Sonntag, 7. September 2008

Zu den Rezensionen der "Mitteldeutschen Zeitung" vom 22. Bachfest in Köthen

Hallo zusammen,

für alle, die nicht zum 22. Bachfest in Köthen anwesend sein konnten, stelle ich vorab die Link-Angaben zur "Mitteldeutschen Zeitung" Köthen, hier bekannt.


Foto: Bannerwerbung am Köthener Schloss für die 22. Bachwoche (Fotorechte: V.Hege)

Aufführung der Johannes Passion von J.S. Bach als Eröffnungskonzert in der St. Jakob Kirche am 3.9.2008 in Köthen zur 22. Bachwoche, Monteverdi Choir, The English Baroque Soloists, Leitung Sir John Eliot Gardiner.



Foto: St. Jakob Kirche in Köthen (Fotorechte: V.Hege)

Rezension von Gardiner und dem Monteverdi Choir und English Baroque Soloists von der Johannes Passion in der St. Jakob Kirche, Köthen, als Eröffnungskonzert am 3. September 2008 von der MZ.

Köthen/MZ. Nach dem letzten Ton verharren John Eliot Gardiners Hände in der Luft, als wolle der Dirigent seinen Musikern den Segen spenden. Wie in Zeitlupe sinken sie schließlich herab - und dann nehmen die aus dem Bann entlassenen Zuhörer das Geschehen in die eigene Hand: Applaus für die "Johannes-Passion" mit den English Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir, Jubel zum Auftakt der Bach-Festtage in Köthen.

Es ist der 22. Jahrgang dieses Barockfestes, das einen relativ kurzen Abschnitt im Leben des Komponisten feiert. Mag sein, dass Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer die hier zwischen 1717 und 1723 entstandenen Werke auf die normale menschliche Produktivität umrechnete, als er Bach in seiner Eröffnungsansprache ganze 15 Jahre in Köthen andichtete. Immerhin bewies die Anwesenheit von vier Kabinettsmitgliedern aber das Wohlwollen, das Sachsen-Anhalt dem Festival entgegenbringt - und das es sich mit stetig wachsender Resonanz auch verdient. Bei der Güte der Interpreten sind hingegen naturgemäß Grenzen gesetzt. Denn wie will man ein Fest steigern, bei dem Sir Gardiner Stammgast ist?

Schon in den ersten Sekunden der dramaturgisch heiklen "Johannes-Passion" war klar, dass hier abermals Außerordentliches geschehen sollte. Wie lose Fäden einer Überlieferung musizierten die britischen Barock-Solisten den Auftakt, der sich im chorischen "Herr" zur Mischung aus Euphorie und Schrecken verdichtete. Der Monteverdi Choir war fortan Hauptakteur und Mitleidender im Passionsgeschehen, in seiner Mitte fand Gardiner nach bewährter Manier die Solisten, aus ihm schöpfte er szenische Dramatik wie innige Andacht.

Zwei Partien aber sind so wuchtig und wichtig, dass sich ihre Interpreten erst gegen Ende in die relativ kleine, aber mächtige Schar einreihen können. Peter Harvey singt einen gleichermaßen selbstbewussten wie schicksalsergebenen Christus, dessen Entrückung auf die Kanzel der Erniedrigung im Leiden zu widersprechen scheint. Und James Gilchrist ist ein Evangelist, wie man ihn kaum besser wünschen könnte: verlässlich und einfühlsam, ohnmächtig beobachtend und wütend kommentierend.

Da ereignet sich das Karfreitagsgeschehen wirklich Anfang September - und das in allen Farben optimal genutzte Orchester fegt wie ein schneidender Wind über Golgatha, während der Chor verzagt sein irrlichterndes "Wohin?" flüstert. Es gibt an diesem Abend natürlich keine Erlösung - aber einen Choral wie einen Weckruf, dessen letzte Zeile als Motto über der Lebensreise Bachs wie über der Spurensuche Gardiners stehen könnte: "Ich will dich preisen ewiglich!"

(Die Genehmigung zur Veröffentlichung am 8.9.2008 von der MZ erteilt !)

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Bach strömt durch Köthen

Auftritte der Ensembles von Thomas Hengelbrock und John Eliot Gardiner krönen das Fest

von Ute van der Sanden und Andreas Hillger, 07.09.08, 17:45h, aktualisiert 07.09.08, 20:44h

Bach-Nacht in Köthen
Foto: Auch einheimische Ensembles wie das Schlossconsortium beteiligen sich an der Bach-Nacht. (MZ-Foto: Heiko Rebsch)


Köthen/MZ. Die 22. Köthener Bachfesttage sind am Sonntag mit einem Konzert der Berliner Barocksolisten zu Ende gegangen. Intendant Hans Georg Schäfer sagte zum Abschluss, es seien weit mehr als die erwarteten 5000 Besucher gekommen. Auf dem Programm des Festivals standen 14 Veranstaltungen. Erstmals wurde auch im Bach-Saal gespielt, der in der einstigen Reithalle des Schlosses 450 Plätze bietet.

Vielleicht hätten die englischen Barock-Solisten Johann Christoph Bachs "Ach, dass ich Wassers gnug hätte" doch nicht so inbrünstig spielen sollen: Bei der Köthener Bach-Nacht erhörte der Himmel die Bitte jedenfalls und überschüttete das Publikum im Vorhof des Schlosses mit schweren Tropfen. Die gute Laune ließ man sich vom Regen freilich nicht vertreiben - und lauschte dem Jazz des König-Trios wie dem Kammerpop des Duos Cappriccio, den a-cappella-Piecen der blutjungen Nobiles und dem Schlossconsortium.

Drama und Andacht

Als Stargast der langen Nacht waren noch einmal jene Gäste angekündigt, die bereits zuvor in der Jakobskirche für Begeisterung gesorgt hatten. Thomas Hengelbrock hatte mit Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble jene beiden Klangkörper nach Köthen gebracht, die untrennbar mit seiner eigenen steilen Karriere in der Alten-Musik-Szene verbunden sind - und aus dem überreichen Kantatenschatz des Johann Sebastian Bach zudem drei Beispiele gewählt, die das Spektrum der Gattung von strenger Reflexion bis zur dramatischen Vergegenwärtigung ausschritten.

Dabei erwies sich Hengelbrock einmal mehr als energischer Durcharbeiter des musikalischen wie geistlichen Gehalts, der die Überblendung von religiöser und erotischer Verzückung in den Duett-Arien von "Wachet auf, ruft uns die Stimme" so stilsicher balanciert wie die altväterlich-kuriosen Ermahnungen in "Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei". Zu Gebote stand ihm dafür ein Orchester, das mit federnder Energie und geschmeidigem Volumen akzentuiert - und ein Chor, dessen Virtuosität in der Motette "Jesu, meine Freude" voll zum Tragen kam. Diese Sänger sind in kunstvollster Verwirrung so sicher wie in einträchtiger Andacht - bravo!

Für das Fest-Kontinuum aber sorgten andere Stars: Nachdem sie die Bachfesttage bereits mit der "Johannespassion" eröffnet hatten, legten John Eliot Gardiner und sein Orchester mit allen sechs Brandenburgischen Konzerten nach - drei im neuen Bach- und drei im alten Spiegelsaal. In beiden wurde die Luft schnell dick, vom alten Saal darf indes nichts anderes erwartet werden. Im Schloss fand zugleich die intensivere Begegnung der musikalischen wie der menschlichen Art statt. Die Freude war beiderseits: Das Publikum saß so nah am Podium, dass es in ehrfürchtige Dauerstarre fiel, die Musiker genossen den Schwung des Vormittags und die helle, direkte Akustik.

Die kammermusikalischen Dauersitzungen - es gab keine Pausen - strapazierten die Geduld der Zuhörer, musikantische oder aufführungspraktische Offenbarungen standen nicht an. Gleichwohl teilte sich in den kleinstmöglichen Besetzungen eine herrliche Vielfalt des Ausdrucks mit. Manchmal nur sieben, höchstens aber elf English Baroque Soloists intonierten aristokratisch, aber nicht verklemmt, mit sehr weichem Toneinsatz in den hohen Streichern und feuriger Grundierung durch Gamben, Celli und Bass. Sie nahmen die Ecksätze quicklebendig, sprühend virtuos, die langsamen betont verhalten und spirituell enthoben; jeder Satz ähnelte einem Pendel, der einen einzigen Impuls benötigt, um zum Schlussakkord durchzuschwingen.

Bravi vom Meister

Gute Laune verbreiteten die exponierten Hornstimmen im ersten Konzert, darin Jagdmotive mit fetzigen Schleifern über die Tutti-Teile gellten. Nach den Bläsern waren am Sonnabend im fünften, sechsten und dritten Konzert die Streicher dran - und der Finalsatz des letzteren swingte ungemein. Die große Cembalo-Partie: brillant und überraschend dezent. Claire Wilkinson, Altistin beim Monteverdi Choir, sah wunderschön aus und litt ebenso am Text. Nur besitzt ihre Stimme ein ganz flaches Brustregister, womit Johann Christoph Bachs Lamento nicht gedient war.

Das Publikum war dennoch hingerissen. Was sonst passierte: Der Oboist verlor sein Mundstück, die Bratscherin legte eine Ersatzsaite unters Pult. Sir Johns freitäglicher Sturz vom Podest war glimpflich abgegangen, tags darauf dirigierte er nur die Kantate "Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust" und überließ die Konzerte den sich aufs Vorzüglichste organisierenden Instrumentalisten - offenbar zur Zufriedenheit, denn Gardiner war stets der erste, der Bravi in den Saal warf.

(Die Genehmigung zur Veröffentlichung am 8.9.2008 von der MZ erteilt !)

Eine weitere Rezension von der Akademie für Alte Musik, Berlin, zum 22. Köthener Bachfest, nachstehend:


Zur Vergrößerung in das Bild klicken..!!

(Genehmigung zur Veröffentlichung von MZ am 8.9.2008 erteilt !)

Grüsse an alle

Volker

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Hallo,

danken möchte ich @Iris, für die Überlassung der Rezension von der Akademie für Alte Musik, Berlin, zum 22. Köthener Bachfest.

Das gleiche gilt für @Barbara, die mir den Link zur "Mitteldeutschen Zeitung" gegeben hat mit der Rezension zurJohannes Passion, dafür ebenfalls meinen herzlichen Dank.
Das Forum lebt und dafür bin ich allen Beteiligten zum Dank verpflichtet.

Herzliche Grüsse
Volker