Donnerstag, 11. September 2008

Teil 1, Besuch der Brandenburgische Konzerte III, V, VI, im Spiegelsaal-Schloss-Köthen am 5.9.2008

Hallo,

nach dem Bericht von @Barbara, mit dem Besuch der Johannes Passion, welches wir bewusst ausgelassen haben, beginne ich mit Teil 1, den Brandenburgischen Konzerten im Spiegelsaal Köthen.

Nach der Aufführung der Johannes Passion als Eröffnungskonzert in St. Jakob am Mittwoch, 3.9.2008, im Rahmen der 22. Bachwoche Köthen, war für Gardiner ein freier Tag angesetzt, den wir zur Anfahrt genutzt haben.



Flyer vom Programm im Spiegelsaal




Foto: Das Köthener Schloss mit Spiegelsaal (© Copyright V.Hege)

Im Vorfeld war für mich die Splittung der zu hörenden Brandenburgischen Konzerte von Interesse, was mag Gardiner dazu bewogen haben, in seinem 1. Konzert die Werke III, V und VI im Spiegelsaal aufzuführen.

Das dritte und sechste Brandenburgische Konzert folgen der Form einer italienischen Ouvertüre aus Konzertsatz, langsamem Mittelsatz und Tanz, während das fünfte Brandenburgisch Konzert eine kleine Gruppe von Soloinstrumenten einem Streichorchester gegenübergestellt ist und repräsentieren damit die modernere Form eines „Concerto grosso“ hier ist der Schlusssatz ein Fugati mit einer voll ausgebauten Fuge.

Somit kann die Erklärung wohl auf der Hand liegen, das 3. Und 6. Brandenburgische Konzert sind in ihrer Kompositionsart identisch und bilden eine Einheit und wurden in einer Abänderung in der Programmabfolge als Schlusswerke nach der wiedergegebenen Kantate, aufgeführt.

Das 5. Brandenburgische Konzert weicht in der Kompositionsform von den vorgenannten Werken ab und ist als ein Kontrast-Werk in das Programm aufgenommen worden und als erstes Werk aufgeführt worden.

Als eine willkommene Bereicherung und Abrundung des Programms ist als ein „Juwel“ die Kantate, BWV 170 „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ für Alt-Solo, in das Programm integriert worden.

Diese drei Brandenburgischen Konzertveranstaltungen von Gardiner, Monteverdi Choir und English Baroque Soloists hatten einen immensen Zuspruch und waren nach kurzer Zeit restlos ausverkauft.

Voller Vorfreude betraten wir den historischen Spiegelsaal und waren glücklich, in der ersten Reihe, hautnah am Orchester unsere Plätze vorzufinden. Die Sicht und das unmittelbare Geschehen spielte sich direkt vor uns ab, etwas störend die Enge des Sitzens in den Bänken aber das wurde durch die optimalen Bedingungen des vorgenannten mehr als wett gemacht.



Foto: Der Spiegelsaal, Schloss Köthen, links die Büste von J.S. Bach (© Copyright V.Hege)

Es erklang Kammermusik der feinsten englischen Art, virtuoses Orchester untereinander anspornend und bestens aufeinander abgestimmt, war es ein fulminantes Erlebnis, diesem Ausnahme-Orchester zuzuhören und das unter den gestrengen Blicken von J.S. Bach als Büste im Hintergrund des Cembalos. Er hätte an der Musizierfreude und das großartige Können aller Beteiligten seine helle Freude gehabt.



Foto: J.S.Bach-Büste, eine Kopie, die 1895 vom Leipziger Bildhauer; Carl Seffner; geschaffen wurde.
(© Copyright V.Hege)


Verwundert nahmen wir zu Kenntnis, dass der Sir die Protagonisten alleine die Brandenburgischen Konzerte vortragen lies, er hatte in der 1. Reihe seinen Sitzplatz eingenommen und verfolgte anhand eines vor ihm stehenden - niedrig eingestellten Pultes mit der darauf liegenden Partitur -, schmunzelnd, den Kopf im Takte wiegend, das Geschehen. Nach dem ersten Schluss-Akkord sprang er überglücklich als erster auf und rief in den Raum: „Bravi“, so entfesselt, beseelt und begeistert habe ich Gardiner noch nie in einem Konzert erlebt.



Foto: Begeisterter Sir Gardiner sitzend und zuhörend..!! (© Copyright V.Hege)

Schon nach dem Einsetzen des ersten Taktes kam die Intimität des Spiegelsaales voll zur Geltung und übertrug sich spontan auf die Zuhörer. Das war überirdische Musik, die nicht mehr zu toppen war, die Hörer waren schier aus dem Häuschen und mehr als begeistert. Das Niveau aller zu Gehör gebrachten Brandenburgischen Konzerte war auf dem gleichen künstlerischen Level und entsprachen einem Kunstgenuss auf höchster Ebene und wusste den Zuhörer mehr als zu begeistern.



Foto: The English Baroque Soloists, am Cello der überragende Danny Yeadon.
(© Copyright V.Hege)

Eine ebenso fantastische Wiedergabe erfolgte zwischendurch mit der Kantate, BWV 170 „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust.“ Hier lies es sich der Sir nicht nehmen und übernahm sein geliebtes Dirigat.

Das für Alt-Solo gespickte Werk wurde von einer Könnerin ersten Grades, mit Namen Clare Wilkinson, Mezzo-Sopran, vorgetragen. Ihr Stimmvolumen war optimal für diesen prächtigen Spiegelsaal, ihre Ausdrucksform und Gesangsvortrag war erhebend schön, in einem schönen roten langen Kleid war sie nicht zu übersehen und zu überhören, hier war sie der Mittelpunkt und wusste es durch ihre Gesangs-Kultur prächtig zu untermauern. Sie trug eine Perlenkette und so war es dementsprechend bildlich gesehen ein Perlengesang "
per Excellence" ein wunderschöner Kantaten-Vortrag, der sehr zu Herzen ging. Überglücklich nahm Gardiner sie am Ende an die Hand mit dem Bewusstsein, eine großartige Ausnahmesängerin in seinen Reihen zu haben.



Foto: Clare Wilkinson, Mezzo-Sopran, überzeugende Sangeskunst (© Copyright V.Hege)

Es gibt bei YouTube eine wunderbare Altus-Arie vom BWV 170 "Vergnügte Ruh" von Andreas Scholl gesungen, sie ist unter Herreweghe veröffentlicht worden. Es ist ein fantastischer Altus-Gesang zu hören.

Link: http://de.youtube.com/profile_video_blog?sid=42B00DB5A1191AE6&id=FF04EBF8E01C6987

Der Schlussapplaus nach der Veranstaltung war entsprechend überwältigend, mit Standing Ovatione waren die Besucher überglücklich, es war eine Veranstaltung, die aufgrund der Intimität des Raumes und der Nähe zum grandiosen Orchester alle gepackt hatte. Es war ein Konzerterlebnis, wie man es in diesem Rahmen nur sehr selten erleben kann, so etwas bietet Köthen mit seinem rührigen Spiegelsaal und weiß alle in seinen Bann zu ziehen, hier ist der Geist von J.S. Bach spürbar, und das wurde von den Ausführenden in diesem Sinne entsprechend grandios umgesetzt.
Was will man als Hörer und Konzert-Besucher mehr verlangen...!!

Grüsse

Volker




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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Volker, das hast du phantasievoll mit Schwung rübergebracht! Am meisten hat mich gefreut, wie der Meister seine Achtung vor den anderen Künstlern zeigt, von ihnen begeistert sein kann - mit aller kindlichen Freude - und sie respektiert. Wie schnell er die Rollen wechseln kann zwischen Hörer aus dem Publikum und Leiter, ja wahrscheinlicher noch: da keinen großen Unterschied sieht. Das macht seine Musik so nah. Alex

Volker hat gesagt…

Hallo Alex,

was Du schon in deinem Kommentar erwähnt hast war schon sehr beeindruckend wie Gardiner sein Orchester und Clare Wilkinson begeistert mitgefeiert hat, das ist seine Grösse, einmal persönlich zurückstehen zu können und anderen die Lorbeeren ernten lassen zu können.

Ich gehe wirklich öfters in Konzerte, aber so etwas muss einmal erwähnt werden, denn so eine Situation habe ich noch nie miterlebt und war von dem Verhalten Gardiners mehr als beeindruckt.

Grüsse
Volker

Volker hat gesagt…

Hallo Martin,

danke für deine Rückmeldung, ich antworte Dir einmal an dieser Stelle, da der Sturz Gardiners bei den Brandenburgischen Konzerten Teil 2 (Bach-Saal) ereignet hat.

Ich möchte die Spannung ein wenig aufrecht erhalten und werde dies in meiner Besprechung in Teil 2 entsprechend mit angeben.

Grüsse

Volker

Anonym hat gesagt…

Hallo Volker,
Du hast die Stimmung dieses Konzertes so wunderbar eingefangen, ich bin gleich wieder dort gewesen in Gedanken. Was mich auch noch fasziniert hat neben all dem schon gesagten - da ist einfach nichts mehr hinzuzufügen -, war die die Tatsache, dass im Stehen musiziert wurde. Die Intensität und die Interaktion zwischen den Musiker war nach meinem Gefühl dadurch ungemein größer. War das nicht unglaublich, wie sich die 9 Streicher im letzten Satz des III. Brandenburgischen Konzertes die Bälle, bzw. die Noten zugespielt haben? Ich bin sicher nicht die Einzige gewesen, die hinterher laut gelacht hat. So unendlich viel Lebensfreude war da zu hören.
Barbara

Anonym hat gesagt…

Hallo Volker!

Wenigstens visuell über Deine Bilder und Schilderungen war ich über die Köthener Bach-Tage informiert. Gerne stelle ich mir vor, dass der junge Kapellmeister in Köthen beruflich die glücklichste Zeit seines Lebens verbracht hat, bevor er dann Kantor wurde und sich mit den Widrigkeiten der Vorgesetzten und Thomanern herumschlagen mußte. Den intimen Rahmen von Köthen hatte ich vor dem Bau des neuen Bach-Saals mal kennengelernt.
So strahlen die Köthener Bach-Werke auch eine Freudigkeit und höfische Gelassenheit aus, die ich gerne mal am Orginalschauplatz miterlebt hätte. Gerade lese ich, dass 1822 der ehemalige Thronsaal als Spiegelsaal im klassistischen Stil umgebaut wurde. Also bleibt nur die ehemalige Schloßkapelle als authentischer Raum und die barocke Agnuskirche, in der Bach als guter Lutheraner zum Abendmahl ging.

Dennoch-, in den Interpretationen von Gardiner werden oft historische und atmosphärische Vermutungen betreffs Bach's Umwelt
angestellt (vgl. auch Reisetagebuch der Pilgrimage). Das macht seine Interpretationen zusätzlich interessant.

Wolfgang