Samstag, 19. Juli 2008

Interview: The Observer mit J. E. Gardiner

Hallo,

nun meine versprochene "Deutsch-Übersetzung" des Interview vom "The Observer", von @Alex, dafür herzlichen Dank.

-------------------------------------------------------------------------------





John Eliot Gardiner, Dirigent

Dirigent und Gründer des Monteverdi Choir. Hat mehr als 250 Alben eingespielt.

-------------------------------------------------
Interview von Ally Carnwath
The Observer,
Sonntag, 29. Juni 2008
------------------------------------------------

Der fünfundsechzigste Geburtstag hat mich in keiner Weise aus dem Lot gebracht. Ich bin heute zufriedener und in besserer Verfassung als vor zwanzig Jahren. Fünfundsechzig ist für einen Dirigenten noch kein Alter. Es gibt keinen Grund oder Motiv aufzuhören, vorausgesetzt man ist noch im Vollbesitz seiner Kräfte – Sehen, Hören, Denken – und das bin ich hoffentlich. Schließlich ist jetzt die Erfahrung da, die man braucht, um wirklich loszulegen und Geleistetes noch zu übertreffen. Mag sein, dass man zwischen den Projekten etwas längere Verschnaufpausen braucht, meine Frau rät mir dringend zu einer solchen. Auch kann ich nun nicht mehr mit dem Chor und dem Orchester ganze Nächte durchmachen, wie ich es in meinen Zwanzigern getan hatte. Fünf Konzerte in sieben Tagen, das war bei uns normal, und bei den ganzen Feiern zwischendurch kam der Schlaf schon mal zu kurz.

Aber der Hunger nach Musik und das Arbeiten mit verschiedenen Orchestern, das sind Dinge, die nicht einfach nachlassen. Sollte dies dennoch eines Tages passieren, ich wüsste, der Moment fürs Aufhören wäre gekommen.

Manche Dinge fallen mir heute sogar wesentlich leichter. Im Alter gehen die Leute mit einem etwas anders um. Als aufstrebender Dirigent macht man erst einmal die Hölle durch, Orchestermusiker sind – völlig zu Recht – eine sehr kritische Spezies, und diese Skepsis kann auch auf den Dirigenten selbst abfärben. Bei meinem Landgut denke ich an Neubepflanzungen, die sich vielleicht in 50, 60 oder 80 auszahlen werden. Der Himmel weiß, wer dann der Landeigentümer sein wird und davon profitieren wird, aber mein Vater und mein Onkel, die haben unglaublich viel für die Rekultivierung dieser Gegend getan, und mein Herz schlägt jedes Mal höher, wenn ich raus in den Forst trete, es ist so beglückend, die Früchte ihrer harten Arbeit wachsen zu sehen.

Solange die Leute deine Konzerte besuchen und deine Aufnahmen kaufen und von dir lernen wollen, ist die Welt rund, du bist noch nicht marginalisiert. Klar, sollte ich auch nur andeutungsweise dieses Gefühl bekommen, da kann ich Sie beruhigen – ich werde mich auf der Stelle vom Acker machen.

-------------------------------------------------------------------------------------------

Interview übersetzt aus dem Englischen
Die Urheber-Rechte bei "Guardian":


Diese Seite wurde von ©Alexander Behrens für ©"Diskussionsforum J.S. Bach und die Cantata Pilgrimage 2000 und sonstige Klassik-Themen", übersetzt.

-----------------------------------------------------------------------------------------

Grüsse an alle

Volker

Kommentare:

Volker hat gesagt…

Hallo,

mein Dank an @Alex, für diese Übersetzung des Gardiner-Interviews.

Wünsche allen viel Spass beim lesen und würde mich über Rückmeldungen freuen.

Gute Nacht

Volker

Anonym hat gesagt…

Hallo Volker,

daaaaanke an Euch. Ich dachte ja, ich hätte es einigermaßen verstanden, aber einige Feinheiten waren mir doch entgangen....

Viele Grüße
barbara

Iris hat gesagt…

Hallo, Alex, hallo Volker,
ich hatte ja zwar auch schon übersetzt, aber lange nicht so viel Feinheiten rausgekitzelt wie Du! Danke für alle Mühe!
Euch allen einen schönen Sonntag!
Herzl. Gruss
Iris