Mittwoch, 10. September 2008

Bach Festtage Köthen - Impressionen zur Bach's Johannes-Passion am 3.9.2008

@Barbara sagt:

Hallo,


Flyer zur Johannes Passion




Foto: Aufführungsstätte: St. Jakob Kirche in Köthen (© Copyright V.Hege)

Bach – Johannes-Passion im September – wie soll das gehen?
Das habe ich mich gefragt, als ich im Zug nach Köthen saß. Aber vielleicht ist es ja eine Chance, dieses Werk einmal nicht als "Gottesdienst" zu hören, sondern als reines Konzert und die Musik von einer anderen Seite zu begreifen. Dachte ich, dachte ich aber falsch. John Eliot Gardiner hat es geschafft, vom ersten Takt an Chor und Orchester zu einem solch intensiven Musizieren zu motivieren, dass mir manchmal fast der Atem stockte. Ob es die leisen kontemplativen Stellen oder hochdramatische Stücke waren, egal, es war einfach fesselnd. Jedes Mal, wenn ich den Monteverdi Choir höre – und das gilt im selben Maße auch für die English Baroque Soloists -, bin ich verwundert, wie weit gesteckt die Grenzen dieses Chores sind. Sie singen einfach das Unmögliche – und es klingt und berührt.



Foto: Der Monteverdi Choir wartet auf seinen Auftritt. Während des Konzertes in der Jakobskirche galt striktes Fotografier-Verbot. (MZ-Foto: Heiko Rebsch) Genehmigung zur Veröffentlichung von der MZ am 8.9.2008 erteilt !

Es liegt nahe, dieses Konzert mit dem vom Karfreitag in Wolfenbüttel zu vergleichen. Aber das ist m.E. nicht richtig. Karfreitag dachte ich, dass diese Aufführung nicht zu toppen ist. Ich wurde eines besseren belehrt. Wobei ich nicht glaube, dass eines von beiden besser war, das Zweite jetzt habe ich einfach als viel intensiver empfunden. Die Solisten waren fast komplett ausgetauscht.

Einzig Nicholas Mulroy und Matthew Brook als Pilatus sangen in beiden Konzerten. Dieser hat mich wieder dazu gebracht, darüber nachzudenken, wieso ein so selbstbewusst polternder, dominant und aggresiv wirkender Pilatus zum Schluss so den Schwanz einzieht. Es ist halt so, wer am lautesten brüllt (nicht dass Matthew Brook gebrüllt hätte), hat am meisten Schiss. Und die "Eilt"-Arie – meine Güte – dieses Drängen, dieses Getriebensein, diese Verzweiflung waren fast nicht auszuhalten.

Katherine Fuge gelang der Spagat zwischen der tänzerisch leichten und der zweiten, tiefste Not ausdrückenden Arie sehr beeindruckend. Die Alt-Arien wurden von Claire Wilkinson gesungen, die für mich eine der besten Mezzo-Sopranistinnen und auf unnachahmliche Art und Weise Schmerz auszudrücken weiß. Allerdings verstehe ich jetzt unseren Kirchenmusiker, der nur für die Stelle "Der Held aus Juda siegt mit Macht" für die letzte Johannes-Passion, die ich mitgesungen habe, einen Altus engagiert hatte. Hier war das Orchester doch ein wenig zu stark für ihre sensible Stimme.


Foto: Mezzo-Sopran Claire Wilkinson (© Copyright V.Hege)

Die Tenorarien wurden aufgeteilt. Die 1. Arie sang James Gilchrist – zu ihm komme ich noch - , die Zweite "Erwäge" Nicholas Mulroy. Einen so schönen, zarten Regenbogen habe ich noch nie gehört. Es war wirklich zum Luftanhalten. Weil – wenn ich geatmet hätte -, wäre der Regenbogen weg gewesen. Die letzte Arie für Tenor sang Jeremy Budd. Die Bass-Arien, wie schon erwähnt, sang Matthew Brook bis auf "Mein teurer Heiland", wofür Peter Harvey – warum auch immer – von seiner Kanzel stieg, von der aus er den Christus wunderbar warm, sehr menschlich und sehr eindringlich sang. Mit einer solchen Wärme habe ich ihn noch nie singen hören.

Und zum Schluss der, der alles zusammenhielt – der Evangelist James Gilchrist. Er hat diese "Geschichte" unglaublich persönlich erzählt. Er lebte diese Geschichte, aber es wurde nie theatralisch. Ich hatte das Gefühl, da nimmt mich einer an die Hand, führt mich durch eine unglaublich aufwühlende Geschichte, schont mich nicht, führt mir die ganze Angst und Wut und Dramatik und Brutalität höchst bewegend vor, geht absolut an die Grenzen des Machbaren und Ertragbaren, aber er hält meine Hand fest und lässt mich nicht damit allein. Und wenn jemand noch einmal etwas über blutleere, kraftlose englische Tenöre schreibt, der hat – sagen wir es einmal milde – dieses Konzert nicht gehört. Was ganz klar gemacht hat, dass Verallgemeinerungen schlicht und ergreifend unzutreffend sind. Ich gebe zu – ich kenne dieses Werk praktisch auswendig -, aber wenn die Veranstalter die Besucher nicht so eng in die Reihen gepackt hätten, hätte ich nicht nur einmal auf dem Boden gesessen. So habe ich mich ob der Kraft in der Stimme von James Gilchrist erschrocken.

Ja – dies war wirklich keine Gute-Nacht-Geschichte, ich habe in der Nacht danach kaum geschlafen. Aber es war ein Konzert – mehr als ein Konzert – von dem ich noch lange zehren werde und für das ich allen Mitwirkenden tiefsten Respekt zolle.

Fazit: Johannes-Passion im September geht, aber WO im Juli – das sollte mir lieber keiner anbieten.

Grüsse

Barbara




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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Liebe Barbara,

mir stockt der Atem,
so eine persönlich empfundene Konzertwiedergabe als Rezension habe ich im Web noch nicht gelesen, Du schilderst so wunderschön und eindringlich deine Gefühle zu dem Erlebten, dass einem ein Schauer über den Rücken läuft und man der Meinung ist, das Konzert persönlich besucht zu haben.

Sicherlich kenne ich wie Du unsere Monteverdi-Strategen nur zu gut, aber ich stimme Dir vollends zu, in den grossen Werken sind sie für mich einfach die größten Künstler, sie verstehen es fantastisch einen zu packen und die Musik und die Worte lebendig und mehr als berührend verständlich zu machen.

Dafür danke ich Dir erst einmal von ganzem Herzen für deine immense Arbeit die Du geleistet hast und den fantastischen Bericht.

Liebe Grüsse
Volker

Anonym hat gesagt…

Hallo Barbara, das war eine packende Darstellung, ich wäre gerne dabei gewesen! In Gardiners Nähe wird man mit jedem Jahr jünger, gell? Alex

Iris hat gesagt…

Liebe Barbara,
Dein Bericht ist einfach spitze, nicht zu toppen! Deshalb bin ich auch ganz ruhig und danke Dir herzlich für die geschilderten Empfindungen und Eindrücke. Sie bewegen mich und Köthen wird mich so schnell nicht loslassen.
Lieben Gruss
Iris

Anonym hat gesagt…

Hallo Barbara und Volker,
vielen Dank für die beeindruckenden Berichte. Es ist wirklich bedauerlich, wenn man das liest und nicht selbst dabei sein konnte. Durch den Bericht kann man dann doch etwas von der Atmosphäre und der musikalischen Meisterleistung erahnen, die Ihr erlebt haben müsst.

Eine Frage habe ich aber doch noch:
In der MZ wurde ein Sturz Gardiners von der Bühne erwähnt. was hat es damit auf sich?

Einen schönen Abend,
Martin