Samstag, 13. September 2008

Teil 2, Besuch der Brandenburgische Konzerte I, III, IV, im Johann-Sebastian-Bach-Saal, Köthen am 5.9.2008

Hallo zusammen,

nach dem beeindruckenden Konzert vom Vormittag, das kaum noch zu toppen möglich erscheint, waren wir sehr gespannt, was sich in dem schönen neuen "Johann-Sebastian-Bach-Saal" am Abend des gleichen Tages ergeben würde.



Flyer mit Programm im Johann-Sebastian-Bach-Saal am Abend



Foto: Der neue Johann-Sebastian-Saal in Köthen (© Copyright V.Hege)

Auch in dieser Veranstaltung wurde wiederum eine Programm-Änderung in der Abfolge vorgenommen. Es erklang zum Anfang das Brandenburgische Konzert Nr. II, F-Dur, BWV 1047. Wie bereits am Vormittag, saß Gardiner am Rand des Podiums und war als Hörer und nicht als Aktiver tätig.



Foto: Johann-Sebastian-Saal, Köthen, Blick auf das Podium vor Konzertbeginn (© Copyright V.Hege)

Dieses Werk lebt von der Spannung mit der Besetzung einer Trompete. Der erste Satz ist lebhaft und man hört sofort die Dominanz der Trompete. Der Satz ist nicht umsonst einer der beliebtesten Sätze der Barockmusik. Auf dieses Werk habe ich mich am meisten gefreut und wurde nicht enttäuscht, Im Gegenteil, es wurde eine Wiedergabe auf allerhöchstem Welt-Niveau, den Trompetenpart meisterte ein Juwel unter der Trompetengilde "Neil Brough" absolut perfekt, was in seinen Lungen steckt, um diesen virtuosen Part vortragen zu können, grenzt fast ans menschenunmögliche, von der Statur her besitzt er alle Bedingungen um das umsetzen zu können und das meistert er mit Bravour; zumal Gardiner ihm hier ein sehr schnelles Tempi vorgegeben hat. Das gleiche Tempo wurde in den folgenden zwei Sätzen beibehalten und wurde zu einem glanzvollen Festtags-Schmaus.

Orchester und Trompeter bildeten eine perfekt Einheit und haben einen wunderschönen Konzertbeginn hingelegt, der den Besucher auf das Kommende erwartungsfroh einstimmte.
Nach den drei Sätzen brach tosender Jubel und Applaus aus und ein sichtlich erschöpfter Weltklasse-Trompeter und ein perfekt abgestimmtes und aufspielendes Orchester genossen in vollen Zügen den wohlverdienten Lohn. Der Sir stand enthusiastisch applaudierend am Rand des Podiums und grinste freudig über das ganze Gesicht.

Das ist Barock- (Bachmusik) vom Feinsten und bedeutete für mich ein vorweggenommener Höhepunkt des Abends. Schade, das hätte ich gerne als Schlusswerk gehört, - denn dazu komme ich noch, - dass Brandenburgische Konzert Nr. I war nicht der Rausschmeisser, wie es eigentlich angedacht gewesen war..!!


Foto: Frenetischer Jubel nach dem Brandenburgischen Konzert Nr. 2, BWV 1047, mit der überragenden Vorstellung des Trompeten-Virtuosen: "Neil Brough", im Bild rechts außen. Links daneben Prof. Michael Niesemann, Oboe und Rachel Bekett, Flöte, im Brandenburgischen Konzert Nr. II, BWV 1047 (© Copyright V.Hege)

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Das Folge-Werk, Brandenburgische Konzert Nr. IV, G-Dur, BWV 1049 wurde zu einem Glanzpart für die Violonistin "Kati Debretzeni" hier ist der Violine hochvirtuose Solo-Läufe zugewiesen. Was sie wunderbar technisch auf höchstem Level vortrug, klanglich habe ich etwas an ihrer Geige zu bemängeln, sie hat nicht den warmen barocken Klang, den ich sonst so bei den Baroque Soloists bewundere,



Foto: Die Streichergruppe, zweite von links: Kati Debretzeni wurde mit ihrem virtuosen Violin-Solo-Part gefeiert.
(© Copyright V.Hege)

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Ein weiterer Höhepunkt erfolgte anschließend mit dem "Lamento" von Johann Chrisoph Bach (1642-1703), "Ach dass ich Wassers gnug hätte" mit Clare Wilinson, Alt. Hier nahm der Sir wieder seinen Chefposten ein und spornte mit seinem Dirigat alle Beteiligten wieder zu einer Glanzleistung an.

Johann Christoph Bach, der Eisenacher Organist, Hof-Cembalist und Onkel zweiten Grades von Johann Sebastian, vertont den Propheten Jeremia mit schmerzlich-empfindsamen Lautmalereien. Mit Schlichtheit und mit einer mehr als bewundernswerten Gesangs-Ästhetik, vermag in diesem Lamento Clare Wilkinson restlos zu überzeugen. Das Wühlen von Geige, Bratschen und Continuo in den untersten Registern beim ach so grimmigen Zorn des Herrn - wird überwältigend dargeboten. Leichte Probleme bekommt die Mezzo-Sopranistin in den unteren Lagen, da könnte im Stimmvolumen zugelegt werden, aber die geringe Raumgrösse war hier ihr Vorteil, sie muss in den letzten Reihen mit ihrem Stimmvolumen angekommen sein.
Freudiger, frenetischer Schluss-Applaus bekundete wiederum, dass der Besucher mit dieser Aufführung mehr als zufrieden war.



Foto: Wiederum eine vortreffliche Vorstellung im Lamento durch Clare Wilkinson, Alt (© Copyright V.Hege)

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Das von mir mit Spannung erwartete Schlussspektakel mit dem wunderschönen Brandenburgischen Konzert Nr. I, F-Dur, BWV 1046, in der Besetzung mit Hörnern, wurde fast zum Fiasko. Schon nach dem Wiederbetreten des Podiums nach dem zuvor gehörten Lamento, geriet Sir Gardiner heftig ins Straucheln, er muss eine Stufe des Podiums verfehlt haben und konnte sich glücklicherweise am Cembalo schützend abstützen und einen heftigen Sturz vermeiden. Einmalig in seiner Art, überspielte er diese für ihn glücklich verlaufenen Situation, mit einer fast tänzerischen Schau-Sondereinlage und das Publikum dankte es ihm mit einem Sonderapplaus. Rührend konnte ich sehen, wie der Oboist Michael Niesemann sich sofort um den Sir kümmerte und nach seinem Befinden sich erkundigte.

Das war schon ein heftiger Beginn und setzte sich fort nach dem Einsetzen der ersten Tönen im Brandenburgischen Konzert Nr. I. Ungläubig schüttelte ich den Kopf, die Misstöne der Hörner waren zum Anfang unüberhörbar, was zum Teufel hat den Sir geritten, so eine für mich gesehene wundersame Interpretation der Hörner dem Publikum vorzusetzen? Für mich war die junge Anneke Scott und Gavin Edwards mit dem virtuosen und sensiblen Part für das Horn an diesem Abend überfordert. In dem weiteren Werk wurden sehr laute trompetenhafte Töne - das Orchester wurde schrecklich übertönt -, zum letzten Hallali geblasen, es war fast jazzige Musik. Ich konnte beobachten, dass die Geigerin Kati Debretzeni ob dieses Spektakels ein süss-säuerliches Gesicht bekam und das Publikum vor mir ungläubig darüber den Kopf schüttelten. Das grenzte fast an Jahrmarkts-Töne, leider, gerade dieses Werk bedarf eines sensiblen Spiels des Horns und dann so etwas...!!

Wenn dieses Konzert am Anfang zur Aufführung gestanden hätte, wäre ich dafür dankbar gewesen, es sollte wohl ein Highlight des Abends werden mit der Jazz-Einlage. So ist der sonst so wunderbare Gesamt-Eindruck des Abends ein wenig geschmälert worden und bekam einen faden Beigeschmack. Hier sehnte ich mich als Rausschmeisser-Musik nach dem Brandenburgischen Konzert Nr. II mit dem Star-Trompeter "Neil Brough", da hätte die Halle Kopf gestanden, aber so..!!??



Foto: Gavin Edwards, Horn, links im Bild (© Copyright V.Hege)



Foto: links im Bild die junge Hornistin: Anneke Scott (© Copyright V.Hege)

Ich stelle hier allen Lesern einen Vidoe-Link von jpc zur Verfügung mit dem Anfang des Brandenburgischen Konzertes Nr. I, gespielt von dem Freiburger Barockorchster im Spiegelsaal Köthen, da hört sich das Waldhorn gediegener an. Zum Starten des Videos muss das seitenverkehrte Dreieck angeklickt werden, die Ladezeit dauert ein wenig, bitte Geduld !!

Link: http://www.jpc.de/jpcng/home/detail/-/hnum/6944511/iampartner/seinfo

Trotz des für mich gesehenen Missgeschick mit dem Werk I, waren es zwei wunderbare Konzerte mit den Baroque Soloists und dem wunderbaren Gesang des Mezzo-Sopran: Clare Wilkinson. Der schönste Rahmen war einfach der Spiegelsaal, die Intimität des Raumes und Nähe zum stehenden Orchester, das umwerfende Zusammenspiel der großartig aufgelegten Instrumentalisten war einmalig und haftet weiterhin, was will man mehr...!!

Grüsse an alle

Volker

P-S. Wenn jeweils in das Foto geklickt wird, erscheint eine gesonderte Vergrößerung des Bildes !!




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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo zusammen,

etwas enttäuscht bin ich über die Reaktion über meine Rezension Teil 2 mit den Brandenburgischen Konzerten aus Köthen-Bachsaal. Gibt es keine Empfindungen von Euch dazu?

Meine Kritik an den Hörnern im Brandenburgischen Konzert Nr. 1 ist zwar heftig ausgefallen, aber so habe ich es an dem Abend empfunden.

Teilt jemand diese Meinung und kann eine Referenz-Einspielung vom Brandenbg.-Konzert Nr. 1, benennen ?

Grüsse
Volker

Anonym hat gesagt…

Hallo Volker,
das mit den Hörner ist wirklich Geschmackssache. Ich fand es einfach nur witzig. Ich glaube auch, dass die Akkustik im Saal wirklich nicht die Beste ist. Den Eindruck hatte ich auch bei der Radioübertragung des Abschlusskonzertes. Ich konnte dieses Konzert gar nicht eichtig würdigen, da ich noch so beeindruckt von dem morgendlichen Konzert im Spiegelsaal war. Es hatte einfach nicht diesselbe Klasse. Förderlich war auch nicht, das Kati Debretzini den ganzen Abend unter einer rutschenden Seite zu kämpfen hatte. Sie war ja ständig am Nachstimmen und hat auch deutlich gehemmt gespielt.

Noch eine kleine Anmerkung: Wenn ich mich richtig erinnere, hat bis auf Konzert Nr. 4 John Eliot Gardiner alles am Abend dirigiert.

Viele Grüße
Barbara

Anonym hat gesagt…

Hallo Barbara,

mit der Akustik im Bachsaal war ich ganz zufrieden nur die Hörner, da lasse ich mich jetzt nicht mehr darüber aus...!!

Ich fand auch, dass so zwei Konzerte so kurzfristig nebeneinander liegend doch nicht das Optimum bedeuten. Wir sind auch der Meinung, dass man die Abendveranstaltung besucht hätte und am Samstagvormittag im Spiegelsaal sich das fantastische Konzert erst angehört hätte, dass wäre noch einmal ein wunderschöner Appetithappen gewesen.
Bis man die Konzerte verarbeitet hat, bedarf es doch eine größere Zeitspanne aber so war es zu dicht aufeinander folgend.

Ich fand auch, dass das Feuer und die Begeisterung der Instrumentalisten am Vormittag entschieden großartiger war, am Abend war für mich nur das Brandenburgische Konzert Nr. 2 als ein bemerkenswerter und großartiger Beginn maßgebend, die anderen Aufführungen erreichten nicht das Niveau von Nr. zwei.

Schöne Grüsse
Volker

Anonym hat gesagt…

Hallo,

eine Anmerkung als Ergebnis vom Köthener Bachfest 2008..

Köthener Bachfesttage zu Ende - Veranstalter zufrieden

Die am Sonntag beendeten 22. Köthener Bachfesttage haben die Erwartungen der Veranstalter weit übertroffen. Intendant Hans Georg Schäfer zeigte sich jedenfalls zufrieden: "Das musikalische Niveau und die Besucherresonanz waren hoch." Er habe mit 5.000 Besuchern gerechnet, es seien jedoch weit mehr gekommen, so Schäfer weiter.

Hochkarätige Künstler

Das fünftägige Festival hatten hochkarätige Solisten und Ensembles aus dem In- und Ausland gestaltet. Insgesamt standen 14 Veranstaltungen auf dem Programm. Erstmals wurde im neuen Johann-Sebastian-Bach-Konzertsaal mit 450 Plätzen in der ehemaligen Reithalle des Schlosses gespielt.

Zudem gab es die traditionellen Aufführungsorte, den Spiegelsaal im Schloss und die beiden Kirchen St. Jakob und St. Agnus.

Bach in Köthen

Das Köthener Festival findet aller zwei Jahre statt. Es erinnert an die Zeit Johann Sebastian Bachs (1685-1750) als Hofkapellmeister Fürst Leopolds von Anhalt-Köthen in der Zeit von 1717 bis 1723. Damals entstanden unter anderem die Brandenburgischen Konzerte.

Grüsse
Volker