?-, es wachsen Heilungskräfte in mir ... S.162-170

Gruß

@Wolfgang

Anonym hat gesagt…

Lieber Wolfgang,

ich las das Buch in zwei Tagen (Wochende) und bin hin und her gerissen. Spannend, auch mit Tiefe, Naumburg, ich lebte zwei Jahre dort, erkannte ich wieder. Und dann die Musik und ihre Kräfte. Wie gefiel dir der Schluss? Mit einem grobialen alten Bach und mit dem Fußtritt vom armen Würstchen Altnikol?

Schönen Dank noch, durch dich war ich auf das Buch gestoßen, obwohl ich schon länger Schneiderleserin bin.

Liebe Grüße
muriel

Anonym hat gesagt…

Lieber Muriel!

Leider erst jetzt finde ich Deinen Kommentar zu Schneider's 'Offenbarung'. Meine Bitte: Nimm und nehmt dies Buch nochmal zur Hand!
Gerade weil diese literarische Fiktion-, die doch jeden Tag wahrscheinlich werden kann (vgl.die letzten Bach-Funde) so wichtig ist, will ich Deine Frage beantworten: "Wie findest Du den Schluß?"

Schwiegersohn Altnickol stößt das Manuskript zurück in den Staub des Balghäuschens (S.285). Meine Ansicht: Dies war eine gute Lösung. Denn-, was wäre mit der Psyche des Menschen geschehen, wenn da ein Werk gewesen wäre, dessen Hören die Kraft der Sündenvergebung verspricht.
Damals im blog-Beitrag war meine Frage ja:
"Ist es vorstellbar, dass Bach’s Musik den menschlichen Geist so beflügelt, dass ein Mensch sein Leben vorausschauen kann-, er sich seiner Schuld bewußt wird und er selbst vergeben kann?"

Wäre dann die Kraft der Bach-Musik, die ich ein wahres 'Vademnecum' nennen, nicht mehr im Gespräch?

Gruß

@Wolfgang

Ich freue mich, wenn Du darau nochmal eingehst.

Gruß

@Wolfgang